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Kultur
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

MZ-Schwerpunkt

Lichtgestalten im Bayerwald

Von wegen hinterwäldlerisch! Die Region um Cham und Bad Kötzting hat in Sachen Kultur viel zu bieten.
Von Marianne Sperb

Kultur-Beweger Thomas E. Bauer vor dem Konzerthaus Blaibach, das den Rahmen für außergewöhnliche Klassikkonzerte schenkt. Fotos: Marianne Sperb / Judith Kinitz

Cham.Am äußersten Zipfel der Oberpfalz, 20 Kilometer von der Grenze zu Tschechien entfernt, eröffnete 2014 das Konzerthaus Blaibach. Wie ein rätselhafter, schöner Meteorit schlug es mitten in dem Dorfplatz ein, kühl und kompromisslos geformt, aber: in heimischen Granit gehüllt. Das Haus wurde ein Sinnbild dafür, wie Tradition und Avantgarde in der Region um Cham und Bad Kötzting zusammenfinden.

Die Welt zu Gast im Dorf: Pianisten wie Kit Armstrong und Sergei Babayan spielen hier, junge Sänger der Bayerischen Staatsoper gastieren, Stars wie Thomas Hengelbrock stehen am Pult. Bariton Thomas E. Bauer und seine Unterstützer haben das Projekt gegen alle Widerstände aufs Gleis gesetzt. Das Konzerthaus wird heute auch in Peking und New York besprochen, die Gäste reisen aus 100, aus 200 Kilometern an, 2019 kommt es auf eine Briefmarke.

„Der Werbeeffekt für die Region ist enorm“, sagt der Professor. Was war sein Antrieb? Der Kulturvermittler verweist er auf seine Wurzeln: Als er 1970 in Metten zur Welt kam, gab es rundum noch Häuser ohne Strom- und Wasseranschluss. Heute haben in der Region Hightech-Unternehmen und Weltmarktführer den Sitz. Analog dazu wollte der Beweger Bauer, der auch bei den Europäischen Wochen Passau und als Herz und Motor der Kulturwald gGmbH ein großes Rad dreht, das Kulturangebot in seiner Heimat entwickeln – über Waldlermesse und Krippenschitzen hinaus.

Musik und Filme am Drachensee

Die traditionelle Kultur spiegelt sich in den vielen Festspielen. Der Further Drachenstich, der zum immateriellen Kulturerbe zählt, Trenck der Pandur in Waldmünchen, die Burgfestspiele Falkenstein, die Waldfestspiele in Bad Kötzting, die „Märchenzeit“ in Rötz: Zahlreiche Engagierte halten die Tradition lebendig, auch mit dem Fokus auf Kinder, sagt Dr. Bärbel Kleindorfer-Marx, Kulturreferentin des Landkreises Cham. „Die Region macht ein sehr vielgestaltiges Kulturangebot.“ Der Landkreis zählt gut 30 Museen und Sammlungen. „Das ist schon herausragend.“

Kino am Drachensee in Furth im WaldFoto: cnc

Vieles beruht auf privaten Initiativen. Kleindorfer-Marx verweist auf die große Zahl der Musikvereine und Einzel-Akteure. Beispiele sind das Torelli-Orchester, das Konzerte an so ungewöhnlichen Orten wie einem Hangar oder einer Gärtnerei gibt, und das Kammerochester Kötzting, das grenzüberschreitende Projekte anstößt. Im Sommer gibt an vielen Orten Musik den Ton an: beim „Sommer am Regenbogen“ Cham, beim „Kultursommer Waldmünchen“, bei „Roding International“ oder beim Musiksommer Furth, der am Drachensee auch Kinonächte oder Picknicks mit Musik bietet.

Junge Bands, alternative Kultur und Kabarett haben eine Heimat in der Liederbühne Robinson in Runding. Auf Bayerns ältester Kleinkunstbühne gastieren Prominente wie Steffi Denk und Da Huawa, da Meier und I. Bei „Robinson“ Walter Thanner hatten viele, später sehr bekannte Ensembles erste Auftritte, von Helmut A. Binser bis Martina Schwarzmann. Olli Zilk will den „Bahnhof Koetzting“ für alternative Bands wieder beleben, und er startete 2017 im „Alten Spital“ Viechtach eine zweite Kultur-Bühne, für Musik. Auch Lyrik oder Foto-Kunst gibt er im „Spital“ Raum.

Ein gutes Pflaster für Theater

In der Sparte Film richtet der Kulturverein Bayerischer Wald mit der Reihe „Lichtgestalten“ den Spot auf ambitioniertes Kino. Als Talentschmiede erweist sich das Junge Landestheater Bayern aus Mühldorf/Inn, das in der Region mit jungen Leuten arbeitet. Ohne diese Erfahrungen wäre etwa Christian Erdt aus Furth im Wald nicht ans Münchner Residenztheater gekommen, und Daniel Gawlowski, ebenfalls aus Furth, nicht an die Münchner Kammerspiele.

Daniel Gawlowski (Dritter von links) aus Furth im Wald, hier in einer Rolle in „Krach im Hause Gott“ am Theater Regensburg Foto: Quast

Bernhard Setzwein ist eine der literarischen Leitfiguren der Region. In seinem aktuellen Roman setzt er den Böhmerwald in Szene: In „Der böhmische Samurai“ erzählt er die Geschichte einer faszinierenden Familie aus der böhmischen Provinz. Ulrich Effenhauser aus Runding und Harald Grill aus Wald, der die Heimat und die Welt erkundet und erwandert, sind zwei weitere der großen Schriftsteller-Namen.

Rund 60 Kultur-Veranstaltungen betreuen Chams Kulturreferentin Petra Jacobi und ihr Team im Jahr, von Rathauskonzerten bis zu szenischen Stadtführungen. Glanzpünktchen sind die Litera-Touren, die an vorher geheime Orte führen – in eine Metzgerei, ins Schwimmbad – oder die Projekte des Chors „Lehra und Mehra“, der sich auch an großen Stoff wie „Carmina Burana“ wagt. Zur Eröffnung der Stadthalle Cham 2018 werden die Sänger Orffs Meisterwerk aufführen; die 800 Karten waren ruck-zuck gebucht.

Kultur in der Region

  • Kultur pulsiert

    Kultur pulsiert in der Stadt und sie blüht auf dem Land. Eine fünfteilige MZ-Serie wirft einen Blick auf die Kultur-Landschaft zwischen Amberg und Abensberg, zwischen Bad Kötzting und Neumarkt.

  • Die Streifzüge

    Die Streifzüge zu Leuchttürmen und versteckten Perlen, die zeigen: Heimat schließt Weltläufigkeit nicht aus. In Gesprächen mit Kulturverwaltern und freier Szene entsteht eine kleine Bestandsaufnahme – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Dazu ist das Kulturleben in der Region viel zu reich.

Ein Flaggschiff zeitgenössischer Kunst ist das Cordonhaus, ein gar nicht so kleines Museum mit geschliffenem Profil, das sich die Stadt leistet. Unter Leiterin Anjalie Chaubal setzt es kraftvolle Akzente und richtet den Blick über die Region hinaus. Kleinere Kunst-Initiativen sind verbunden mit Orten wie dem Woferlhof von Kultur-Überzeugungstäter Achim Lerche, dem Atelier von Leo Schötz in Pulling und der Klostermühle Altenmarkt.

Große Namen im kleinen Cham

Anjalie Chaubal schreitet konsequent das Netz von regionaler und internationaler Kunst ab, stellt Absolventen der Akademien Nürnberg und München aus und ermöglicht ihnen, sich auf die Region einzulassen. Wie 2016, bei einer Arbeit zu Bernhard Wickis Film „Die Brücke“ (1959), der in Cham gedreht wurde. Am Kopf der Nachfolger-Brücke sitzt ein Werk von Lothar Fischer, und der führt direkt zur Gruppe Spur. Cordonhaus und Museum Gruppe Spur arbeiten mit dem Erbe der international einflussreichen Kunst-Rebellen. Chaubal rückt regionale Größen wie Karl Schleinkofer und Pia Mühlbauer ins Licht, zeigt Werke von Body-Art-Pionier Jürgen Klauke oder Hans Baschang, dem „Magier der Linie“, und öffnet neue Sichtweisen.

Die Chamer Bürgermeisterin Karin Bucher (l.) und Anjalie Chaubal, Leiterin der Galerie Cordonhaus, eröffneten die Ausstellung. Foto: Kampmann

„Klar, Cham ist nicht New York“, sagt Bildhauer Sebastian Roser, „aber eine provokante Ausstellung, die in der Großstadt vielleicht nur die einschlägig Interessierten sehen, die wird im Cordonhaus von breitem Publikum wahrgenommen.“ „Es gibt hier einen Hunger nach Kunst“, sagt Anjalie Chaubal. „Und es gibt auch gewisse Schubladen. Aber: Sie öffnen sich.“

Hier lesen Sie alle Teile unserer Streifzüge zu Kultur auf dem Land:

„Draußen blüht die Kultur“: Kultur im Landkreis Regensburg.

„In die Welt und zurück“: Kutlur in der Region Schwandorf.

„Kulturanker am Fluss“: Kultur in der Region Kelheim Abensberg

Lichtgestalten im Bayernwald“: Kultur in der Region Cham/Bad Kötzting

„Die Weltspitze im Jura“: Kultur in der Region Neumarkt

Mehr Kultur in Regensburg können Sie hier entdecken.

Hier geht es zur Kultur.


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