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Kultur
Montag, 18. Dezember 2017 1

Tourismus

Liebe mich – aber bitte von fern!

Wie viele Bewunderer darf eine schöne Stadt haben? In Regensburg stöhnen Bewohner über Besuchermassen.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Besucher in der Regensburger Altstadt, den Blick auf den Dom gerichtet: Die Welterbestadt zieht pro Jahr geschätzte 3,5 Millionen Touristen bzw. Tagestouristen an. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Ein Sommer-Samstag in Regensburg: In der Brückstraße ist Stau. Eine Touristen-Traube blockiert die Kopfsteinpflaster-Gasse, die von der weltberühmten Steinernen Brücke in die Altstadt führt. 20, 30 Menschen stehen da, den Knopf im Ohr, den Kopf in den Nacken gelegt, und schicken ihren Blick den ausgestreckten Arm ihrer Reiseführerin entlang: „Hier sehen wir David und Goliath.“ Das monumentale Wandgemälde mit dem hochmütigen und dem redlichen Kaufmann prägt das Goliathhaus am Ende der Gasse. Die mächtige Patrizierburg aus dem 13. Jahrhundert ist eines von gut 1000 Denkmälern in einer an Attraktionen reichen 2000-jährigen Stadt.

Die Besucher staunen – und der Bewohner, der vielleicht vom Markt kommt und die Satteltaschen voller Gemüse gepackt hat, wird grummelnd versuchen, sein Fahrrad durch den Pulk zu schieben, der gerade blind und taub ist für alles, was nicht Goliathhaus heißt.

Zu viel, zu voll: Regensburger reagieren zunehmend genervt auf Touristen. Die Stimmung kippt. Zuletzt inserierte das Orphée, eine frankophile Institution der Gastro-Szene, drei Worte, seitenbreit: „Genug ist genug.“ Und darunter: „Die Touristen der Kreuzfahrtschiffe sind jetzt schon mehr eine Belastung als eine Bereicherung für Regensburg.“ Die Zeitungsanzeige wendet sich gegen eine spezielle Besucher-Spezies, die von den Kreuzfahrtschiffen aus (an die 1000 pro Jahr legen an) die Altstadt entdeckt.

Die Spötter der „Touristifikation“

Man reibt sich die Augen: Gastronomen, die auch Hotels betreiben und an Gästen interessiert sein müssten, sagen Stop zu noch mehr Besuchern. Die Lage scheint also ernst. Selbst Gästeführer stöhnen über den Strom von Menschen, die ja ihre Kunden sind. Die „Touristifikation“ wird zum Spott-Thema. Eine satirische Broschüre „Regensburg in 3 Stunden“ liegt auf, die „1. Regensburger Weltausstellung“ läuft gerade an. Das Projekt der selbsternannten „Massentourismus-Experten“ Hubert Lankes und „schwafi“ Klaus Schwarzfischer spielt mit dem Ehrgeiz zu Superlativen und spießt einen angeblichen „aus kleingeistigem Größenwahn resultierenden, urbanen Eigenanspruch“ Regensburgs auf.

Gäste als Last? Die Debatte um Besucher, die ja nicht nur von Schiffen, sondern auch aus Cham oder Capri kommen, berührt grundlegende Fragen. Nicht nur: Wie viele Liebhaber darf eine schöne Stadt haben? Sondern auch: Wie hoch schätzen wir die Freiheit ein, zu reisen wohin uns der Sinn steht? Und: Gewähren wir diese Freiheit nur uns – oder auch anderen? Wie halten wir es mit der Weltoffenheit? Seit 2006 gehört Regensburg zum Erbe der Menschheit, also: allen. Adel verpflichtet. Und Kultur-Adel?

Regensburg mit Donau und Dom: Seit 2006 gehört die Oberpfälzer Stadt zum Welterbe. Foto: dpa

In Regensburg erhebt sich ein Aufstand der Bereisten. Den Zutritt kontingentieren und verteuern: Die Forderung kursiert in einer gesellschaftlichen Gruppe, die auffallend deckungsgleich ist mit einer Community, die sonst für Toleranz, für Willkommenskultur und eine bunte Gesellschaft eintritt. „Ich habe bestimmt nichts gegen Touristen, aber...“: In Gesprächen mit Tourismus-Müden fällt auch so ein Satz, der sonst in Stellung gebracht wird gegen eine kritische Tendenz, die anklingt in: „Ich habe bestimmt nichts gegen Ausländer, aber...“

„Reisen bedeutet, herauszufinden, dass alle Unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder denken“, sagt Aldous Huxley, Autor von „Schöne neue Welt“. „Beim Reisen wechselt man seine Meinungen und Vorurteile“, schreibt Nobelpreisträger Anatole France. Wer reist, geht also in eine Schule der Toleranz. Gleichzeitig ist Tourismus der Treiber für Standortmarketing, der Türöffner für Unternehmensansiedlungen und Investitionsentscheidungen. Kulturreferent Klemens Unger betonte das bei der Präsentation der Tourismusbilanz 2016, die schon wieder neue Rekorde meldete: Mehr als eine Million Übernachtungen, 9,2 Prozent Plus!

Gute und schlechte Reisende

Hochgerechnet und geschätzt dürfte Regensburg mit seinen 155 000 Einwohnern übers Jahr 3,5 Millionen (Tages-)Touristen haben. Das ist üppig, aber ein Klacks gegen Magneten wie Venedig (55 000 Einwohner, etwa 25 Millionen Gäste), das darüber nachdenkt, für den Markusplatz Eintritt zu verlangen. Und Florenz nimmt inzwischen für Busse 300 Euro Tagestarif und greift zum Wasserschlauch, um Kirchenstufen von Sandwich futternden Sitzern frei zu halten.

Der Tourismus nimmt zu, seine Akzeptanz nimmt ab. Das Phänomen ist global zu beobachten. Die Unesco hat 2017 zum Jahr des nachhaltigen Tourismus ausgerufen. Sie pocht auf kluges Besuchermanagement und überlegt gleichzeitig, wie sich „versteckte Perlen“ als Destinationen positionieren lassen – uff, was für ein Spagat!

Die Autorin

  • In Regensburg:

    Marianne Sperb hat sich früher gern die Welt angeschaut und ist heute bevorzugt Daheim-Urlauber. Sie findet: In Regensburg ist es am schönsten.

  • Auf Reise:

    Falls es sie im Alter, fußlahm, in die Ferne treibt, würde sie ein Kreuzfahrtschiff besteigen. Selbstverständlich würde sie sich zu den guten Touristen zählen.

Auf Facebook schildert ein Schreiber das überlaufene Dubrovnik, 16 000 Touristen am Tag – „einfach grauenhaft“. Ein anderer fragt: „Und du warst der einzige Nicht-Tourist?“

Stadtgesellschaften unterteilen in gute und schlechte Reisende, mit einem gewissen erzieherischen Impetus, Tenor: Wer hier „nur“ Sehenswürdigkeiten besichtigt und zwischendurch eine Semmel konsumiert, soll wegbleiben. Amerikaner, die auf Schiffen anreisen, truppenweise die prominenten Stationen durchexerzieren und mehr aufs Handy schauen als auf Häuser, sollen woanders an Land gehen. Oder: Wenn sie schon kommen, sollen sie wenigstens mehr bezahlen.

Das Welterbe: ganz exklusiv?

Die Haltung bereitet Unbehagen. Sind wir dabei, hohe Werte zur Disposition zu stellen wegen vergleichsweise marginaler Alltagstrübungen, wegen der Partikularinteressen von Anwohnern oder weil Touristen-Trauben nerven? Man mag schon etwas nachdenken über die Auslöser des Unmuts. Denn es geht ja auch um die Ökonomisierung der schönsten Seiten einer Stadt. Am Donauufer ist die Donau vor lauter Schiffen stellenweise kaum noch zu sehen. Es geht auch um die Lebensqualität in einer Stadt, die den sozialen Kitt von Menschen, die in ihr leben, braucht – aber von ihren Bewohnern zeitweise geflohen wird. Auf der anderen Seite: Der Gast aus den USA, der als oberflächlich gestempelt wird, ist wahrscheinlich – das legt der luxuriöse Preis für eine Passage nahe – ein wohlhabender Reisender, nicht mehr jung, aber immer noch aufgeschlossen genug, sich die Welt anzusehen. Wie sozial ist es außerdem, den Zugang zu Welterbe teuerer, exklusiver zu gestalten? Soll nur der Tourist mit Geld, den wir für kultiviert genug halten, Geschichte erleben dürfen?

„Tagestouristen überrollen die Stadt“ hieß eine Schlagzeile 2015

Der Parameter Profit greift zu kurz, wenn wir über Dinge wie Kulturvermittlung und Weltoffenheit nachdenken. Aber ohne Geld geht’s ja auch nicht. Der Gäste-Umsatz füttert Geschäfte und Gastronomen, er speist Sanierung und Erhalt einer prachtvollen alten Stadt. Und dank der Besucher blüht eine Vielfalt, die sich auch Bewohner wünschen: die üppige Auswahl bei Einkauf, Dienstleistung, Freizeit. Beispiel Bamberg, eine andere Welterbestadt: Ohne ihre Gäste besäße sie keine 60 Biersorten und kein Dutzend Brauereien mehr.

„Alle Welt liebt Regensburg“

Regensburg, die Vielgeliebte. „Alle Welt liebt Regensburg“ titelt das Magazin Geo Saison, das die Reize der Ratisbona wärmstens empfiehlt. Hätte man den Beitrag über „hippes Mittelalter“ nicht gerade eh’ in einem der wunderbaren Regensburger Cafés erblättert, man hätte den Drang gefühlt, bald, sehr bald an die Donau zu reisen. Wenigstens, um diese Steinerne Brücke zu sehen und eine Semmel zu essen.

Regensburg wirkt wie eine schöne Frau, die sich schmückt, um die Blicke auf sich zu ziehen, und auf Distanz geht, wenn sie angeschaut wird. Liebe mich – aber liebe mich aus der Ferne!

Balance heißt das Credo. So viel kristallisiert sich nach vielen Gesprächen heraus. Bedürfnisse von Bewohnern und Besuchern auszutarieren ist der Nenner. Und der Schiffstourismus, auch so viel lässt sich einkreisen, verlangt wohl tatsächlich nach Maßhalten und einem durchdachten Management. Bamberg entwickelt da neue Wege. Regensburg hat eine Münchner Agentur auf ein Tourismuskonzept angesetzt. Aber eine Reihe von Instrumenten ist noch wenig genutzt. Anreize könnten Gäste etwa auf besucherschwache Monate umlenken, und im Sommer auf das Umland.

Eine der kleineren (und schwach gebuchten) Aktionen, die um mehr Miteinander werben, heißt „Regensburger trifft Gast“. Ganz ohne Regie ist diese Begegnung an der Historischen Wurstkuchl zur haben, einem der touristischen Hotspots. Hier ist einer der raren Orte, an dem Einheimische und Fremde, mit Blick auf Donau und Brücke, wirklich ins Gespräch kommen. Die meisten Fremden fangen dann an, lange von der Stadt zu schwärmen. Regensburg, die Vielgeliebte – sie kommt einem dann gleich noch schöner vor.

Lesen Sie alle Beiträge in der Reihe „Essay“:

„Schau mich bitte nicht so an“ – über Sexismus

„Das geht dir unter die Haut“ - über Tattoos

„Unter grünen Dächern“ – über den Wald

„Fürs Spielen ist der Papa da“ – zum Vatertag

„Arbeit: Es gibt wenig Besseres“ – zum Tag der Arbeit

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