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Kultur
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Kunst im Österreicherstadel

Naturnahes Idyll mit Abgründen

„Nadines Nagelstudio und Kevins Bistro“: Im Österreicherstadel schlagen Künstler ironische Brücken zwischen Stadt und Land. Eröffnung ist am 4. Mai.
Von Florian Sendtner, MZ

  • Die Regensburger Kostümbildnerin Sandra Münchow legt im Österreicherstadel letzte Hand an ihre textile Komposition „Sinnlos schön – der gestickte Garten“. Fotos: Sendtner
  • Veronika Schneider vor ihrem Kunstwerk „Schichtung“

Regensburg.„Am Donaumarkt wird doch das Museum für bayerische Geschichte gebaut, des gibt’s doch net, dass da jetzt noch ein Nagelstudio aufmacht!“ Nicht wenige, die das Plakat sehen, wundern sich. Darauf wird außer „Nadines Nagelstudio“ auch noch „Kevins Bistro“ angekündigt, außerdem, und da wird’s völlig rätselhaft, „Toskanische Palazzi“.

Nur an einem winzigen Detail könnte man merken, dass das alles „nicht echt“ ist: „Nadines Nagelstudio“ kommt ohne Apostroph daher, also richtig – und somit falsch. Auch der Untertitel ist verdächtig: „Leben auf dem Dorf, gestern heute morgen“. Und schließlich das letzte Indiz: Als Veranstalter wird „Rosvita Lib“ genannt, eine berüchtigte Künstlerinnengang in wechselnder Besetzung; derzeit zeichnen Chris Flachs-Radlmeier und Renate Haimerl-Brosch verantwortlich.

Leben auf dem Dorf – in einem städtischen Salzstadel, der demnächst saniert und als Depot für ein historisches Museum verwendet wird? Ja doch. Weil erstens ist es ja überall das gleiche Elend, auf dem Land wie in der Stadt. Zweitens handelt es sich bei dieser Ausstellung um die Fortsetzung eines Kunst-Symposiums in Neukirchen im vergangenen September.

Kommerz im entlegensten Winkel

Drittens hat Rosvita Lib die Ostnerwacht vor genau fünf Jahren schon mal mit einer mehrwöchigen großangelegten Kunstaktion („Go East!“) unsicher gemacht. Und viertens macht die Gegenseite unter dem Stichwort „Stadtmarketing“ ja auch schon lang keinen Unterschied mehr zwischen Stadt und Land. Die totale Kommerzialisierung trifft das Bauerndorf genauso wie die Millionenmetropole.

Das schönste Beispiel für Verdinglichung und Entfremdung ist eine über zwei Meter hohe Tafel, die die Künstlerin Veronika Schneider im Österreicherstadel entdeckte. Das Fundstück ist offenbar das Werk einer Regensburger Behörde und war vermutlich in irgendeiner lieblichen Landschaft am Stadtrand zu bewundern.

Das unfreiwillige Kunstwerk teilt dem Betrachter mit, dass er sich unmittelbar in einem „Erholungsraum“ befinde und erklärt, was es damit auf sich hat: „Naturnahe Kulturlandschaft bietet viel Abwechslung: Dörfer, Wälder, weite Flur – hier können Erholungssuchende die Seele baumeln lassen.“ Irgendwann wird es behördliche Hinweise geben, dass man zuerst ein- und dann ausschnaufen muss. Veronika Schneider, die bereits 2008 an „Go East“ mit eigensinnigen Installationen beteiligt war, hat auf die Tafel ein Foto gepappt, das sie in Neukirchen gemacht hat: eine Hauswand mit Fenster, dessen Rollo heruntergelassen ist, davor auf einem millimetergenau gestutzten Rasen eine leere Bank. Die mit immensem Aufwand gepushte „Landliebe“: eine Abziehfolie. Die Realität: ein Gefängnishof.

Im Österreicherstadel baut die 32-jährige Künstlerin, die in Halle und Dresden lebt, das trostlose Foto nach: An einer weißen Wand hängt eine Jalousie, davor steht auf einem Kunstrasen ein weißer Plastikstuhl. Daneben ist ihr Werk „Schichtung“ zu sehen: In penibler Kleinarbeit hat Schneider aus zurechtgeschnittenen Holzbrettern einen der massiven Trägerbalken des Stadels nachgebaut, um in der direkten Nachbarschaft des beeindruckenden Originals Simulation und Blendwerk vor Augen zu führen.

In Neon werd‘s scho glei dumpa

Albert Planks „hoder hus“ ist ein etwa zehn Quadratmeter großer Raum mit Fenstern, die zum Beispiel (per Videoinstallation) einen Ausblick auf einen Toskanischen Palazzo in Neukirchen bieten, der einem die Sprache verschlägt: die Garage ist so stattlich wie bei andern Leuten das ganze Haus. Im Radio läuft ein Interview, das Fotografin Rose Heuberger in Neukirchen mit einem alten Ehepaar geführt hat (ihre Fotos sind außerhalb des „hoder hus“ auf zwei Fahnen zu bewundern). Plank erzählt von einem Waldlerhaus in Bruck, einem relativ originalgetreuen Neubau – nur viel zu groß. Das architektonische Pendant zur im Auftrag von Helmut Kohl aufgeblasenen Pietá von Käthe Kollwitz. „hoder hus“ kommentiert sarkastisch den Verlust jeden Gefühls für Dimension und Stimmigkeit. Dafür bietet die Kostümbildnerin Sandra Münchow mit ihrer textilen Komposition „Sinnlos schön – der gestickte Garten“ die reinste Erholung fürs Auge. Die braucht man aber auch, denn um die Ecke lauert das Video des Künstlers Carl Klein aus der Höllmühle bei Brennberg: „Sind denn in diesem Hause die Kammern all besetzt?“ und daneben die Neonleuchteninstallation „’s werd scho glei dumpa“. Es ist angerichtet im Österreicherstadel: ein künstlerisch-ironischer Brückenschlag zwischen Stadt und Land.

Die Ausstellung „Kevins Bistro, Nadines Nagelstudio und Toskanische Palazzi – Leben auf dem Dorf, gestern heute morgen“ ist vom 5. bis 24. Mai im Österreicherstadel am Donaumarkt zu sehen. Eröffnung ist am Samstag, 4. Mai, um 18.30 Uhr mit einer Performance von Carl Klein und Musik von Bertl Wenzl (Sax)

Beteiligt sind die Fotografin Rose Heuberger, der Performance- und Videokünstler Carl Klein, die Kostümbildnerin Sandra Münchow, der Installationskünstler Albert Plank und die Holzbildhauerin Veronika Schneider

Im Rahmenprogramm wird am 15. Mai „Heimat, süße Heimat“ von Jiri Menzel gezeigt.

Finissage ist am 24. Mai um 21 Uhr mit einer Elektro-Punkrockband aus Berlin: Veronika Schneider and The Fishy Fingers

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