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Premiere

Mit Elfriede Jelinek auf Winterreise

Erstmals inszeniert das Theater Regensburg ein Stück der Nobelpreisträgerin. Es steckt voller biografischer Anspielungen.
Von Marianne Sperb, MZ

  • „Vorhin war Sommer, jetzt ist Reif als weißer Schein mir übers Haupt gestreut“, sagt der Vater in Elfriede Jelineks „Winterreise“. Fotos: dpa/MZ-Archiv
  • Regisseurin Mia Constantine inszeniert „Winterreise“ von Elfriede Jelinek.Foto: altrofoto.de

Regensburg.Elfriede Jelinek hat es bis nach Stockholm geschafft, zur Verleihung des Literaturnobelpreises 2004. Der Sprung auf die Regensburger Bühne gelingt ihr erst jetzt. Die eigenwillige Österreicherin blieb bisher eine Leerstelle auf dem Schirm der hiesigen Theatermacher. „Das hat mich auch überrascht“, sagt Mia Constantine. Die Regisseurin nimmt sich aktuell „Winterreise“ vor. Das Stück, 2011 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, ist vielleicht Elfriede Jelineks persönlichstes Werk und damit ein guter Einstieg für Theatergänger, die der sensiblen Sprachkünstlerin näher kommen wollen.

„Winterreise“, das passt natürlich perfekt in den Februar, aber Constantines Zugriff auf das Stück und den Kosmos Jelinek begann im Sommerurlaub, am Meer. Sie überlegte lange: Was behält man, was lässt man weg? Mit Dramaturgin Stephanie Junge holzte sie aus dem Originaltext, der fünf oder sechs Stunden Aufführung ergibt, ein Drittel aus und schnitt dann, mit den Schauspielern auf der Bühne am Haidplatz, das Regensburger Textbuch zurecht.

Elektrosound-Echo auf Schubert

Mia Constantine näherte sich dem Stück auf der Folie von Franz Schuberts gleichnamigem Liederzyklus, der 1827 auf Gedichte von Wilhelm Müller komponiert wurde. Sie las sich quer durch Jelinek-Texte und hörte sich in die Musik hinein. Auf der Bühne am Haidplatz wird Thies Mynther die ergreifende Komposition durch den Wolf drehen. Der Star der Elektropop-Szene, der als Musiker, Autor, Produzent und Filmkomponist den Trends vorausschwimmt, begleitet aktuell auch den Aufstieg und Fall der „Lehman Brothers“ im Velodrom. In der „Winterreise“ wird er auf Jelineks Textflächen mit elektronischen Klangflächen antworten. Das Publikum hört ein verfremdetes, fernes, aber doch wiedererkennbares Echo auf Schubert.

Zu Gast bei der Probe

  • Premiere:

    „Winterreise“ in der Inszenierung von Mia Constantine hat am Freitag, 10. Februar, 19.30 Uhr, Premiere im Theater am Haidplatz.

  • Probe:

    Bei der öffentlichen Probe am Samstag, 4. Februar, 11 Uhr, sind Zuschauer im Haidplatz-Theater willkommen; der Eintritt ist frei.

  • Autorin:

    Elfriede Jelinek, Jahrgang 1946, lebt in Wien und München. 2004 erhielt sie den Literaturnobelpreis. Die Jury würdigte „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“.

  • Regisseurin:

    Mia Constantine, Jahrgang 1981, inszenierte in Regensburg bereits „Homevideo“ und „Dear Eddie“, eine biografisch-musikalische Hommage an ihren Vater Eddie Constantine.

Der berühmte Liederzyklus erzählt vom Wanderer, der ohne Ziel und Hoffnung durch die Welt treibt. Um Fremdsein und Einsamkeit kreist auch das Stück von Jelinek, die in freiwilliger Isolation, lange gebrandmarkt als Nestbeschmutzerin, ihr gewaltiges Werk schreibt. In der „Winterreise“ verwebt sie in acht Bildern persönliche Erlebnisse und gesellschaftsrelevante Ereignisse, etwa den Bankenskandal um die Hypo Alpe Adria und das Schicksal der eingekerkerten Natascha Kampusch. Die Schriftstellerin spielt dabei ständig über Bande und bietet an, das Private auf seine allgemeingültige Bedeutung abzuklopfen, und umgekehrt. Das tut sie eher locker und leichthin, ohne Zeigefinger.

Regisseurin Mia Constantine über ihre Arbeit an „Winterreise“: hier im Video.

„Winterreise“ ins Regensburger Theater

Ein Kernkapitel besetzt Jelineks demente Vater (im Stück: ein geschlechtsloser Mensch), der seine Vergangenheit vergessen hat, im Heim wohnt und vollständig absorbiert wird vom Moment. Lebt er vielleicht richtiger, weil ganz und gar in der Gegenwart? Und: Was macht den Menschen aus, seine Vergangenheit, also die Summe des Erlebten, oder die gerade virulenten Gefühle? „Bei Jelinek bekommt man immer sofort die Aufforderung, sich selbst zu befragen“, sagt Constantine. Diesem Sog komme man nicht aus.

Für die fünf Figuren in der Regensburger Inszenierung geht es weniger darum, eine Rolle zu spielen als einen Text zu sprechen. Die Sprache entwickelt im Lauf des Stücks immer mehr Wucht, führt von kleinteiligen Dialogen zu immer längeren Monologen. Die Kostüme (Monika Frenzl) gleichen sich, die Geschlechter lösen sich auf, tragen Damenanzug und Herrenkleid. Ein wenig von Jelineks Vorliebe für japanische Designer schimmert durch.

Der Blick in die Keller

Im Stück ist viel von Kellern die Rede, von Tresorräumen einer Bank oder dem Verließ von Kampusch. Auch Ulrich Seidls Kinofilm „Im Keller“, der 2014 die skurrilen Obsessionen von Landsleuten ausgeleuchtet hat, klingt an. Die Bühne (Michael Lindner) führt deshalb auf zwei Ebenen. Das Publikum schaut in Unterwelt und Oberwelt. Dazu flimmern Videos über die Bühne, die im Bayerischen Wald gedreht wurden und die den Blick auf das Innenleben der Figuren richten. Ein einsamer alter Mann stapft da in der Winterwunderwelt von St. Englmar durch den Schnee – aber er kommt nie zu Hause an.

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