mz_logo

Kultur
Dienstag, 12. Dezember 2017 7

Festival

„Papas Kino“ war gar nicht so übel

„Heimspiel“ in Regensburg widmet sich dem deutschen Nachkriegsfilm – jenseits von Heimatschinken und Schlagerklamotte.
Von Fred Filkorn, MZ

Eine Szene aus „Herrenpartie“ von Helmut Käutner: Der Film läuft im Akademiesalon am Sonntag (19. November, 16.45 Uhr). Foto: Deutsches Filminstitut

Regensburg.Als beim Filmfestival von Locarno 2016 die Retrospektive „Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland 1949-1963“ über die Leinwände flimmerte, war das Erstaunen groß. Hier wurde ein deutsches Nachkriegskino präsentiert, das weit mehr zu bieten hatte als Heimatfilmklischees.

Am amerikanischen Film-Noir der Vorkriegsjahre geschulte Thriller, schwerblütige Melodramen und bizarre Science-Fiction bewiesen eine ästhetische und narrative Vielfalt, die die wenigsten Zuschauer für möglich gehalten hätten. Neben kanonischen Werken von Helmut Käutner oder Wolfgang Staudte wurden auch abseitigere Filme vorgestellt. Die Reihe ging anschließend auf Kinotour und wurde in deutschen, europäischen und nordamerikanischen Städten gezeigt.

In konzertierter Form ist der deutsche Nachkriegsfilm nun beim Regensburger Heimspiel-Filmfest angekommen, das ihm eine Reihe mit neun wegweisenden Filmen einrichtet.

Lesen Sie auch: Ein Heimspiel für die Kino-Highlights

Woher kommt das wiedererwachte Interesse am deutschen Nachkriegskino? Medienwissenschaftler Dr. Herbert Schwaab verweist auf die Einrichtung von filmwissenschaftlichen Lehrstühlen an deutschen Hochschulen, die seit den 1990ern neue Perspektiven eröffneten. Außerdem hätten neue Medien bisher verschollen geglaubte Arbeiten wieder zugänglich gemacht. In Zeiten, in denen ältere Film immer stärker aus den öffentlich-rechtlichen Programmen verdrängt werden, habe auch der Heimatfilm auf Internetplattformen und in DVD-Veröffentlichungen eine neue Heimat gefunden.

Das Internet habe zur Demokratisierung der Filmkritik beigetragen, die früher in der Hand überanspruchsvoller Kritiker war, die als Gatekeeper des guten Geschmacks fungierten. Dass Fans ihre Filme jetzt online selbst bewerten, habe eine neue Dynamik entfacht, die das Populäre verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses rücken.

Aus USA kam starke Konkurrenz

Die Kritik am deutschen Film sei damals auch eine sehr pauschale gewesen, meint Schwaab. Der vorherrschenden schlechten Meinung fiel etwa Helmut Käutners „Schwarzer Kies“ zum Opfer, der 1962 bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen den „Preis für die schlechteste Leistung eines bekannten Regisseurs“ erhielt. Schwaab sieht ihn heute als „einen der großartigsten Filme dieser Epoche“.

Ferner sei der deutsche Film in den 1950ern auch einer starken Konkurrenz ausgesetzt gewesen. Aus dem europäischen Ausland und den USA strömten hochwertige Produktionen ins Land, an denen sich der deutsche Film messen lassen musste. Die Kinolandschaft erlebte einen wahren Boom, die kriegsmüden Deutschen wollten sich unterhalten lassen. Beispiel „Grün ist die Heide“: „Das war ein Publikumserfolg, wie man ihn sich heute kaum noch vorstellen kann“, erklärt Schwaab. Auch dem eskapistischen Heimatfilm stünde eine positivere Neubewertung zu, meint der Filmwissenschaftler, habe er doch eine bedeutende Rolle bei der gesellschaftlichen Integration der Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten gespielt. Außerdem sei der aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrende Vater, der sich erst einmal mit den neuen Gegebenheiten abfinden muss, ein beliebtes Thema gewesen.

Das Filmfest

  • Das Festival:

    Heimspiel 9 widmet sich vom 15. bis 22. November deutschsprachigen und internationalen Kino-Highlights. Veranstalter ist der Verein „Kinokultur in Regensburg“, Leitung: Sascha Keilholz.

  • Die Kinos:

    Sieben Filmreihen sind 2017 zu sehen, an fünf Schauplätzen in Regensburg: im „Wintergarten“ und im „Akademiesalon“ (Andreasstadel), im Ostentor-Kino, in der Filmgalerie im Leeren Beutel und in der „Heimat“ (Am Römling).

  • Die Kino-Lounge:

    Moderiert Dr. Herbert Schwaab ein Gespräch von Filmhistoriker Dr. Wolfgang Jacobsen und Filmkritiker Michael Kienzl über das Schaffen von Helmut Käutner und Wolfgang Staudte: am Samstag (18. November, 14 Uhr) im Andreasstadel.

An der Oberfläche propagierte der gewöhnliche Heimatfilm aber sicherlich eine Schöne-Heile-Welt, die mit den Gräueln der Nazizeit nichts mehr zu tun habe wollte. Bei den ambitionierteren Filmen dieser Zeit, die jetzt beim Heimspiel zu sehen sind, stehen die gebrochenen, düsteren Charaktere im Mittelpunkt – heimatlose und Getriebene, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. Dass man die schwer fassbaren Ereignisse der Nazizeit noch nicht wirklich verarbeitet hatte, habe sich auch auf der Bildebene manifestiert: „Ganz im Stile des Film Noir sind die Bilder in ein uneindeutiges Zwielicht getaucht, in einen Wechsel aus Hell und Dunkel, in dem vieles im Verborgenen bleibt.“

Konfliktpotenzial im Untergrund

Abseits von Heimatfilmklischees und Verdrängungsmythen war „Papas Kino“ also vielleicht doch nicht so übel. Und es waren nicht erst die Regisseure des Oberhausener Manifests, die dem deutschen Film ab Mitte der 1960er Jahre eine neue künstlerische Daseinsberechtigung gaben. An den alternativen Heimatfilmen der 1950er war jedenfalls abzulesen, dass in der statischen Adenauerzeit durchaus Konfliktpotenziale im Untergrund schlummerten. Melodramen, Actionfilme und Krimis waren Seismographen des gesellschaftlichen Wandels einer Bundesrepublik, die sich gerade erst gegründet hatte.

Hier geht es zur Kultur


Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht