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Kultur
Samstag, 3. Dezember 2016 3

Regensburg.

Packend, erotisch, erfrischend neu

Empfehlung für Knorscheits Inszenierung von Carl Maria von Webers „Freischütz“

Sepherl (Dominique Jandausch, l.) hält den Lauf, während Max (Markus Ahme, 2.v.l.) in der Wolfsschlucht im Beisein der Jäger den Probeschuss abgibt. Foto: Zitzlsperger

von Randolf Jeschek, MZ

Hell war’s, merkwürdig hell, und der deutsche Wald ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Erfreuliches ist also zu berichten vom neuen „Freischütz“ im Theater am Bismarckplatz. Raik Knorscheits Neuinszenierung metaphert nicht um den heißen Brei herum. So wird beispielsweise kein teuflischer schwarzer Jäger namens Samiel bemüht, das sogenannte Böse wuselt überall rum.

Dafür hat man sich was Nettes einfallen lassen: Kantors Sepherl (Dominique Jandausch), beim Sternschießen im ersten Auftritt mit einer klitzekleinen Rolle bedacht, wird zur Hauptperson. Überall turnt es rum und gibt Anstoß, wird gestoßen und geherzt, eine Mischung aus Lederhosen-Amor und sprachlosem Dorfdepp, ein verführerisches Früchtchen vom Baum der Erkenntnis, das für die Gegenwelt, für all das jenseits des Logos steht. Und folglich die Samiel-Rolle gleich mit übernehmen kann.

Zauderer mit kräftiger Stimme

Max dagegen bleibt Max, zielsicherer Jägerbursche, solange es um nichts geht, von Versagensängsten gebeutelt, sobald er die ersehnte Erbförsterstelle nebst Förstertochter Agathe ins Visier nimmt. Markus Ahme spielte den temporär impotenten Zauderer in überzeugender Manier, glänzte andererseits mit kraftvoller, strahlender Stimme. Ob aber das zusammengeht, mag bezweifelt werden. Denn Max ist zwar Tenor, doch kein Held. Und Weber wollte den größten Teil der Partie sinnvollerweise piano haben. Sich zurückzunehmen statt seine stimmliche Potenz effektvoll zu präsentieren, ist viel verlangt, aber einen Versuch wär’s wert, im Sinne der Glaubwürdigkeit der Rolle. Ein wenig gilt das auch für Katharina E. Leitgebs Agathe in ihrer großen Arie (2. Akt), die recht handfest geriet. Zauberhaft dagegen die Kavatine. Großen Eindruck machte Seymur Karimov als Kaspar bzw. Che Guevara vom Böhmerwald.

Steifer Adel, aufmüpfiger Bauer

Julia Amos als Ännchen agierte auf Augenhöhe mit Agathe, naturgemäß etwas lockerer und frecher. Stimmlich sehr präsent und überzeugend auch Martin-Jan Nijhof als Erbförster Cuno, ganz diskret-steifer Landadel, Adam Kruzel als Fürst Ottokar mit dem Habitus eines wilhelminischen Gymnasialprofessors, Michael Berner als fixer, leicht aufmüpfiger Bauer Kilian sowie Sung-Heon Ha als blütenweißer, weihevoller Eremitus ex machina.

Den ersten Applaus erhielt das Philharmonische Orchester (Leitung: Raoul Grüneis) bereits nach der Ouvertüre ganz zu Recht, obwohl die Hörner sich noch Steigerungsmöglichkeiten für die Zwischenaktmusik vorbehielten und auch die Streicher sich noch einpendeln mussten. Aber es wurde knackig und frisch musiziert, nicht zu dick, mit wunderschönen prägnanten Details und sehr differenziert. Den Bauernwalzer ging man urig-derb an, mit elegantem Schwung begleitete man Max durch die Wälder, kommentierte mit penetranten Piccoloeinwürfen Kaspars Lied, trug sanft und leise Agathens Weise…. So wie das Orchester mit wenigen, aber deutlichen Akzenten ganz im Sinne Webers den Nagel auf den Kopf traf, kommt das Bühnenbild (Ruth Schaefer) mit wenigen Elementen aus. Innen ist außen, außen ist innen, Wald oder Kammer, alles ist stets gegenwärtig. Schießstand oder Bett, geglückter Schuss oder erfolgreiche Defloration, das eine steht für das andere. Die Farben (Licht: Martin Stevens) sind (vielleicht etwas zu) klar definiert, weiß und schwarz für gut und böse, blau sind das Bett und der Himmel, die „Wolfsschlucht“ ist ganz in Bordellrot getaucht.

Packendes Theater

Mit Tempo ging’s durch die ersten beiden Akte: packendes Theater, das in der hocherotischen „Wolfsschluchtszene“ kulminierte. Der Knick kam nach der Pause, notgedrungen; denn wenn sich alles in Güte, Harmonie und Gottergebenheit auflöst, ist das nicht so aufregend. Dazu häuften sich Unsicherheiten und Wackler. Statisch ging’s zu. Irgendwie war die Luft raus.

Den Jungfernkranz-Chor relativ langsam, wirklich quasi allegretto anzulegen, hat was, was unterschwellig Gefährliches, aber gerade das erfordert enorme Präzision. Stramm war der paramilitärische Jägerchor, jedoch ohne den letzten Schliff. Das ändert aber nichts an der insgesamt ansprechenden Leistung des Chores, der einiges Leben auf die Bühne brachte. Jede Menge verdienten Applaus und auch reichlich Bravos gab’s zum Schluss für einen taufrischen „Freischütz“, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

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