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Kultur
Freitag, 24. November 2017 13° 3

Schau

Kunst-Reise durch Raum und Zeit

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie hat umgestellt. Das Konzept überzeugt; auch wenn viele Künstler umziehen mussten.
Von Ulrich Kelber, MZ

  • Museumsdirektorin Dr. Agnes Tieze hat die Schausammlung dezent umgestaltet – und das hat sich gelohnt. Fotos: Peter Ferstl, Regensburg
  • Museumsdirektorin Dr. Agnes Tieze hat die Schausammlung dezent umgestaltet – und das hat sich gelohnt. Fotos: Peter Ferstl, Regensburg
  • Museumsdirektorin Dr. Agnes Tieze hat die Schausammlung dezent umgestaltet – und das hat sich gelohnt. Fotos: Peter Ferstl, Regensburg
  • Museumsdirektorin Dr. Agnes Tieze hat die Schausammlung dezent umgestaltet – und das hat sich gelohnt. Fotos: Peter Ferstl, Regensburg

Regensburg.Der „Zinkfraß“ hatte das nicht einmal 20 Jahre alte Museumsdach völlig ramponiert. 1,5 Millionen Euro hat es gekostet, die Korrosionsschäden am Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu beseitigen. Während die Räume im Erdgeschoss, wo die Wechselausstellungen gezeigt werden, weiter genutzt werden konnten (zur Zeit ist dort mit „Artige Kunst“ eine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu sehen), musste die Schausammlung im Obergeschoss geschlossen werden.

Doch jetzt ist es soweit: „Die Neue“ kündigt sich an. Und das „neu“ stimmt tatsächlich. Museumsdirektorin Dr. Agnes Tieze hat ein sehr kluges Konzept für die Präsentation gefunden. „Woher kommen wir, wohin gehen wir“ heißt jetzt das Motto. Das klingt zunächst nur nach anderen Worten für das bisherige „Erinnerung und Vision“, wie es 2005 die damalige Direktorin Dr. Ulrike Lorenz erdacht hatte. Die hatte damals vor allem auf ein ungewöhnliches Farbkonzept gesetzt und die Ausstellungsräume in Rot, Blau oder Orange ausmalen lassen.

Kollwitz musste umziehen

Nachfolgerin Tieze mag es da lieber dezent: Die Wände sind nun wieder in Weiß oder in Grau gehalten. Dieser neutrale Hintergrund tut den Bildern gut, sie kommen nun deutlich besser und wirkungsvoller zur Geltung. Geblieben ist eine Gliederung nach Themenbereichen, denn die Konfrontation von Bildern unterschiedlichster Stilrichtungen sorgt für mehr Spannung als eine chronologische Abfolge. So gibt es jetzt auch keine eigenen Räume mehr für die Bilder von Lovis Corinth oder die Skulpturen von Käthe Kollwitz, sondern deren Werke werden dort gezeigt, wo sie thematisch hinpassen.

Von Kokoschka bis Hablik

Bei Käthe Kollwitz ist das mit ihrer „Pieta“ und ihrer „Klage“ vor allem der Eingangsraum der Ausstellung, in dem es um den Untergang der Weimarer Republik, um die NS-Verbrechen, um den Krieg und seine Folgen geht. Sie habe hier die Ereignisse darstellen wollen, die für den Stiftungsauftrag des Kunstforums ausschlaggebend seien, erklärt Dr. Tieze.

Die Gemälde von Wolf Röhricht und Eugen Spiro zur Beerdigung von Außenminister und Nobelpreisträger Gustav Stresemann 1929 erinnern an die Friedensbemühungen, die dann nach der Machtergreifung Hitlers 1933 zunichte gemacht wurden. Für das Kriegsgrauen stehen die Bilder von Bernhard Heisig (Festung Breslau) und Anselm Kiefer (Noch ist Polen nicht verloren), während Hans Fronius mit dem Gemälde „Mauthausen“ und Arthur Steiner mit der Skulptur „Terror Buchenwald“ die NS-Untaten in den Konzentrationslagern anprangern. Es ist gut, dass die Ausstellung hier so eindeutig Stellung bezieht.

Zu einer „Reise durch Zeit und Raum“ – so formuliert es Dr. Tieze – soll die Schausammlung einladen, wobei der „Blick auf die Geschichte und den künstlerischen Dialog gerichtet“ werde. Da geht es mit Gemälden aus dem 19. Jahrhundert ganz konkret um Stadtansichten von Breslau, Prag oder Leitmeritz, es werden Kunstzentren wie Danzig und Königsberg vorgestellt. Besonders gelungen wirkt der Saal, der der Prager Sezession gewidmet ist. Hier finden sich Gemälde von Oskar Kokoschka, Emil Orlik, August Brömse, Josef Hegenbarth, Anton Kolig oder Wenzel Hablik. Reizvolle Gegenüberstellungen gibt es auch in den Räumen, die unter dem Leitthema „Orte der Inspiration“ stehen. Im 19. Jahrhundert war das für Künstler wie Arthur Blaschnik vor allem Rom, während Ludwig Richter beispielhaft für die Landschaftsmalerei der Zeit steht.

Der Austausch funktioniert

Wasser, Strand, Badende: Das macht Agnes Tieze bei den Künstlern des beginnenden 20. Jahrhunderts als einen der bevorzugten „Ort der Inspiration“ aus. Zu sehen sind da ein ganz frühes Bild von Max Beckmann „Trüber Abend am Meer“ von 1908, dann „Badende“ von Waldemar Rösler, eine Havellandschaft von Theo von Brockhusen, oder „Sturm auf Hiddensee“ von Ivo Hauptmann. Im Kontrast zu diesen noch vom Impressionismus geprägten Künstlern stehen dann die Bilder der Expressionisten wie Max Pechstein, Lyonel Feininger oder Karl Schmidt-Rottluff.

In diesem Bereich finden sich auch ein Walchensee-Bild von Lovis Corinth oder sein Gemälde „Am Strand von Forte die Marmi“. Etwas überraschend taucht ein Corinth-Gemälde auch in dem Raum auf, der der Breslauer Akademie gewidmet ist, mit der Corinth eigentlich überhaupt nichts zu tun hatte. Die Erklärung von Agnes Tieze: Das Corinth-Gemälde „Diogenes“ von 1891/92 habe sich im Besitz des Breslauer Akademiedirektors Oskar Moll befunden. Wirklich zur Breslauer Akademie gehörten Otto Mueller, Carlo Mense, Johannes Molzahn, Arno Henschel oder Alexander Kanoldt, die mit exemplarischen Werken vorgestellt werden.

Wie sehr sich das Kunstforum gewandelt hat, wird in dem Raum „Dialog Ost-West“ veranschaulicht. Die Kette aus Dornenkränzen von Dorota Nieznalska oder Jiri Kolars „Venus nach Boticelli“ zeigen, dass der Austausch mit den Nachbarländern funktioniert. Der Lovis-Corinth-Preis, der in Regensburg verliehen wird, gehört zu den „Aushängeschildern“ des Kunstforums. Im „Oktogon“ werden einige Preisträger vorgestellt. Neben dem „Großen Martyrium“ des Namengebers Corinth finden sich hier Bilder und Objekte von Markus Lüpertz, Bernard Schultze, Daniel Spoerri sowie ein Foto-Zyklus von Timm Rautert über den Maler Neo Rauch.

Nicht nur bekannte Namen

Insgesamt finden sich in der neuen Schausammlung jetzt 130 Werke, vor allem Gemälde und nur wenige Skulpturen (während der gesamte Sammlungsbestand des Museums 2000 Gemälde und 500 bildhauerische Arbeiten umfasst). Bei ihrer Auswahl hat Direktorin Tieze nicht nur auf bekannte Namen gesetzt. Etliche Exponate waren noch nie ausgestellt, andere Werke kamen als Leihgaben aus verschiedenen Museen und aus Privatsammlungen hinzu. Es gibt also viele Entdeckungen zu machen – beispielsweise die „Amazone auf Schimmel“ von Arthur Degner oder die „Nacht des Aberglaubens“ des Malers und Karikaturisten Max Radler.

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