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Kultur
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Premiere

Lehman Brothers, ganz kühl betrachtet

Josua Rösing inszeniert am Theater Regensburg den Aufstieg einer Dynastie, deren Fall 2008 die Welt erbeben lässt.
Von Marianne Sperb, MZ

Eine Brille auf einer Zeitung, die Kurse von Lehman-Brothers-Titeln zeigt: Nicht der Crash, sondern der Aufstieg des amerikanischen Geldhauses ist der Stoff der neuen Regensburger Inszenierung. Foto: dpa

Regensburg.Als Lehman Brothers am 15. September 2008 Insolvenz anmeldete, stürzte die Finanzwelt in ein schwarzes Loch von nicht gekannter Tiefe. Erstmals war ein systemrelevantes Investmenthaus nicht mehr too big to fail, also zu groß um unterzugehen. Die Welt musste zur Kenntnis nehmen: Alles ist möglich. Die Verluste der internationalen Banken addierten sich bereits im Sturzflug auf 500 Milliarden Dollar. Der Kollaps des US-Geldhauses erschütterte die globale Wirtschaft nachhaltig.

Am Theater Regensburg kommt der Stoff jetzt auf die Bühne, in einer Inszenierung von Josua Rösing, einem jungen Regietalent aus Berlin. In dem Stück von Stefano Massini klingt der größte Unternehmenscrash der US-Geschichte nur leise durch. Wie ein konstantes gedämpftes Grundbrummen, ein Klang aus dunkler Zukunft, unterlegt der Kollaps von 2008 die Geschichte der „Lehman Brothers“.

Der amerikanische Traum wird wahr

Der italienische Autor setzt 1844 an. Er richtet den Zoom auf die Anfänge einer Dynastie, die in Franken wurzelt und in der Neuen Welt groß wird. Heyum Lehmann, ein Jude aus Rimpar, kommt mit nichts als einem Koffer im gelobten Land an. Henry Lehman, wie er sich nennt, wird den amerikanischen Traum realisieren. Er verkauft Stoff, zuerst allein, dann mit den Brüdern Emanuel und Mayer. Bald handeln die Drei mit dem Rohstoff Baumwolle. Sie etablieren ein Kreditsystem für Kunden, nehmen Kaffee und Erdöl ins Portfolio auf, investieren in Eisenbahn und Rüstungsindustrie.

Regisseur Josua Rösing inszeniert „Lehman Brothers“ in Regensburg. Foto: Jens Blum

Regisseur Josua Rösing und Dramaturgin Meike Sasse haben kräftig gekürzt und konzentrieren sich auf drei Kapitel: die drei Brüder und die Gründerjahre; Väter und Söhne und der Generationenkonflikt; und schließlich der letzte Lehman in der Bank, der „unsterbliche“ Bobby.

Nach dem Beginn, der noch recht plastisch erzählt wird, nimmt „Lehman Brothers“ Fahrt auf. Das Rad dreht sich schneller, die Lehmans verlieren immer mehr die Nähe zu ihrem Besitz und ihrem Tun. Lange Einstellungen weichen kürzeren Schnitten, das Geschehen zersplittert, bis wie in einem Rausch alles vorbeifliegt. Das Stück endet in den 1980ern. Die Bank der Lehmans steht auf dem Gipfel.

Ein geschockter Broker am 15. September 2008 in der Börse Frankfurt vor der Dax-Kurve: Nicht der Crash, sondern der Aufstieg von Lehman Brothers ist der Stoff der neuen Regensburger Inszenierung. Foto: dpa

Massini gibt seinen Figuren wenig psychologische Tiefe. Sie fungieren als Akteure in einer Anatomie des Kapitalismus. Josua Rösing setzt das Stück mit acht Schauspielern um, die als Sprechkörper auftreten und Rollenanteile verkörpern: „Ein Team, so offen und neugierig, wie ich es mir nicht besser erträumen könnte.“

Räume spielen in der Regensburger Inszenierung kaum eine Rolle, dafür Live-Videos und die Musik.

Das Stück bietet keine Haltung an

Mit Thies Mynther ist eine große Nummer mit an Bord. Der Sounddesigner aus Berlin, der zum Beispiel für Tocotronic Synthesizer-Sounds einspielte, begleitet den wirbelnden Aufstieg einer Dynastie und die Entwicklung der Figuren mit sich steigernden, repetitiven und splitternden Elektroklängen, die teilweise versetzt zum Geschehen auf der Bühne zu hören sind und ihrer eigenen Dramaturgie folgen.

Thies Mynther Foto: Peter Hoennemann

Mynther hat seit 1989 bei mehr als 100 Alben als Musiker, Autor und Produzent mitgewirkt. In vielen Bands gehörte er zum Stamm, etwa bei Phantom Ghost, Stella und Superpunk, und er hat mehr als 1000 Konzerte bestritten. Josua Rösing arbeitete bereits mehrfach mit Mynther zusammen.

„Lehman Brothers“ bietet keine Erklärmuster an. Das Stück bezieht keine Opfer- oder Täter-Position und gibt keine Haltung vor. „Aber wer eine Haltung hat“, sagt Josua Rösing, „kann sie in dem Stück natürlich finden.“

Premiere von „Lehman Brothers“ ist am Samstag, 4. Februar, 19.30 Uhr, im Velodrom Regensburg.

Sehen Sie hier ein Video von „Lehman Brothers“, inszeniert am Schauspiel Köln.

„Der Besuch der alten Dame“ am Deutschen Theater Berlin, mit Musik von Thies Mynther: hier ein Video

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