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Kultur
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Jazz

Der Klangforscher starb am Strand

Mit Norbert Vollath verliert die Musikszene in Bayern einen ihrer vielseitigsten und interessantesten Künstler.
Von Marianne Sperb, MZ

Norbert Vollath 2013, im Leeren Beutel Regensburg: Die Negerländer feierten mit einem zweitägigen Jubiläumskonzert das 30-jährige Bestehen der Formation. Foto: Michael Scheiner

Regensburg. Norbert Vollath lauschte in Irland dem Meer seinen Klang ab. Die Installation „submerged IV“ war eines der vielen und vielseitigen Projekte des Regensburgers, der nicht aufhörte, Töne, Klänge und Geräusche zu erkunden, umzuwandeln und neu zu interpretieren.

Wie soll man Norbert Vollath bezeichnen? Als Saxophonisten? Als Bassklarinettisten? Als Komponisten? Als Gründer von Musikformationen? „Ihn nicht beschreiben zu können, ist vielleicht die beste Beschreibung von ihm“, sagt Mike Reisinger, der seit 1996 an Vollaths Seite im Duo De Clarinettes-Basses gespielt hat.

Nobert Vollath (rechts) beim 33. Bayerisches Jazz-Weekend 2014, mit seinem Duo-Partner Mike Reisinger in der Kirche St. OswaldFoto: MZ-Archiv/altrofoto.de

Sylke Merbold, Leiterin des Bayerischen Jazz-Instituts, twitterte die traurige Nachricht am Freitag: Norbert Vollath ist in seiner zweiten Heimat Irland gestorben. Die Kulturfreunde (nicht nur) in Regensburg waren am Wochenende geschockt. Mit Norbert Vollath, Jahrgang 1956, verliert die Musikszene in Bayern einen ihrer vielseitigsten und interessantesten Künstler.

„Ihn nicht beschreiben zu können, ist vielleicht die beste Beschreibung von ihm.“

Mike Reisinger

„Ich bin absolut bestürzt und sehr, sehr traurig“, sagt Winfried Freisleben, Vorstandsmitglied im Regensburger Jazz-Club, am Samstag. „Ich habe einen guten Freund verloren. Wir haben viel Jazz gedacht, diskutiert und ausprobiert. Seine Musik konnte Grenzen ausloten und glücklich machen.“

Eine unverkennbare musikalische Sprache

Norbert Vollath war Ur-Negerländer und schuf mit den Multi-Instrumentalisten Heinz Grobmeier und Bertl Wenzl Klangräume für Neue Musik, für Avantgarde, Jazz und bayerische Blasmusik und alles zusammen. Er sprach auf eine unverwechselbare Art mit Saxophon und Bassklarinette. Er fand einen unverkennbaren individuellen musikalischen Ausdruck, so wie vielleicht John Coltrane und Archie Shepp. „Wenn du ein paar Töne der Beatles hörst, weißt du sofort: Da spielen die Beatles. Wenn du ein paar Töne Norbert Vollath hörst, weiß du sofort: Da spielt Norbert Vollath“, sagt Heinz Grobmeier am Samstag. Er spricht noch im Präsens von seinem toten Freund.

Norbert Vollath (rechts) mit den Negerländern Bertl Wenzl (Mitte) und Heinz Grobmeier Foto: MZ-Archiv

Vollath gründete die Negerländer mit, das Duo De Clarinettes-Basses und das Duo Extrakt. Er gab Konzerte – zum Beispiel! – in Frankreich, Ungarn, der Schweiz, den Niederlanden und in Schottland. Er vertonte Stummfilme, machte Musik für Lesungen und Literaturprojekte, spielte bei Vernissagen und Performances, war zu hören im Theater, im Rundfunk, im Fernsehen. Zuletzt hatten länderübergreifende Kooperationen, vor allem mit irischen Musikern, und Improvisationskonzepte, etwa für Tanztheater, an Bedeutung gewonnen.

„Wenn du ein paar Töne Norbert Vollath hörst, weiß du sofort: Da spielt Norbert Vollath.“

Heinz Grobmeier

„Er machte Musik in allen Genres, mit allen Instrumenten“, sagt Mike Reisinger. „Aber vor allem war er ein unglaublich guter Netzwerker, ein Mensch, der schnell Kontakt zu verschiedensten Menschen fand.“ Norbert Vollath war seit rund 30 Jahren in allen möglichen Ländern, auf allen möglichen musikalischen Feldern unterwegs, improvisierend und experimentierend, mit großer Neugier und großer Kraft.

Im Erdstall fing er die Schwingungen ein

Der Regensburger Musiker Norbert Vollath 2014, an der irischen Küste, bei der Arbeit für seine Sound-Installation „Into The Field“: Am Donnerstag ist der Regensburger gestorben. Foto: Patricia Doherty

Der Musiker, der neue Klang- und Sound-Möglichkeiten für seine Instrumente auslotete, wurde mehr und mehr zum Klangsammler. 2014 entstand in Irland die Klanginstallation „submerged IV“, für die Ausstellung „Into The Field“. Die Hör-Schau aus Licht, Farbe und Tönen war in „The Model“ in Sligo zu sehen, einem Zentrum für zeitgenössische Kunst. Vollath vergrub Mikrophone im Sand und machte Wellen und Wind, Wasser und Luft und Gräserflüstern hörbar. Auch Superstar Olafur Eliasson arbeitete an dem Projekt mit. Einige Besucher in „The Model“ legten sich auf den Fußboden, um die Verbindung von Visuellem Bildern und Klängen zu einer Art Meditation zu nutzen, beschrieb Vollath die Wirkung später in einem MZ-Interview.

Im Sommer 2015 machte sich Vollath ins Schrazelloch unter dem Schießl-Haus in Neukirchen-Balbini (Landkreis Schwandorf) auf: um Töne im Erdstall einzufangen. Die Stille forderte ihn heraus, Geräusche, die über verschiedene Sinneskanäle in Körper und Gehirn eindringen, zogen ihn an. Das Tonmaterial aus dem Erdstall bearbeitete er später in seinem Studio. Am Ende stand mehr als die Summe der Teile: ein Produkt, das sich irgendwo zwischen Musik, Bildender Kunst und Architektur bewegt.

Noch Ende August installierte er mit Ludwig „Wigg“ Bäuml (BBK Niederbayern/Oberpfalz) dann im Schießlhaus eine Ton- und Bildcollage mit dem rätselhaften Titel „Gebete der Sodalinnen“.

Ein Konzert an der Kante von Wort und Klang

„Sein Tod ist einfach nicht zu begreifen“, sagt Sylke Merbold am Freitag. „Auf meinem Schreibtisch liegt noch eine CD von ihm, die er mir geschickt hat. Ich konnte sie noch nicht hören.“

Irgendwie war Vollath permanent an vielen Stellen präsent, so, als ob seine diversen anstehenden Projekte ein stetiges unterschwelliges Grundrauschen erzeugt hätten. Heinz Grobmeier und Bertl Wenzl wollten mit ihm dieser Tage im Amberger Luftmuseum Musik machen. Schauspieler Michael Heuberger plante mit ihm ein Projekt im Schrazelloch. Steve Dalachinsky aus New York wollte Mitte Oktober mit ihm in der Kebbel-Villa in Schwandorf einen Abend gestalten. Der berühmte amerikanische Lyriker und der oberpfälzische Musiker hatten ein Konzert an der Kante von Wort und Klang verabredet. „Mitten aus dem Leben gerissen“, das sagt man so. Hier ist es keine Floskel.

Jetzt, bei der Nachricht von seinem Tod, wird noch einmal deutlich, wie groß der musikalische Horizont von Norbert Vollath war. Was hätten wir von ihm noch alles hören können in den nächsten zehn, zwanzig Jahren.

In Irland, in der Kleinstadt Sligo, wo seine Frau Patricia Doherty an der Kunsthochschule lehrt, verbrachte Norbert Vollath einen beträchtlichen Teil des Jahres. Am Strand, dort wo er dem Meer seine Musik ablauschte, ist er am Donnerstag gestorben.

Der Jazzer und Klangkünstler Norbert Vollath

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