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Kultur
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Ausstellung

Lebensangst und Weltverträumtheit

Einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts: Das Lothar-Fischer-Museum in Neumarkt präsentiert Wilhelm Lehmbruck.
Von Ulrich Kelber, MZ

„Geneigter Frauenkopf“ heißt diese Büste, die Wilhelm Lehmbruck 1911 schuf. Sie ist Teil der neuen Ausstellung im Lothar Fischer Museum in Neumarkt. Fotos: LFM

Neumarkt.Als Wilhelm Lehmbruck 1910 nach Paris übersiedelte, war für ihn endlich der Weg frei: In Frankreich konnte er sich vom akademischen Naturalismus lösen, der die Bildhauerkunst im wilhelminischen Deutschland prägten. Bahnbrechend für sein Schaffen wurde die 1911 entstandene „Kniende“, eine mädchenhaft-grazile Akt-Figur mit auffallend überlängten Proportionen. Anmutig, geheimnisvoll und verletzlich wirkt sie, aber auch ganz in sich versunken und unnahbar.

Der mit Lehmbruck befreundete Schriftsteller und Kunstkritiker Theodor Däubler rühmte dieses Werk als „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“. Es war so modern und revolutionär, dass sich später die Nazis daran störten und es 1937 in der Feme-Schau „Entartete Kunst“ präsentierten. Über 100 Werke Lehmbrucks wurden damals aus den Museen entfernt, einige davon sogar zertrümmert.

Bergarbeitersohn aus Duisburg-Meiderich

Die „Kniende“ ist jetzt (als posthumer Bronzeguss) im Museum Lothar Fischer zu sehen. Die Ausstellung umfasst rund 30 Arbeiten, vor allem Porträt-Büsten. Sie gibt aber auch einen Einblick in das grafische Schaffen des Künstlers. Die Leihgaben, die bis auf wenige Ausnahmen die Pariser Jahre in den Mittelpunkt stellen, stammen aus dem Duisburger Lehmbruck-Museum.

„Die Knieende“ aus dem Jahr 1911

Wilhelm Lehmbruck, der 1881 geborene Bergarbeitersohn aus Duisburg-Meiderich, konnte dank eines Stipendiums an der Kunstgewerbeschule und an der Kunstakademie Düsseldorf studieren. 1907 reiste er erstmals nach Paris und konnte gleich einige seiner Skulpturen im Grand Palais ausstellen. Waren Rodin und Maillol zunächst seine Vorbilder, knüpfte er dann, als er am Montparnasse ein Atelier und eine Wohnung für seine Familie gefunden hatte, Kontakte zu Brancusi, Archipenko, Léger oder Modigliani.

Spiel mit den Möglichkeiten des Materials

In diesem anregenden künstlerischen Umfeld konnte Lehmbruck dann seine abstrahierende Formensprache entwickeln, wobei die menschliche Figur aber immer im Mittelpunkt blieb. Von „gotisierender Verinnerlichung“ und von „Lebensangst und Weltverträumtheit“ wurde bei seinen Skulpturen gesprochen, weil sie so konsequent auf den bildnerischen Ausdruck seelischer Empfindungen setzen.

Ein Selbstbildnis des Künstlers aus dem Jahr 1910. Damals war er 29 Jahre alt.

In Neumarkt lässt sich gut erkennen, wie experimentell Lehmbruck arbeitete. Ob Bronze, Steinguss oder Ton: Gerne erprobte er die unterschiedliche visuelle Wirkung des Materials. So bekam die Terrakotta-Büste, bei der er 1910 seine Frau Anita porträtierte, eine anthrazitfarbene Fassung. Der Steinguss beim einem „Frauenkopf“ aus dem gleichen Jahr wirkt durch die rötliche Tönung besonders effektvoll. Und ebenso variierte Lehmbruck einzelne Motive, formte sie als Ganzkörperfigur, als Torso oder auch als Porträtbüste aus. In Neumarkt wird das mit der „Büste der Knienden“ und mit der „Büste des emporsteigenden Jünglings“ veranschaulicht.

Er wurde schnell weltweit bekannt

Schnell stellte sich der Erfolg ein. Lehmbrucks Werke waren bei vielen bedeutenden Ausstellungen zu sehen. Ein großformatiges Foto beweist, dass er sogar bei der legendären Armory-Show 1913 in New York vertreten war, wo Künstler der europäischen Avantgarde präsentiert wurden.

Wilhelm Lehmbruck in Neumarkt

  • Die Ausstellung:

    „Wilhelm Lehmbruck. Porträts und anderes…“ wird am Sonntag, 7. Februar, um 11.30 Uhr im Museum Lothar Fischer in Neumarkt, Weiherstraße 7a, eröffnet. Eine Einführung in das Werk gibt Dr. Marion Bornscheuer, Kustodin am Lehmbruck-Museum in Duisburg. Die Enkelin des Künstlers, die Architektin Christine Rotermund-Lehmbruck, wird ebenfalls zur Eröffnung sprechen.

  • Film und Rahmenprogramm:

    Bis 22. Mai ist die Ausstellung im Lothar Fischer Museum zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr (ab April bis 18 Uhr). Während der Öffnungszeiten wird ein Videofilm gezeigt, der umfassend über Künstler und Werk informiert. Führungen, ein Paul-Cassirer-Filmabend (3. März) und ein Vortrag (7. April) von Dr. Ursel Berger, ehemalige Direktorin des Berliner Georg-Kolbe-Museums, gibt es im Begleitprogramm

Die Zäsur kam 1914 mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. Lehmbruck musste Paris verlassen. In einem Berliner Kriegslazarett wurde er als Sanitäter eingesetzt. Was er dort erlebte, hat ihn offensichtlich schwer erschüttert. Jedenfalls entstanden in dieser Zeit zwei seiner berühmtesten und ausdrucksstärksten Werke: Die von Trauer, Schmerz und Leid gezeichneten Männerfiguren „Der Gestürzte“ und „Sitzender Jüngling“ (in Neumarkt zumindest auf einem Großfoto präsent). Es sind ungewöhnliche Mahnmale, die sich – ähnlich wie die Pieta von Käthe Kollwitz – radikal absetzen vom nationalen Pathos der üblichen Kriegerdenkmale.

Syphilis und eine unglückliche Liebe

Aber „Der Gestürzte“ drückt nicht nur Lehmbrucks Protest gegen den Krieg aus, sondern spiegelt auch die eigene Situation des Künstlers, der zunehmend von Verzweiflung und Depressionen geplagt wurde. Die wurden noch verstärkt, als der Bildhauer sich bei einem „Leichtsinns-Abenteuer“ mit Syphilis angesteckt hatte. Im Dezember 1916 konnte Lehmbruck Deutschland verlassen und Zuflucht in Zürich finden. Dass er in engem Kontakt mit den dort versammelten Pazifisten stand, belegen Zeichnungen, in denen er die Schriftsteller Hans Bethke und Leonhard Frank porträtierte.

Ein marmorner „Mädchenkopf“, entstanden vermutlich im Jahr 1903

In Zürich begegnete er auch der 19-jährigen Schauspielerin Elisabeth Bergner, die bald einer der großen Stars des deutschen Theaters werden sollte. Er war völlig von ihr hingerissen und entwickelte zu ihr eine unglückliche, ja wahnwitzige Liebe. Auf einer Kreidezeichnung porträtierte er sie mit theatralisch zurückgeworfenem Kopf, einer fast narzisstisch anmutenden Pose. Auch das Gemälde „Zwei Köpfe“ zeigt wohl eher, wie sich Lehmbruck die Beziehung erträumte – und nicht, wie sie tatsächlich war.

Mit 38 Jahren nahm er sich das Leben

Das tragische Ende: Im März 1919 schickte Lehmbruck aus Berlin an die inzwischen in Wien engagierte Elisabeth Bergner ein Telegramm: „Wenn du mich retten willst, komm zurück!“ In ihren 1978 veröffentlichten Erinnerungen „Bewundert viel und viel gescholten“ berichtete die Schauspielerin, dass sie auf diese Bitte nicht reagiert habe. Zwei Tage später habe sie dann in der Zeitung die Nachricht vom Suizid Lehmbrucks gelesen. „Ich muss ein ahnungsloses Ungeheuer gewesen sein“, schrieb sie. Erst der Psychoanalytiker Alfred Adler habe ihr die Schuldgefühle ausreden können.

Nur 38 Jahre alt wurde Lehmbruck. Aber die kurze Schaffenszeit reichte aus, ihm den Platz in der Kunstgeschichte zu sichern als Wegbereiter der modernen Kunst. Bis heute ist er ein Vorbild für figürlich arbeitende Bildhauer geblieben.

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