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Kultur
Mittwoch, 13. Dezember 2017 3

Jubiläum

Mit „Faust“ begann die gelbe Reihe

Sie rettet jeden Studentenetat: Reclams „Universalbibliothek“ wird 150. Das Konzept: hochwertige Texte zum günstigen Preis.
Von Helmut Hein, MZ

So viele der gelben Büchlein hat niemand zuhause. Doch ein paar Reclam-Heftchen aus Schule oder Studium finden sich in den meisten Regalen des Landes. Foto: dpa

Regensburg.Thomas Mann war schon der weltberühmte Autor der „Buddenbrooks“ und von „Tod in Venedig“, da hatte er einen Traum. Irgendwann, so hoffte er, würden seine Werke – oder zumindest eines von ihnen – bei Reclam verlegt. Das schien ihm die für einen Schriftsteller vernünftigerweise erwartbare Form von Unsterblichkeit zu sein. 1928, ein Jahr bevor er selbst den Literaturnobelpreis bekam, hielt er dann die Laudatio zu „100 Jahre Reclam“. Ein großer Autor lobt einen großen Verlag, der damals längst Geschichte geschrieben hatte.

Ein großer Verlag? Nun ja, mit Reclam verhält es sich in gewisser Weise wie mit Suhrkamp. Beide sind nur mittelständische Unternehmen, aber beide bestimmten und bestimmen das kulturelle Leben Deutschlands. Wobei Reclam zunächst ein typischer Vormärz-Verlag war. Der Gründer Anton Philipp – getauft noch als Antoine Philip, denn die Familie Reclam stammte ursprünglich aus Savoyen – veröffentlichte literarische und theoretische Texte, die vor allem eins waren: politisch entschieden. Das führte dazu, dass schon 1846 per Hofdekret der Verkauf aller Reclam-Bücher in Österreich-Ungarn verboten wurde. Ein Leipziger Gericht verurteilte den Verlagsgründer Anton Philipp Reclam zwei Jahre später sogar zu einer Gefängnisstrafe. Sein Delikt: Er hatte Thomas Paines Streitschrift „Das Zeitalter der Vernunft. Eine Untersuchung der wahren und unwahren Theologie“ in deutscher Übersetzung herausgebracht. Das galt als staatszersetzend und als Angriff auf die Sittlichkeit.

Nichtsdestotrotz: Wir kennen heute Reclam weniger als vor-revolutionären Verlag, sondern wegen der kleinen, billigen und (neuerdings) meist gelben Heftchen, die in summa eine „Universalbibliothek“, einen Tresor der Weltliteratur und -kultur bilden. Das „eigentliche“ Gründungsjahr des Verlags ist also nicht 1828, sondern 1867. Damals erschien Band 1 dieser Reihe. Natürlich, ist man versucht zu sagen, Goethes „Faust“. Diese Universalbibliothek, so das Konzept, sollte sich Jahr für Jahr erweitern. Und jeder einmal erschienene Band sollte auf Dauer verfügbar bleiben – was im Verlagswesen eher unüblich ist.

Das Volk entwickelt Bildungsstolz

Aber wieso wurde diese gute Idee ausgerechnet 1867 verwirklicht und nicht schon früher? Das hatte einen rechtlichen und einen sozio-politischen Grund. Schon 1856 hatte der Deutsche Bund das Urheberrecht deutscher Autoren befristet. 30 Jahre nach dem Tod des Autors sollten dessen Werke, wie das damals hieß, „gemeinfrei“ werden. Das heißt: Man konnte sie beliebig und ohne Tantiemen zahlen zu müssen nachdrucken. Als Stichtag wurde der 9. November 1837 festgelegt. Die Jahre um 1867 waren aber auch noch aus anderen Gründen wichtig: Karl Marx veröffentlichte „Das Kapital“, Ferdinand Lassalle gründete die deutsche Sozialdemokratie. Und die Arbeiter, die nicht, wie das bei Marx hieß, „Lumpenproletarier“ sein wollten, entwickelten einen ganz eigenen Stolz, auch Bildungsstolz. Damals lasen die Arbeiter noch in ihrer kargen Freizeit. Der Wille zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält (noch einmal Goethe), war fast grenzenlos. Im ganzen Land bildeten sich Lese- und Diskutiervereine. Eine Tradition, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fortbestand. Peter Weiss berichtet davon noch in seinem Riesenepos „Die Ästhetik des Widerstands“.

Reclam lieferte hochwertige Texte zu einem konkurrenzlosen Preis. 50 Jahre lang kostete ein Reclam-Heft 20 Pfennig – keinerlei Inflation im Reich des Geistes. Die Voraussetzungen waren: strikteste Kalkulation und Arbeitsdiziplin, perfektes Marketing und die ständige Bereitschaft zur Innovation. Gedruckt wurde im eigenen Betrieb. Hauseigene Dampfmaschinen lieferten den nötigen Strom. Über 40 „Schnellpressen“ sorgten für einen hohen und zuverlässigen Output. 1908 erschien bereits die 5000. Nummer der Universalbibliothek, Zahlen, die nach den Wirren und Vernichtungsorgien des Katastrophenjahrhunderts noch nicht wieder erreicht sind. Wer übrigens den Internet-Handel à la Amazon für den „dernier cri“ hält, der sollte bedenken, dass Reclam schon ab 1912 eigene „Buchautomaten“ einsetzte, die überall aufgestellt wurden: in Bahnhöfen, auf Schiffen, auch in Krankenhäusern. Überall also, wo man Leser und Langeweile vermutete. Achtzig Titel konnte man aus einem Automaten herauslassen, als handelte es sich bei den kleinen Büchern um Zigaretten.

Lesen Sie außerdem: An die gelbe Schullektüre erinnern wir uns alle. Unsere Chamer Kollegen haben ein paar Erinnerungen aufgeschrieben.

Mit der Teilung auch zwei Verlage

Wie heute bei Suhrkamp, so sorgten sich vor 100 Jahren zeitgenössische Autoren um das Niveau des geschätzten Verlags. Der Autor Klabund beklagte 1919 in einem offenen Brief an den „lieben Vater Reclam“ (veröffentlicht in der renommierten „Vossischen Zeitung“), dass neuerdings „Schund“ und „Kitsch“ sich im Verlagsprogramm breitmachten. Und schlug eine „Fünferkommission“, bestehend aus Hauptmann, Thomas und Heinrich Mann, Rilke und Hofmannsthal als qualitätssichernden Aufsichtsrat vor. Der mittlerweile fast 80-jährige Hans Heinrich Reclam, der Sohn des Verlagsgründers, wies die Bedenken mit freundlichem Amüsement zurück. Was Klabund „Schund“ nenne, sei in Wahrheit „harmlose Reiselektüre“, die aber nötig sei für die Quersubventionierung anspruchsvoller und schwerer verkäuflicher Texte.

Seit den 1920er Jahren veröffentlichte Reclam auch zeitgenössische Autoren, Thomas Mann etwa erstmals 1924. Dessen Traum ging also noch zu Lebzeiten in Erfüllung. Der Bruch begann mit Hitler und später den Kriegsfolgen. Zunächst mussten alle verfemten Autoren, natürlich Juden und Sozialisten, aber auch Thomas Mann aus dem Programm gestrichen werden, weil der Verlag nur so überleben konnte. Dann wurden bei einem großen Bombenangriff am 4. Dezember 1943 fast 450 Tonnen Bücher vernichtet. Nach dem Krieg gab es politisch bedingt plötzlich zwei Reclam-Verlage, einen in Leipzig unter Oberaufsicht der Partei, einen „ausgewanderten“ in Stuttgart. Beide konnte erstaunlicherweise auf hohem Niveau produzieren. Aber das ist eine andere Geschichte.

1967, zum 100-jährigen Verlagsjubiläum, waren „nur“ 1100 Titel der „Universalbibliothek“ greifbar – verglichen mit den 5000 fünfzig Jahre zuvor. Und an die Stelle der Arbeiterbildungsvereine waren längst die Schulen und Universitäten als Hauptabnehmer der Reclam-Bücher getreten.

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