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Kultur
Freitag, 15. Dezember 2017 7

Tanztheater

Liebe, Macht und die Geburt einer Frau

Yuki Mori und Alessio Burani erhielten für ihre Balletturaufführung „Shakespeare Dreams“ im Velodrom begeisterten Applaus.
Von Michaela Schabel, MZ

Fulminant tanzen Alessio Burani und Simone Elliott Yuki Moris „Allegoria“ als Metapher von Lust und Macht. Foto: Bettina Stöß

Regensburg.Sechs nackte weiße Torsi, sechs Tänzerinnen und Tänzer ganz in Schwarz mit weißen Halskrausen im Rhythmus von Julia Kents Cellokomposition „Overlook“ und man entrückt sofort in die Welt von „Shakespeare Dreams“. Wovon Shakespeare träumt, zeigt die neue zweiteilige Uraufführung im Regensburger Velodrom.

Es ist eine ausgesprochen gelungene Konzeption, die den Shakespeare-Kosmos in die durchlichterte Nacht kosmischer Zeitlosigkeit und gespiegelter Verzerrung weitet (Bühne Monika Frenz). Yuki Mori fokussiert in seiner „Allegoria“ auf Shakespeare große Kunst der Verwandlung, der Mensch in immer neuen Rollen, die sich trotzdem unheimlich ähneln und sich letztendlich wie in Shakespeares Königsdramen auf Liebe und Macht reduzieren.

Die Starre der Zeit ablegen

Die Tänzer legen ihre Halskrausen ab und damit die einengende Starre ihrer Zeit. In Rot erscheinen Alessio Burani und Simone Elliott aus den seitlichen Türrahmen und explodieren regelrecht in tänzerischer Dynamik, die Yuki Moris Tanzstil ausmacht, Annäherung und Distanz im ständigen Wechsel, mit unglaublichen Verschraubungen, Ab- und Auftauchen am Körper des anderen, bizarrer Armarbeit und sportlich athletischer Bodenarbeit. Dazwischen zarte Gesten, Wange an Wange, ein Streicheln als Ausdruck innigster Beziehung. Raffinierte Kostüme (Kostüme Monika Frenz, Maria Preschel) intensivieren die Drehdynamik und Posen. Alessio Burani wirkt in weiten Hosen charismatisch wie ein Tai-Chi-Kämpfer, Simone Elliott ist in fliegenden Frackschößen auf der Vorderseite und knallengen Hosen und aufreizenden Becken-Po-Bewegungen Verführung pur.

In ihren Pas de deux spiegeln sich Shakespeares große Liebespaare. Facetten von Romeo und Julia, Oberon und Titania, vor allem von Macbeth und seiner Lady leuchten auf und oszillieren durch die Expression der Solisten zwischen Lust und Macht, Hingabe und Kampf, wobei die Frau ganz präzise Grenzen setzt. Das Ensemble, es steht für das Volk, wirbelt in ähnlichen dynamischen Konstellationen über die Bühne, jeder Tänzer in seiner eigenen Individualität und zusammen als wuchtige Gruppenformation.

Rotes Paar auf erdigem Boden

Dazwischen tanzt das rote Paar auf erdigem Boden immer wieder zwischen innigstem Verschlungensein und orgiastischen Zuckungen bis zur spastischen Verzerrung in dynamischen Beschleunigungen im Achtel-, bisweilen Triolenrhythmus zur expressiven Musik Richters, Avisons und Bossos im Spannungsfeld zwischen Eros und Tod.

Shakespeares 20. Sonett leitet über in den zweiten Teil „Human“, die erste Choreographie Alessio Buranis im Velodrom. Inspiriert von Shakespeares androgynem Liebesgedicht hinterfragt Alessio Burani „Shakespeare Dreams“ existenziell nach lyrischer Musik neben Kent, Bosso auch von Amar, Korzeniowski und Rotation und taucht „Human“ in kosmische Lichtstimmungen (Licht Martin Stevens). Wie ein Tier sich aus einem zart weißen Vorhangschal entwindend, macht Tänzerin Laura Hogan die ersten Gehversuche zu Purcells großartiger Arie „When I am laid in earth“.

Durch das raffinierte Kostüm in der Optik einer Gliederpuppe verwandelt sie sich in ein menschliches Wesen. Ist es Mann oder Frau? Neugierig betasten die anderen Tänzer das Lebewesen, tanzen fast nackt als androgyne Masse in ruhigen, fließenden Bewegungen, die sich zu Julia Kents Cello in„Lac de Arcs“ zu eindringlicher Wucht entwickeln.

Shakespeares bunte Figurenwelt

Noch einmal wird eine Frau geboren. Simone Elliot entfaltet sich zur poetischen Musik von Bossos „Clouds, The Mind on the (Re)Wind“ wie ein Schmetterling und wirbelt nun ganz in Weiß als die jugendliche Unschuld pur über die Bühne.

Das Ensemble formiert sich zu Standbildern, die Frau mit wehenden Haaren heroisch obenauf. In Kleidern lassen sie Shakespeare bunte Figurenwelt aufleuchten und wenn sie zwischen weiß transparenten Vorhangbahnen wirbeln, entsteht ein bezaubernd theatrales Flair das den „Sommernachtstraum“ genauso assoziieren lässt wie die Facetten shakespeare’scher komödiantischer „Irrungen und Wirrungen“.

Noch verklingt, endet Alessio Buranis „Human“ zu wenig schlüssig, noch steht Alessio Burani durch die gemeinsame Produktion, dasselbe Ensemble sehr in der Tradition Yuki Moris. Doch Buranis Begabung als Choreograph verspricht Zukunft und ist durch Yuki Moris souveräne Nachwuchsförderung auf bestem Weg.

Weitere Rezensionen und Theaterbesprechungen finden Sie in der Kultur.

Die Choreografen

  • Yuki Mori:

    Geboren 1978 in Kobe, Japan, Tanzausbildung in Hamburg, ist seit 1999 Choreograph und seit 2012/13 künstlerischer Leiter und Chefchoreograph des Theater Regensburg Tanz. Seine Choreographie „House“ war 2016 für den „Faust“-Preis nominiert.

  • Alessio Burani:

    Geboren 1989 in Arezzo, Italien, ist seit 2012/13 in der Tanzkompanie von Yuki Mori. Er tanzte in jeder Tanzproduktion mit und choreografierte jedes Jahr ein Stück in der Regensburger „Tanz.Fabrik“.

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