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Kultur
Donnerstag, 26. Mai 2016 26° 2

Bühne

Mythos und Wahn des Hackers Karl Koch

Regisseur Christopher Rüping hat aus Leben und Sterben des besessenen Verschwörungstheoretikers ein Theaterstück gemacht.

Die Schauspieler Daniel Nerlich (l.) und Philippe Goos beim Proben zum Schauspiel „23 – Nichts ist so wie es scheint“ in Hannover Foto: Peter Steffen/dpa

Hannover.Mit dem Schicksal des jungen Hackers Karl Koch, der sich in Verschwörungstheorien verstrickt, beschäftigt sich das Junge Schauspiel Hannover. Das Stück „23 – Nichts ist so wie es scheint“ beruht auf einer wahren Geschichte. Der junge Hannoveraner geriet in der Endphase des Kalten Krieges zwischen die Geheimdienste und wurde vier Jahre später 1989 tot in einem Wald bei Wolfsburg entdeckt. Am 23. Februar wird das Stück nach dem gleichnamigen Film von Hans-Christian Schmid uraufgeführt.

„Es ist keine Adaption des Filmes. Wir wollen unsere eigene Geschichte erzählen“, sagte Regisseur Christopher Rüping am Montag. „Karl Koch war mit seiner Vision von einem virtuellen Ich und einer vernetzten Welt seiner Zeit weit voraus.“ Der junge Hacker habe das Potenzial des Internets erkannt, als viele es nur für eine technische Spielerei hielten. „Er hat einen geradezu prophetischen Text geschrieben: ,Im Cyberspace wirst du zu dem, der du eigentlich sein willst, aber in deinem echten Leben nicht sein darfst.‘“

Die ARD-Tagesschau im März 1989 über die Enttarnung der Hackerbande:

Karl Koch war inspiriert von der Romanfigur Hagbard Celine aus der Illuminatus-Trilogie und überzeugt davon, dass die Zahl 23 immer dann auftaucht, wenn etwas Schlimmes in der Weltgeschichte passiert. Die Verschwörungsfantasien trieben den jungen Mann in die Kokainsucht, wegen paranoider Schübe lieferte er sich wiederholt selbst in die Psychiatrie ein, wie das Schauspiel schreibt.

Die mysteriöse 23

  • Mit einem Buch fing es an:

    Die Zahlenmystik um die 23 geht vor allem auf ein satirisches Werk der amerikanischen New-Age-Schriftsteller Robert A. Wilson und Robert Shea zurück. In ihrer 1971 vollendeten „Illuminatus!“-Romantrilogie versammelten und erfanden sie ein ganzes Potpourri von Verschwörungstheorien rund um den Geheimbund der Illuminaten. Die 23 ist in ihrem Weltbild von fundamentaler Bedeutung. Den Bund gab es zwar im 18. Jahrhundert tatsächlich – aber nur als Verein von Aufklärern. Die bekanntesten Mitglieder waren Adolph Freiherr von Knigge und Johann Wolfgang von Goethe. Nach wenigen Jahren wurde der Geheimbund verboten.

  • Auch Dan Brown nahm Anleihen:

    Wilson und Shea hatten einfach Freude daran, gerade so viel Fakten mit Fiktion zu mischen, dass die Theorie einer Weltverschwörung von Illuminaten glaubwürdig erschien. Verschwörungstheoretische Bücher – ernstgemeinte und satirische –, Lieder und Filme bezogen sich immer wieder auf Wilsons und Sheas Werk. Auch Dan Brown, Autor der weltweiten Bestseller „Sakrileg“ und „Illuminati“, bediente sich bei diesem Klassiker. Weil Robert A. Wilson bei der Arbeit an der Trilogie so viel Wissen über Rosenkreuzer, Freimaurer und Templer angehäuft hatte, schrieb er später sogar ein Lexikon der Verschwörungstheorien. (dpa)

Der 30-jährige Regisseur spielt in seinem knapp zweistündigen Stück mit dem Zeitgeist und der Ästhetik der 80er Jahre. Dabei begreift er die 80er Jahre-Welt als Chiffre für die Gegenwart. „In unserer jetzigen Realität sind Verschwörungstheorien wieder extrem präsent – wie in den 80er Jahren“, sagte Rüping, der wie Koch in Hannover aufwuchs und von der kommenden Spielzeit an als Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen arbeitet. Das Regietalent war mit seiner Film-Adaption von „Das Fest“ am Schauspiel Stuttgart 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden.

„23“ arbeitet viel mit Displays, Monitoren, Bildschirmen. Im Bild: Schauspieler Philippe Goos Foto: Peter Steffen/dpa

Karl Kochs verkohlte Leiche wurde 1989 in einem Wald bei Wolfsburg gefunden. Eine Woche zuvor – ausgerechnet am 23. Mai – war der 23-Jährige verschwunden. Die Polizei ging von Selbstmord aus, allerdings bleiben die Hintergründe bis heute rätselhaft. Rüping betont in seiner Inszenierung die Todesart, das Verbrennen. „Dieser Akt hat ihn zu der Legende werden lassen, die er immer sein wollte“, sagt der Regisseur.

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