mz_logo

Kultur
Donnerstag, 1. September 2016 27° 1

Wahrnehmung

Kunst macht Unsichtbares sichtbar

Mit einem deutschlandweit einmaligen Projekt werden in der Diözese Regensburg Pfarrgemeinden zur Auseinandersetzung mit Kunst ermuntert.
Von Harald Raab, MZ

Maria Maiers sechsteiliges Kollage-Werk „Kreuzungen“ gefiel der Kelheimer Pfarrgemeinde St. Pius so gut, dass es ständig dort bleiben soll – ein Erfolg des Projekts „Da-Sein in Kunst und Kirche“ des Diözesanmuseums Regensburg.

REGENSBURG. Autonomie und Objektivismus – die großen Postulate der Kunst spätestens seit der Aufklärung – sind nicht unbedingt im Geist der Kirchen entstanden. Und trotzdem: Die Trostunfähigkeit der säkularen Welt, die Kälte, die Vereinsamung in den heutigen leistungsbestimmten Gesellschaften, das sind gleichermaßen Themen der Künstler und der Seelsorger.

Die Suche nach Wahrheit, die Auflehnung gegen die Entwertung aller menschlichen Werte verbindet beide Sphären. Dazu kommt, dass es genügend Anzeichen gibt, dass wieder Wege in eine postsäkulare Epoche zu gehen scheinen. Die Wertschätzung nach Gebrauchsfähigkeit und Ausbeutungsmöglichkeit der Menschen und der Welt: Das kann doch nicht alles gewesen sein. Suche nach Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens und ebenso der Natur rücken wieder mehr ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Die Glaubensfrage wird wieder ernsthafter gestellt, auch dort, wo man es bislang nicht gerade vermutet hätte.

In dieses sich wandelnde Umfeld passt eine in deutschen Diözesen wohl einmalige Aktivität. Unter dem Motto „Da-Sein in Kunst und Kirche“ hat das Regensburger Diözesanmuseum in Verbindung mit der Künstlerseelsorge vor drei Jahren ein Projekt gestartet, das aktuelle Kunst regionaler und überregionaler Künstlerinnen und Künstler und die Auseinandersetzung mit ihr in die Pfarrgemeinden getragen hat. Eine Erfolgsgeschichte, wie Friedrich Fuchs vom Diözesanmuseum nachweisen kann.

Die zündende Idee freilich hatte ein ehemaliger Landpfarrer, der heute 80 Jahre alte Geistliche Josef Roßmeier, ein exzellenter Kunstkenner und Sammler. Er machte den Vorschlag, Pfarrgemeinden mit aktueller Kunst in Berührung zu bringen. Das heißt praktisch: Bilder, Skulpturen, Installationen in den Kirchen zu zeigen.

Der Museumsmann Fuchs: „Wir haben uns vorher schon immer wieder einmal darum bemüht, Künstler und Pfarrer miteinander ins Gespräch zu bringen. Außer gute Absichten ist dabei wenig Konkretes herausgekommen.“ Pfarrer Roßmeiers Anstoß brachte die Wende. An Künstler und Künstlerinnen innerhalb und auch außerhalb der Diözese erging die Aufforderung, Werke einzureichen, die sich nicht direkt auf eine engere kirchliche Thematik beschränken – narrative Auseinandersetzung mit biblischen Ereignissen, mit der Heilsgeschichte gar. Die Themenstellung war weiter gefasst: Existenzielle Erfahrungen der Menschen mit Trauer und Hoffnung, mit Wut und Verzweiflung, mit Freude und Enttäuschung, mit Verlust, Einsamkeit und dergleichen. „Das Interesse der Künstler war überraschend positiv“, erinnert sich Fuchs.

Arbeiten mit den Werken

Eine Jury wurde gebildet. „Aber nicht, um die Werke nach christlichen Kriterien zu zensieren“, versichert Fuchs. „Es ging um Qualität und praktische Fragen, wie die Arbeiten in Kirchenräumen unmittelbar unter den Menschen installiert werden können.“

In einer zweiten Runde wurden kunstinteressierte Pfarrer mit Vertretern ihrer Gemeinde eingeladen. Sie konnten sich Kunstwerke aussuchen, die sie zeigen, mit denen sie sich beschäftigen wollten. Künstlerseelsorger Werner Schrüfer: „Es geht bei dem Projekt nicht um eine bloße Ausstellung von Kunst. Die Gemeinden sollen mit den Werken arbeiten, in Gesprächen, Meditationen, Predigten.“ Aktuelle Kunst sei in Kirchen so gut wie nicht vorhanden. „Aber“, so Schrüfer, „der Glaube soll sich ja im Heute vollziehen, wie es das Konzil vorgegeben hat. Wir müssen also auch heutige Formen finden für das, was den Glauben ausmacht.“

„Sich mit grundsätzlichen Fragen der Menschen auseinanderzusetzen, das war genau der richtige Ansatz“, bestätigt Friedrich Fuchs. „Viele Künstler haben mir gesagt, diesen Weg könnten sie mitgehen.“

Tradierte Kirchenkunst erzählt Geschichten, moderne Kunst vermittelt Atmosphären, ästhetische Gefühle, bedient sich oft der Abstraktion. Das ist für Kirchenbesucher eine neue Herausforderung. Mit gespannter Erwartung begann das Projekt in der Mariä-Himmelfahrt-Kirche in Adlersberg am 24. September 2011. Sabine Straub hatte ihre Installation „Spieglein, Spieglein“ eingebracht, eine Arbeit, die Wahrnehmungsphänomene hinterfragt. Ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks interviewte Kirchenbesucher vor und nach dem Gottesdienst. Skepsis bis Ablehnung davor und danach erfreutes Erstaunen über den Erkenntnisgewinn durch die „tolle“ Predigt des Pfarrers und das Gespräch mit der Künstlerin. „Genau das ist unsere Absicht“, freut sich Fuchs. „Wir wollen Wahrnehmung schulen, Bewusstsein erweitern und damit herkömmliche Sichtweisen aufbrechen. Die Menschen sollen sich für Neues öffnen.“

Ein Härtetest – und ein Erfolg

Im Kloster Speinshart ersetzte Astrid Schröders überdimensionales, meditatives Linienwerk das Altarbild. Alfred Böschl platzierte ebenfalls in Speinshart einen 2,10 Meter hohen Flügel aus Eichenholz, ultramarin pigmentiert. Der Holzbildhauer Nikodemus Löffl konfrontierte in Hienheim, Landkreis Kelheim, die Gemeinde St.Georg mit einem völlig abstrakten Kreuzweg. „Ein Härtetest“, wie sich Fuchs ausdrückt – aber „auch ein Erfolg“. Raoul Kaufer, Alois Achatz, Renate Haimerl-Brosch, Heiner Riepl, Notburga Karl, Michaela Geissler, Liz Zitzelsberger und einige mehr haben sich auch mit ihren Arbeiten engagiert. Dabei sind auch Arbeiten, die nicht nur Harmonie und Konsens stiften, sondern zu kritischen Weltbetrachtung auffordern.

Die Regensburger Künstlerin Maria Maier war bereits zweimal dabei, erst in Waldsassen mit ihrer Fotoarbeit „Lust I,/II/III“ und dann in der Kelheimer Kirche St. Pius. Ihre sechsteilige Collagearbeit „Kreuzungen“, 2 auf 2,4 Meter groß, hat in der Pfarrgemeinde so großen Anklang gefunden, dass man sich entschlossen hat, sie anzukaufen und als spirituell-meditatives Element im Kirchenraum zu behalten.

Neue Schaffenskraft

Pfarrer Markus Meier: „Der Künstlerin Maria Maier ist durch das ständige Übermalen und Überkleben ein gutes Beispiel für die Vielschichtigkeit und immer wieder neue Schaffens- und Formungskraft des Augenblicks gelungen. Die Künstlerin freut sich: „Ein für mich bedeutendes Frühwerk hat hier den richtigen Platz gefunden, nachdem es schon einmal in den Diözesanmuseen Brünn, Opeln und Regensburg gezeigt werden konnte.“

Ankäufe werden freilich eine Seltenheit bleiben. Die Gemeinden haben kein Geld. Jedoch hofft Friedrich Fuchs, dass sich ein Leasingverfahren installieren lässt, mit dem die Künstlerinnen und Künstler für ihre Auslagen entschädigt werden können. Jedenfalls soll das Projekt weitergehen. Das Interesse in den Pfarreien nimmt ständig zu.

Künstlerseelsorger Werner Schrüfer sieht in der Aktion auch einen geistigen Zugewinn für Künstlerinnen und Künstler: „Der christliche Glaube ist eine Form der Existenz. Wenn Künstler erleben, dass sich in der Auseinandersetzung mit ihrem Werk auch christliche Inhalte ergeben, ist das doch zu begrüßen. Es muss nicht sein, es kann aber. Künstler und Künstlerinnen können durch solche Begegnungen Impulse aus christlicher Sicht für ihr Schaffen bekommen.“

Links zu diesem Artikel

Kommentare (0) Regeln Unsere Community Regeln

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht