mz_logo

Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Jubiläum

Mit Orangenhälften zum Speed-Dating

Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie: Ultima Vez zeigte bei den Regensburger Tanztagen eine beeindruckende Choreographie.
Von Michael Scheiner, MZ

Vom Straßenanzug bis zur völligen Nacktheit: Die Tänzer von Ultima Vez durchlaufen im Velodrom viele Stadien. Foto: Scheiner

Regensburg.Wie ungebärdige junge Hengste fegen Tänzer in Straßenkleidung über die von hinten und seitlich beleuchtete Bühne. Die Enden ihrer Hemdkragen halten sie wie Trensen mit den Zähnen fest. Mit Riesensprüngen, Hufe scharren und bocksbeinigen Hüpfern nehmen sie den durchgehend bis an die hintere Mauer offenen Raum voll in Anspruch. Bis auf wenige Zentimeter galoppieren sie vorn an die Rampe, um bedrohlich nahe vor den Zuschauern mitten im Lauf zu stoppen. Es ist eines von vielen starken Bildern, welche die Choreographie „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus zu einem der aufregendsten und zugleich spektakulärsten Eindrücke der Regensburger Tanztage zeit ihres Bestehens macht.

Sie verkörpern Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie. Pferde sind in Filmen und Geschichten Symbol für die Unterwerfung des Ungezähmten – sei es mit Gewalt oder Einfühlungsvermögen. Beides bricht sich auch in dem rasanten Tanzstück Bahn. Einmal ohrfeigt eine Gruppe im Kollektiv zwei streitende Tänzer im Wechsel, von denen einer dem anderen Worte streitig macht, die „ich gekauft habe“. Es sind allerdings nicht die „letzten Worte“, die ein fliegender Händler in einem der beiden Kurzfilme, die den Tanz auf anderer Ebene fortführen und gliedern, an einen Gewaltherrscher verkaufen will. Diese slapstickartige Groteske setzt Assoziationen an die bitterböse Seite der Monty-Python-Truppe frei und kommentiert solchermaßen die Themen des Stücks auf ironisch gebrochene Weise. Strukturierend wirken Sprechszenen, die perspektivisch zwischen äußerer Hinwendung zum Publikum und Innenschau wechseln. Umspielt von traumverlorenen Tänzern hat sich die Bedeutung der Monologe, die hauptsächlich in italienisch, französisch und englisch erfolgten, nur bedingt erschlossen. Im Streit um den Anspruch auf eine (Vor-)Herrschaft unter den Tänzern spielen sie aber eine gewichtige Rolle.

Ungezähmtes Begehren

Geschaffen hat der belgische Choreograf und Fotograf sein spektakuläres Tanzstück für elf Männer vor knapp zwei Jahrzehnten. David Byrne, Frontmann der einstigen New-Wave-Band „Talking Heads“, hat dazu eine phänomenale Musik geschrieben. Vandekeybus, der weltweit als Choreograf Ansehen genießt, hat das Aufsehen erregende Stück jüngst wieder aufgenommen und neu einstudiert. Das zeitweise ungemein schnelle Tempo, die starke physische Präsenz der Tanzenden, deren Schweiß und maskuline Ausstrahlung man fast zu riechen glaubt, und atemberaubende Sprünge und Gruppenaktionen, die eine hohes Maß an Risiko beinhalten, geben dem Stück auch heute noch eine radikale Aktualität. Zwischen Vertrauen und Angst, Eleganz und testosterongeschwängerter Wucht durchlaufen die Tänzer vom Straßenanzug bis zur völligen Nacktheit viele Stadien und transportieren wechselnde kulturelle Codes.

Die nächsten Termine

  • Sonntag:

    Um 16 und um 20 Uhr tritt das Sosani Tanztheater mit seiner Show „Captured in motion“ im Kunstforum Ostdeutsche Galerie auf.

  • Karten können

    für die Performances unter Tel. (09 41) 78 88 10 oder per Mail an info@alte-maelzerei.de reserviert werden. Die Preise liegen bei 12 Euro im Vorverkauf; bei 15 Euro (12 Euro ermäßigt) an der Abendkasse.

  • Online:

    Weitere Informationen zu den Regensburger Tanztagen finden Sie unter www.regensburger-tanztage.de

Es ist eine von Leidenschaft und Energie durchdrungene, berstende Erzählung „über die Instinkte der Liebe und die Macht des Begehrens“, wie es im Programmheft dazu heißt. Sinnlich und fordernd zeigt sie sich, im Versuch eines nackten „Ungezähmten“ zu onanieren ebenso, wie im elegant gehaltenen Speed-Dating mit Orangenhälften. Während einer großartigen Tanzszene mit wechselnden Konstellationen hatte ein manipulativer „Obertänzer“ Orangen kunstvoll zerschnitten. Anschließend haben nur die Tänzer mit den jeweils passenden Hälften zueinandergefunden und sind in einen zärtlichen Reigen versunken. Einige anekdotenhafte Szenen, wie der Flohdirektor mit seinen „drei Freundinnen“, von denen Annemarie ins Publikum ausbüchste und wieder gefunden werden musste, verknüpften sich lose mit den Fäden von Macht, Dominanz und bildstarken Fantasien.

Als würden sie gleich losfliegen

„I fly, I fly“, ich fliege, jubeln gegen Ende die am Boden liegenden Tänzer im Velodrom. Ein weiteres Motiv von Freiheit und Selbstbestimmung. Heftig schlagen sie mit Armen und Händen, verlängert mit flatternden Papierblättern. Die Bühne ist mit Federn bedeckt, von oben regnet es ununterbrochen weitere Federflocken. Aus der Bäuchlingshaltung schnellen die Männer in Shorts und Hemden wie von Katapulten geschleudert immer wieder hoch, hängen sekundenlang fast waagrecht in der Luft und erwecken den Anschein, als würden sie gleich über die Zuschauer hinweg davonfliegen.

Es ist das letzte intensive Bild des berauschenden Tanzstücks. Es ist dominiert von sinnlichen Bildern der Anziehung und Begierden, fantastischen Momenten, befreiend komischen Einfällen und aufwühlenden Eindrücken heftiger Angstausbrüche oder drastischen Dominanzgehabes. Die Schlussszene knüpfte wieder an den Anfang an, danach gab es nur noch tosenden Applaus.

Weitere Kulturmeldungen finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht