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Kultur
Mittwoch, 23. August 2017 27° 1

Klang

Ohren spitzen, hören gehen!

100 Noten-Bilder, 13 Hörenswürdigkeiten, 4 Konzerte: Beim Regensburg-Gastspiel von Peter Androsch gibt’s was auf die Ohren.
Von Marianne Sperb, MZ

Peter Androsch vor einer Phonographie in der Minoritenkirche: Am Samstag beginnt die fünfmonatige „Personale“. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Das Auge ist nach vorn gerichtet, auf ein Ziel, und es hat ein Lid, um sich zu schützen. Der Allrounder aber, mit dem wir die Welt wahrnehmen, ist das Ohr. Es ist offen für Reize von allen Seiten, immer, permanent. „Das Auge ist ein analytischer Sinn. Aber übers Ohr dringt alles ins Unterbewusstsein“, sagt Peter Androsch.

Der Satz ist typisch für den Linzer Klangforscher. Er denkt die Dinge von sehr verschiedenen Seiten durch, bis in alle Verästelungen, die sie verbinden: den Klang mit dem Raum, die Architektur mit dem Wohlgefühl, den Schall mit der Medizin, die Sprache mit dem Bild. Oder die Akustik mit der Macht.

Im Reichstag Gehör finden?

„Die Deutschen haben es geschafft, ein Parlament zu bauen, in dem sich der Redner nicht hören kann“, sagt Androsch bei einem Kaffee im Garten des Historischen Museums. Er baut in der Minoritenkirche gerade seine Ausstellung auf und hat kurz Zeit für einen Plausch. „Dabei ist der Reichstag das Zentrum der Demokratie, der Ort, an dem Menschen eine Stimme haben und Gehör finden sollten“, schiebt er nach. „Aber der Architekt hat offenbar nicht einmal das Wort Parlament verstanden.“

Der 53-Jährige rast im Kreuzgarten durch die Welt des Klangs und legt kurze Stops ein. „Wussten Sie, dass ein Drittel der Herz-Kreislauf-Erkrankungen von akustischem Stress herrühren?“ Deshalb wird er bei seiner Regensburger „Personale“ auch ein öffentliches Gespräch mit HNO-Arzt Dr. Erich Gahleitner führen. Nächster Stop: Androsch tippt er am Beispiel Regensburg an, wie Herrschaftsstrukturen hörbar werden. In der Altstadt sind die Gassen verwinkelt, ein Befehlsruf wäre kaum zu lokalisieren. In Stadtamhof ist die Struktur klar und überschaubar; im einstigen bayerischen Territorium dringen Befehle noch in den letzten Winkel.

Die „Personale“ im Überblick

  • Ausstellung:

    „Phonographie“ von Peter Androsch ist bis 30. Oktober in der Minoritenkirche zu sehen. Zur Eröffnung am Samstag (11. Juni, 14 Uhr) sprechen OB Joachim Wolbergs, Musikjournalistin Dr. Eleonore Büning und Kulturreferent Klemens Unger. Katerina Beranova (Sopran) und Thomas Kerbl (Orgel, Cembalo) führen „In Memoriam“ auf, aus Androschs Oper „Spiegelgrund“.

  • Katalog:

    Alle Phonographien der Ausstellung sind im Begleitband versammelt, mit Texten von Dr. Christa Blümling (Paris), Bernhard Doppler (Berlin) und Wolfgang Neiser (Regensburg).

  • Hörspaziergänge:

    Peter Androsch führt zu Regensburger Hörenswürdigkeiten – Orte mit typischen und bemerkenswerten Geräuschen.

  • Konzerte:

    Dr. Didi, das sind Peter Androsch, der Performer Didi Bruckmayr und der Komponist und Klangforscher Bernd Preinfalk. Die Band aus Linz spielt am 10. September „In Effigie“. Bernhard Zachhuber aus Wien und Peter Androsch führen am 17. September „In Nomine“ auf. Ensemble 09 aus Linz gastiert am 24. September mit „In Summa“.

  • Gespräche:

    Peter Androsch spricht mit Experten öffentlich über Aspekte von Klang, Termine sind 12. Juli, 16. September und 12. Oktober.

Androsch ist Komponist, Musiker, Klangvermittler, Raum- und Schriftkünstler. „Am ehesten bin ich ein Zusammendenker“, sagt er. Einen „Philosophen und Hansdampf zugleich, Konzept- und Jahrmarktkünstler“ nennt ihn Eleonore Büning, die Grande Dame des FAZ-Feuilletons. Sie wird am Samstag in der Minoritenkirche sprechen, bei der Eröffnung der „Phonographie“. 100 Grafiken sind im Chor versammelt. Die Werkschau ist die erste im deutschsprachigen Raum.

Androsch erschafft aus Partituren Bilder. Er schichtet Noten-Handschriften. Die großformatigen Grafiken kommen, je nach Musik, luftig oder schwer daher, auf dickem Bütten oder Leinwand. Mozarts Requiem in d-moll (KV 626, III. Sequenz) wird als komprimierte Lithographie zum dunklen Rechteck aus fein gesponnenem Gewebe, strotzend vor Details. Eine Serigraphie nach Skizzen von Androschs „Opernmaschine“ dagegen (2013 uraufgeführt) wandelt sich in ein duftiges Geflecht aus Noten und Notizen. Die Blätter stimulieren einen. Der Betrachter versucht unwillkürlich, das, was er sieht, zu hören. Das Auge kitzelt sozusagen das Ohr. Eine multiple Sinneserfahrung – typisch Androsch.

Widerstand in der „Führerstadt“

Eigene Kompositionen und Partituren von Mozart, Wagner oder Schönberg treffen in der Schau auf Schriften von Linzern. Androsch stellt der braunen Vergangenheit der „Führerstadt“ Texte von widerständigen Bürgern entgegen. Verarbeitet wird zum Beispiel Handschriftliches von Bauhaus-Mitbegründer Herbert Bayer; der revolutionäre Designer emigrierte 1938 in die USA. Zitiert ist auch der Bauer Franz Jägerstätter; NS-Schergen köpften ihn, weil er den Wehrmachtdienst verweigerte.

Lesen Sie mehr über einen Regensburger Klangforscher: Norbert Vollath.

Die Ausstellung ist eingebettet in ein klangvolles Programm. Die „Personale“ (der Name leitet sich von per-sonare her, deutsch: durchklingen) lenkt das Ohr auf unterschiedliche, auch überraschende Facetten von Klang. Fünf Monate lang bespielt Androsch die Stadt. Bei drei Konzerten im September kann man sich in seine Musik einhören. Linzer Gäste, darunter Androschs Band Dr. Didi, gastieren. Und gleich zur Eröffnung erklingt ein Part aus „Spiegelgrund“. Androsch reflektiert in der Oper über die Kinder-Euthanasie-Anstalt „Spiegelgrund“. Gerade ist übrigens seine 17. Oper fertig geworden: „Marx I“ für Trier, zum 200. Geburtstag von Karl Marx.

Didi Bruckmayr von Dr. Didi singt bei der „Personale“ Foto: www.drdidi.at

Regensburgs Sehenswürdigkeiten sind weltberühmt. Regensburgs Hörenswürdigkeiten sind bei der „Personale“ zu entdecken. Hörspaziergänge führen zu 13 Orten, die akustisch besonders oder typisch sind. Eine Station ist die Durchfahrt Kolpinghaus. „Hier weiß man gleich, was Amerikaner unter noise canyon verstehen“, sagt der Musikdirektor der Kulturhauptstadt Linz 2009, der damals das Projekt „Hörstadt“ entwickelt hat. Im plumpen Tunnel unter dem Kolpinghaus schlägt der Verkehrslärm von allen Seiten zurück. Eine Kakophonie schwappt über die Passanten.

Die Schalle-Quelle ist kaum zu orten

Auch die Minoritenkirche, wo Androschs Arbeiten hängen, ist eine Hörenswürdigkeit. Ein Ort mit gewaltiger „Raumantwort“, sagt Androsch. Jeder Tritt auf den Steinboden löst Schallwellen aus, die mit rund 340 Metern pro Sekunde durch Luft und Raum sausen und irgendwann wieder beim Eintretenden landen. Er nimmt einen unfassbaren, quasi überirdischen Hall wahr. Ein Choral ergießt sich hier wie ein Fluidum in den Raum. Die Quelle des Schalls zu orten, ist fast unmöglich. „Das war lange auch so gewollt“, sagt Androsch. Um eine mystische Aura zu erzielen. Dann trinkt er seinen Kaffee aus. Die „Phonographie“ ruft; sie muss ja bis Samstag fertig sein.

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