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Kultur
Samstag, 20. Januar 2018 3

Kunst

Monopoly im mediterranen Hinterhof

GRAZifikation XV: Der Kunstverein muss zurück auf Los – und ist in seiner Ausstellung so frech wie eh und je.
Von Florian Sendtner

Renate Christin hat die Ausstellung kuratiert. Foto: Sendtner

Regensburg.„Unsere lauschige Loggia befindet sich in einem mediterran anmutenden, handwerklich geprägten Hinterhof.“ Welcher Immobilienfritze wirbt mit dieser Lyrik? Die nachfolgende englische Übersetzung macht stutzig: „A true Regensburg Hinterhof“ erwarte einen, heißt es da. Wir befinden uns auf der Internetseite des Kunstvereins Graz. „Wer das Graz kennenlernen will, der sollte vorbeikommen“, heißt es noch, und eigentlich müsste dabeistehen: „Bitte bald!“

Denn den wirklich wunderbaren Hinterhof der Schäffnerstraße 21, den der Kunstverein Graz seit zehn Jahren mit Leben erfüllt, wird es nicht mehr lang geben. Der ganze Block Schäffnerstraße/Grasgasse/Maxstraße wird abgerissen, der Kunstverein Graz wird vertrieben – nicht zum ersten Mal: „Nach unserem Umzug von der Ladehofstraße im heutigen Dörnbergareal im Jahr 2008 haben wir in diesem Jahr erneut den kürzeren im Regensburger Immobilienmonopoly gezogen“, heißt es in einer Erklärung des Kunstvereins.

Zwölf Künstler stellen aus

Doch, anstatt lang zu lamentieren, hat man die Sache zum Thema der traditionellen Jahresausstellung gemacht: die 15. GRAZifikation, kundig kuratiert von Renate Christin, steht unter dem Motto „Monopoly“. Zwölf Künstler, Graz-Mitglieder wie Gäste (halbe-halbe), wetteifern also um Parkstraße und Schlossallee und Häuser und Hotels. Nein, natürlich nicht. Das Monopolyspielen bleibt den Ausstellungsbesuchern überlassen. Albert Plank hat in der Mitte des Raumes ein schwarzes Podest errichtet, darauf ein Tisch, vier Stühle und ein Monopoly-Spiel. Und auf den Seitenflächen des Podests nochmal zur Erinnerung die realen Spielfelder: „Grasgasse“, „Schäffnerstr. 21“, „Ladehofstraße“, usw.

Die Ausstellung

  • GRAZifikation XV

    im Kunstverein Graz, Schäffnerstraße 21, ist bis zum 30. Dezember zu sehen.

  • Geöffnet ist

    die Ausstellung Freitag und Samstag von 16 bis 19 Uhr.

  • Die ausgestellten Kunstwerke

    sind auch käuflich zu erwerben.

  • Der Kunstverein Graz

    wurde 2002 gegründet und hat bis heute über 200 Ausstellungen organisiert.

Die Monopoly-Spieler werden von einer ganzen Meute von Manschkerln beobachtet, sackartigen Wesen mit einem Riesenzinken: die „Nasenmännchen“ von Werner Jannek. Links auf dem Fensterbrett tummeln sie sich im Kleinformat als zweifach gebrannte Modellierkeramik, knallbunt bemalt, rechts hocken auf Sockeln wie aus Bronze die großen Brocken, sie heißen „Helmut, „Nobby“, „Angie“ und „Skeptikus“ und unterscheiden sich trotz durchgehend mehrschichtiger Bronze-Patina nicht zuletzt durch verschiedene Prädikate: „bedingt wetterbeständig“ oder „voll wetterbeständig“. Eindrucksvolle Kulisse: das in satten Farbenlinien schwelgende vierteilige Polyptychon „L | I | F | E“.

Kapital verdrängt Kunst

Wie man sieht, haben sich die Künstler nicht zwanghaft um das Thema „Monopoly“ bemüht, was der Ausstellung ganz guttut. Da vertieft sich zwischendurch Matthias Schlüter in einem verschlungen-schönen Doppelbild in „Beziehungen“ (Mischtechnik) und zeigt in einem Acrylbild, wie das aussieht, woran die Bahn gerade wieder mal grandios gescheitert ist: ein ins Dunkel hineinrasender „Nachtzug“. Christian Havlicek als dienstältestes Graz-Mitglied dieser Ausstellung sekundiert den Schlüter-„Beziehungen“ mit seinem großformatigen Bild „Meet me in the garden“, einem buntblättrig-unentrinnbaren Menschendschungel.

Barbara Gaukler formt aus zwei Bilderserien und etlichen Radierungen ein spektakuläres, deckenhohes Monopoly, wobei vor allem ihre Querformat-Serie „Wolfsfrau“ ein künstlerisches Highlight der Ausstellung ist. Und Renate Christin besticht mit ihren „Roten Landschaften“ und vor allem mit den beiden großformatigen Bildern „my house, in the middle of our street“ und „Mein Weg nach Hause“, die den Betrachter daran erinnern, dass man ein Haus auch noch mit anderen Augen als denen des Immobilienspekulanten anschauen kann.

Sogar ein großer, rätselhafter Wandteppich ist in dieser GRAZifikation geboten: „Fangs and Gangs“ von Lady B. Eine gesichtslose Frau, in vegetatives Grün getaucht, hermetisch umrankt von einer Schlange, als wär’s ein Negativ von Stuck. Am andern Ende der Ausstellung verweist Yosl mit „Black Circle“ auf den bevorstehenden Abriss: Kapital verdrängt Kunst, aus, basta.

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