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Kultur
Dienstag, 21. November 2017 7

Kabarett

Mitleid mit strunzdummen Pöblern

Mit klugen Fragen polemisiert HG. Butzk im Statt-Theater gegen Religionen, Minderheiten und die AfD.
Von Michael Scheiner, MZ

Butzko macht den Höcke: Der Gelsenkirchener nahm im Regensburger Statttheater dieses „Fieberthermometer der Gesellschaft“aufs Korn.Foto: Scheiner

Regensburg.Einen Satz heißer Ohren verpasste, bildlich gesehen, der Schalke-Fan HG. Butzko Besuchern im Statt-Theater, wo er gerade mit seinem Programm „Menschliche Intelligenz“ gastiert. „Anstrengend“ sei es gewesen, rief ein älterer Zuhörer durchaus anerkennend Bekannten beim Rausgehen zu, aber „auch richtig gut“. Reihum wurde das Qualitätsurteil murmelnd bestätigt, bevor man sich mit befreitem Schmunzeln und gerunzelter Stirn in die laue Nacht aufmachte.

Der Kabarettist aus dem Ruhrpott verbindet in seinem angriffslustigen Programm faktenreiche Recherchen, kritische Analyse und mitunter beißende Spottlust auf treffliche Weise. Er liefert somit sowohl Stoff, an dem entlang sich weiter nachdenken lässt, daher die in Falten gelegte Stirn, als auch vergnügliche Kalauer und boshafte Sticheleien. Die machen es leicht über Donald Trump, Frauke Petry, dumpfe AfD-Wähler und religiöse Fanatiker jeglicher Couleur in befreiendes oder gern auch mal gehässiges Gelächter auszubrechen. Bei aller Seelenmassage durch das verbindende Erlebnis gemeinsamer Erheiterung, steht bei dem Gelsenkirchener aber das Hirnjogging eindeutig im Vordergrund. Gekonnt verknüpft er Privates und persönliche Eindrücke mit dem Politischen, taucht ein im sächsischen Landtag und wieder auf im Alltag des schwulenfeindlichen Nachbarn, der ein Moslem, aber genauso ein Christ sein kann. Er mäandert durch die Welt selbst ernannter Gotteskrieger, sensationsgieriger Medien, der wichtigsten Minderheiten – sechs Prozent der Bevölkerung sind Muslime, fünf Prozent Superreiche – im Land und landet immer wieder bei seinen netten Facebook-Kommentatoren. Mit ihnen und ihren oftmals strunzdummen Äußerungen hat er besonderes Mitleid, das er in mitfühlende Verbalnoten und freundliche Zurechtrückungen verpackt.

Die Kartelle namens Religionen

Ganz ruhrpottmäßig gradheraus nennt er deshalb seine kabarettistische Erkundungen im Untertitel auch „Wie blöd kann man sein?“ Eine schlaue Frage, die Hans-Günter Butzko, wie der 52-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, mit Beispielen aus eben diesen Kommentarspalten mit trockener Süffisanz sich selbst beantworten lässt. Darin wird er – der Ruhrpottkumpel – schon mal als „Stasischwein“ (!) beschimpft.

Der Faden, an welchem er sich entlang hangelt, sind Bücher, gemeinhin das Symbol für Intelligenz. Seinen durchdringenden Blick richtet er dabei auf zwei der am meisten verbreitesten Bücher, die Bibel und den Koran. „Religionen“, so sein Fazit, „sind Kartelle“ vor denen bis heute in das aufgeklärte 21. Jahrhundert hinein, die Politik regelmäßig einknickt.

Belegen lässt sich das aus Sicht des logisch argumentierenden Kabarettisten unter anderem mit einem Vorfall aus dem Vorjahr in Sachsen. Dort hatte ein Bewohner in einem Flüchtlingshaus Seiten eines Korans ins Klo geworfen. Dafür wurde er von anderen Bewohner angegriffen und verletzt, weil diese ihren Glauben verunglimpft sahen. Der Ministerpräsident Thüringens, Bodo Ramelow, verurteilte anschließend nicht die Gewalt gegen den Buchzerreißer, sondern die „Verletzung der religiösen Gefühle“ der Beleidigten. „Eure Frisuren beleidigen meine Religion“, ätzte Butzko polemisierend gegen sein Publikum, um die Schieflage dieser rechtlichen Konstruktion zu entlarven. Wie – christliche – Kritiker des Islam, der Gewalt, Frauenunterdrückung und Homophobie enthalte und predige, ihrer eigenen Scheinheiligkeit und Doppelmoral aufsitzen, demonstrierte er mit einer Reihe von Bibelzitaten. Angekündigt als Stellen aus dem Koran, entpuppten sich Mordaufrufe gegen Ungläubige und Schwule als biblische Zitate, die „mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind!“ „Mir würde es reichen“, sagte Butzko unter Beifall, „wenn sich religiöse Menschen einfach ans Grundgesetz halten“.

Vom Kumpel zum Hippie

Einen breiten Raum bekam auch die AfD und einige ihrer herausragenden Vertreter wie Björn Höcke eingeräumt, den Butzko trefflich und lautstark imitierte. Dieses „Fieberthermometer der Gesellschaft“ steht damit fast gleichrangig neben einer differenzierten und gleichzeitig diffizilen Auseinandersetzung mit Muslimen. „Innerhalb dieser Minderheit“ gebe es „verdammt viele, die schwulenfeindlich sind“ geiselte er deren „Homophobie, Sexismus, Chauvinismus und Judenfeindlichkeit“.

„Je größer der Dachschaden“, lautet einer seiner Bilanzen über „Blödbirnen“, „desto schöner ist die Aussicht zum Himmel“. Kurz vor Schluss wechselte er von der Rolle des proletarischen Ruhrkumpels in einen zotteligen Neuhippie, der wissen will, ob denn „ein Neonazi als DJ arbeiten“ könne, „wenn er nicht einmal den Unterschied zwischen 33 und 45 kennt?“

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