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Kultur
Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

Karriere

„Meine Neugier

1946 debütierte Hilde Krost als „Gretchen“. 70 Jahre später feiert die Grande Dame der Bühne Jubiläum – natürlich im Theater.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Mit 91 Jahren erfüllt von Erinnerungen an ein pralles Leben – und immer noch stimuliert von der Neugier: Hilde KrostFoto: altrofoto.de
  • Jeder Zoll eine Grande Dame der Bühne: Schauspielerin Hilde Krost. Am Samstag begeht sie im Theater am Haidplatz ihr Jubiläum, nach sage und schreibe 70 Jahren Schauspiel-Karriere. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Regensburg. Uwe Moosburger, der Fotograf unserer Zeitung, liefert nach dem Gespräch mit Hilde Krost im „Münchner Hof“ eine Reihe Bilder: die Schauspielerin lächelnd, ernst, standesgemäß. Am schönsten ist die Aufnahme, auf der die zierliche Grande Dame der deutschen Bühne mit hochinteressiertem Blick in die Kamera schaut, neugierig und ein bisschen vorwitzig. Dieses Bild passt zu ihr.

„Meine Neugier ist die eines Kindes“, sagt die Krost. Ein bemerkenswertes Bekenntnis, wenn man bedenkt, dass sich ein Menschenleben zwischen zwei Polen bewegt: von der Neugier, die am Anfang sein ganzes Sein und Wollen ausmacht, hin zur Summe an Erinnerung, die ihn am Ende ausfüllt. Mit ihren 91 Jahren schaut die Mimin also nach vorn, aufnahmebereit. „Ich bin von Übermorgen, weil ich von Vorgestern bin“, zitiert sie einen Philosophen. Die Krost, sie ist noch lange nicht lebenssatt – trotz eines an Erfahrungen satten Lebens.

1946 gab sie ihr Debüt als „Gretchen“ in Trier. Mainz, ihre Geburtsstadt, war zerbombt, ihr Bruder gefallen, und die Krost, ein Mädel aus musischer Familie mit kaufmännischer Ausbildung, wollte eigentlich nur ihre Sprache kultivieren, dem rheinischen Singsang Schliff geben, als ihr ein Intendant vorgestellt wird – und eine große Karriere beginnt.

Eine Heimat beim Buddhismus

70 Jahre später steht Hilde Krost wieder im „Faust“ auf der Bühne, in der Regensburger Inszenierung, aber natürlich nicht mehr als Gretchen. Damals, 1946, war diese Rolle ihr „sehr nah“, dieser Kampf mit der ewigen Frage: Ist es Sünde, wenn ich glücklich bin? „Ich ging bei den Proben jeden Tag in die Kirche“, erinnert sie sich und bekennt: Dem Buddhismus fühle sie sich heute näher als dem Katholizismus: „Weil er kein Urteil fällt.“

Hilde Krost stand auf zahlreichen großen Bühnen, in München, in Köln, am längsten am Staatstheater Nürnberg. Sie ist eine Ausnahme-Künstlerin, die so anrührend, souverän, echt und vollständig ihre Rollen lebt, dass der Zuschauer ihr bei jeder Geste und jedem Blick vertraut. „Das Publikum“, sagt sie, „ist mein Echoraum.“

Sie schöpfte aus eigenem Erleben, wenn sie Menschlichkeit in Sartres „Ehrbarer Dirne“ zeigte, in Tankred Dorsts „Schmährede“ den Krieg anklagte oder in Cocteaus „Der schöne Gleichgültige“ eine Frau spielte, die mit ihrer Liebe auf der Strecke bleibt und zu der Haltung findet: Gut, dass ich liebte! Gut, dass ich Gefühle hatte!

Theater? „Muss Sinn haben“

Die Welt, in der es möglich ist, dass Bankkunden, wie gerade in Essen, über einen Sterbenden hinwegsteigen, um ihren Geldgeschäften nachzugehen, ist ihr fremd geworden. „Wir sind eine Knopfdruck-Gesellschaft“, sagt Hilde Krost, oft kaltherzig und geschichtsvergessen. Hier liege die Aufgabe des Theaters. Mit modernen Stückezertrümmerern und Theater-Aktionsmus à la Matthias Lilienthal habe sie definitiv nichts am Hut. „Es muss Sinn haben“, sagt sie. „Und berühren.“

Die Schauspielerin ging auf in Frauen, die ihr fremd sind, wie das Klatschweib bei Pirandello. „Ich war so verändert, dass mich nicht einmal Kollegen erkannten.“ Und sie spielte Frauen, die ihr verwandt sind, wie jetzt die „Tilla“. In Christoph Heins Rückblende auf das Leben der berühmten Durieux zeigen sich Parallelen zu Krosts eigener Biographie, nicht nur wegen der Schauspielerei. Tilla war mit dem Kunsthändler Paul Cassirer verheiratet, Hilde Krost führte eine – schwierige – Ehe mit einem Maler.

Das Gespräch im „Münchner Hof“ geht zu Ende. Hilde Krost bucht hier, wenn sie in Regensburg zu tun hat. Stephanie Junge, mit der sie seit vielen Jahren in gutem Kontakt ist, holt sie seit 2012 immer wieder an die Donau. Die Regensburger Dramaturgin hat auch eine kleine Feier zum Bühnen-Jubiläum eingefädelt: Bei der Aufführung von „Tilla“ am Samstag wird Hilde Krost ein wenig gefeiert. Der Autor Christoph Hein kommt extra. „Ist das nicht großartig?“, sagt Hilde Krost. Ihr Blick schaut nach vorn.

Hilde Krost und Tilla Durieux

  • Die Schauspielerin:

    Hilde Krost, 1925 in Mainz geboren, spielte an zahlreichen großen Bühnen. Ihr Mann Pitt Cuerlis, ein Schüler von Braque und Chagall, starb 2008. In Regensburg war sie ab 2012 in „Das letzte Feuer“, „Tilla“ und „Faust“ zu sehen sowie bei einem Abend zum 50. Todestag von Jean Cocteau. Hilde Krost lernte den Schriftsteller in Paris noch persönlich kennen.

  • Die Rolle:

    Tilla Durieux (1880-1971), berühmte Schauspielerin und Muse von Malern wie Renoir und Corinth, floh 1933 vor den Nazis, mit ihrem jüdischen Mann. 1952 kehrte sie für ein Gastspiel nach Berlin zurück. Das Stück „Tilla“ wird am Samstag und Dienstag (5. und 8. November, je 19.30 Uhr) im Regensburger Theater am Haidplatz gespielt. Autor Christoph Hein kommt zur Vorstellung am Samstag.

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