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Kultur
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Kunst

Kunstmuseum Basel zeigt Frühwerk von Chagall

Chagall der Träumer, der Poet, der mit den kräftigen Farben, der fürs ärztliche Wartezimmer: Das sind gängige Klischees über den Maler, denen das Kunstmuseum Basel nun etwas entgegensetzt.
Von Christiane Oelrich, dpa

  • Marc Chagall, Die Hochzeit, 1911. Foto: Patrick Straub
  • Meret Meyer, die Enkelin von Marc Chagall, besucht die Ausstellung „Chagall - Die Jahre des Durchbruchs 1911-1919“ in Basel. Foto: Christiane Oelrich
  • Fotografien von Solomon Judowin im Kunstmuseum Basel. Foto: Patrick Straub
  • Marc Chagall, Der Jude in Hellrot, 1915. Foto: Patrick Straub

Basel.„Aufbruch in den Krieg“, „Abschied nehmende Soldaten“ - Zeichnungen mit solchen Namen bringt man nicht gerade mit dem Malerpoeten Marc Chagall (1887–1985) in Verbindung. Träumerische Motive, kräftige Farben, fliegende Menschen, Blumensträuße - das ist der vertraute Chagall.

In der Ausstellung „Chagall - die Jahre des Durchbruchs 1911-1919“ befasst sich das Kunstmuseum Basel jetzt mit der frühen Schaffensphase von Chagall. Die Tuschezeichnungen mit den Kriegsmotiven stammen aus dem Jahr 1914.

„Chagall-Ausstellungen gibt es - ich will nicht sagen: wie Sand am Meer, aber doch viele. Diese hier ist aber etwas sehr Besonderes,“ sagt Chagalls Enkelin Meret Meyer in Basel. Sie sieht das politische Bewusstsein ihres Großvaters gewürdigt, die „delikate Stärke“, wie sie sagt, mit der seinen visionären Empfindungen herausgearbeitet sind.

„Es steht natürlich jedem frei zu sehen, was er sehen will. Aber auch die Blumensträuße sind nicht einfach hingekleckst, sondern genau überlegt.“ Meyer ist Vizepräsidentin des Pariser Comité Marc Chagall, das sich um das Vermächtnis kümmert. Sie wuchs in Basel auf, weil ihre Mutter Ida, Chagalls Tochter, den einstigen Direktor des Kunstmuseums, Franz Meyer, geheiratet hatte.

Dass Chagalls Werke keiner träumerischen Spontaneingebung entspringen, belegt die Ausstellung, indem sie Vorstudien neben vollendeten Werken zeigt. Die Ausstellungsmacher verweisen auf versteckte Motive: ein Tintenfass auf dem Dach, ein Hausierer, der über Häuser geht. Das seien so etwas wie kleine Rätsel, die oftmals auf jüdische Redewendungen zurückgingen. „Das widerlegt das Klischee des Träumers“, sagt Museumsdirektor Josef Helfenstein. Die vielen Selbstporträts zeigten, dass Chagall sich auch selbst immer wieder in Frage gestellt habe.

Chagall wurde in Witebsk (heute Weißrussland) in ärmlichen Verhältnissen geboren. Er malt früh, geht an die Kunstakademie St. Petersburg, doch wird ihm die Welt bald zu eng. 1911 zieht er nach Paris. Erst hat er Heimweh, dann taucht er begeistert in die Künstlerszene ein. „Er hat seine Selbstständigkeit aber durchgezogen“, sagt Helfenstein. „Er hintergeht das Tabu der Avantgarde, dass Bilder nichts erzählen sollen.“

1914 wird Chagall, schon ein bekannter Maler, bei einem Heimatbesuch vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und sitzt fest. Er bleibt acht Jahre, wird zum begeisterten Anhänger der Revolution, gar Kulturkommissar in seiner Heimat. Mit seinem Freigeist eckt er aber an und geht schließlich über Berlin zurück nach Paris.

Der, der keine Heimat hatte: der Luftmensch, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, das ist ein typisches Chagall-Motiv. „Die tragische Situation des Ausgestoßenen verarbeitet Chagall durch Schwerelosigkeit, Leichtigkeit, Pfiffigkeit, (Selbst-)Ironie“, schreibt Historiker Heiko Haumann im Katalog. Auch sich selbst und seine Frau Bella sowie Ida malt Chagall als Fliegende über Witebsk.

Immer wieder Witebsk: ein unerschöpflicher Ideenpool für Chagalls Sujets: Bauersleute, Tiere, Kutschwagen, der Dorfladen seiner Mutter, oft bunt und verspielt, wie in der Erinnerung verklärt. Wie es wirklich war, zeigen hier teils unveröffentlichte Fotografien aus der Zeit. Solomon Judowin fotografierte zwischen 1912 und 1914 in den jüdischen Schtetls in Russland, wie Witebsk es war. Da sieht man die Bauern mit abgewetzten Jacken, den Putz, der von den Wänden fällt, den ärmlichen Schuhmacher. Und einen Jungen, vielleicht elf oder zwölf, mit einer Zigarette im Mund, der barfuß am Boden sitzt.

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