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Kultur
Montag, 20. November 2017 11

Literatur

Mit der Tram in eine Traumwelt

Die Regensburger Autorin Angela Kreuz stellt ihren Roman in stilechter Kulisse vor: in einer ausrangierten Straßenbahn.
Von Sebastian Wintermeier, MZ

Autorin Angela Kreuz las aus ihrem neuen Roman „Straßenbahn-Träumer“. Foto: Wintermeier

Regensburg.„Achtung! Zugestiegene, die Fahrkarten bitte!“ Der pensionierte Trambahnfahrer Günther Schifferl poltert am Montagabend durch den alten Waggon der einstigen Linie 4 und verteilt Fahrscheine, gültig vom Arnulfsplatz bis hoch nach Kumpfmühl. Anfangs schmunzeln die 25 Gäste im vollbesetzten Waggon noch beim Anblick der antiquierten Billets aus dem Regensburg der 1960er Jahre, sind sie doch eigentlich zur Buchvorstellung und nicht zu einer Straßenbahnfahrt ins alte Sachsenwerk gekommen. Aber als er die Schiebetüren des Waggons mit einem lauten Knarzen zuzieht und Autorin Angela Kreuz anfängt, mit ruhiger Stimme aus ihrem Roman „Straßenbahn-Träumer“ zu lesen, vergisst man, dass der Wagen seit vielen Jahren eingemottet ist. Denn mit der Lesung nimmt auch die alte Tram ihre literarische Fahrt auf.

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Mit der Straßenbahn als rotem Faden hat Angela Kreuz in ihrem Regensburg-Roman das Motiv Tagtraum gekonnt aufgegriffen. Ganz beiläufig schwenkt sie wie mit einer Erzähl-Kamera zwischen grauer Realität und den Träumereien der Romanfigur Jens hin und her. Der „Straßenbahn-Träumer“ ist nach eigener Aussage Mitte 30 und hat es als Grafik-Designer in Hamburg irgendwie nicht geschafft. Zurück in Regensburg entwirft er für eine zweitklassige Agentur Werbung auf Firmenwägen – Hauptsache ein sicherer Job.

Jens leidet unter der Tristesse und der Biederkeit seines Arbeitsalltages. Hinzu kommt, dass sich Frank, sein bester Freund aus Kindertagen, das Leben genommen hat. Seine Arbeitskollegen findet er fad, sein Leben stagniert irgendwie. Darüber kann ihn auch ein One-Night-Stand mit seiner Kollegin Anne nicht hinwegtrösten. Deshalb zieht Jens sich in seine Vorstellungswelt zurück und träumt sich die Welt so zurecht, wie sie ihm gefällt: Die Tram, mit der er als Kind durch Lissabon gefahren war, fährt jetzt durch die Straßen der Regensburger Altstadt. Außerdem kommt er mit seiner stilvollen Nachbarin ins Gespräch, die er sonst nur aus der Ferne sieht. Mit seiner großen Liebe will er nach Lissabon reisen. Ob all das ein Traum bleibt?

Die Inspiration kommt aus Lissabon

Angela Kreuz war selbst in Lissabon und ist dort mit der berühmten Linie 28 gefahren: „Das ist die Inspiration für den Roman gewesen, in dem ja Regensburg und Lissabon in Jens Vorstellung sogar manchmal ineinander übergehen.“ Im „Straßenbahn-Träumer“ erzählt die Autorin von der nostalgischen Sehnsucht nach Vergangenem und der Neugier auf Zukünftiges. Regensburg-Kenner werden sich bei der Lektüre freuen, entdeckt man doch immer wieder ganz reale Orte der Stadt, seien es Wirtshäuser oder ein Schwimmbad.

Der pensionierte Straßenbahner Günther Schifferl hat fast ein Bisschen Ähnlichkeit mit Romanfigur Jens. Mit einem beherzten Tritt bedient er ein rundes Eisenpedal am Führerstand und holt die Gäste so mit lautem Straßenbahngebimmel in die Realität zurück. „Am 31. Juli 1964 bin i genau diesen Wagen am Tag vor der Stilllegung vom Arnulfsplatz nach Kumpfmühl gefahren. Es is schön, dass die Lesung hier stattfindet. Aber noch schöner wär‘s, sie tät wieder draußen auf der Straße ihren Dienst!“, sagt der alte Straßenbahner mit träumerischem Blick.

„Der Straßenbahn-Träumer“ von Angela Kreuz ist erschienen im Battenberg Gietl-Verlag und kostet 13,90 Euro.

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