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Kultur
Sonntag, 4. Dezember 2016 2

Kunst

Pralle Weiber gegen glatte Frauenbilder

Was macht eine Frau zur Frau? Acht Künstler geben interessante Antworten, zu sehen in der Kunstmühle Eichhofen.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Ein Bild von einer Frau: Das Weib von Michaela Gräper hält ihr „Sach z’amm“. Foto: Michael Scheiner
  • Der Zeichentisch von Sabine Wild: Hier können Besucher die Zeichnung weiterführen. Foto: Scheiner

Eichhofen.Ein Bild von einer Frau steht hinter der improvisierten Kaffeebar-Theke, lächelt und verkauft verführerischen Kuchen. Nur wenige Schritte daneben steht eine andere, fast nackte Frau. Ihre entblößten Brüste bedeckt sie mit den Händen. Ihr Blick hängt in der Ferne zwischen leichtem Bekümmertsein und forschem Selbstbewusstsein fest. Übers rote Haar ein Turban gestülpt, hängt auf den breiten Hüften eine kurze blaue Hose und sie ist aus Holz. Dieses Bild von einer Frau, eine Figur von Michaela Gräper, ist zwar um einiges kleiner als die ebenfalls bemützte Kuchenverkäuferin – aber mindestens ebenso selbstsicher und entschieden.

Während Lisa Schmucker, die Backkünstlerin, das Mühlen-Café in der ehemaligen Brauereimühle von Eichhofen betreibt, steht die Gräper-Frau nur rum und „hält ihr Sach z’amm“. Wie andere stramme Frauen der oberbayerischen Bildhauerin ist sie eher ein hand- und standfestes Frauenzimmer, „a richtigs Weibsbild“ wie es Maria Baumann in ihrer Einführung zur Ausstellung „Frauen – Was macht eine Frau zur Frau?“ in der Kunstmühle Eichhofen formuliert.

Am Ende lockt wieder das Weib

Eye eye, Sir: Eine salutierende Frauenfigur von Michaela Gräper, zu sehen in der Kunstmühle Eichhofen Foto: Michael Scheiner

Interessanterweise schiebt Maria Baumann in ihrer kultur- und kunstgeschichtlichen Betrachtung zunächst einen Mann – den eigenen Vater, das Mannsbild – vor und dann beiseite, um sich dann entschieden der Frau von der Antike bis heute zu nähern. Es ist ein angeregtes und facettenreiches Bild, das sie entwirft. Umso erstaunlicher, dass sie am Ende doch wieder beim „ewig Weiblichen“ landet, bei den „richtigen Weibsbildern“, die „mit Blicken erobert sein wollen und dabei letztlich nie alles von sich preisgeben“. Im Umkehrschluss – und der ist bei einem solchen Thema erlaubt, wenn nicht fast zwingend – taucht damit das Klischee des durchschaubaren Mannes auf, der sein Handeln aufs Äußere reduziert.

Mehr als 40 Jahre nach dem feministischen Aufruf zur „Emanzipation“ hätte man(n) bei einem so spannenden Thema wenigstens einen kleinen Abstecher in die ökonomische und soziale Seite des aktuellen Kunstgeschehens erwartet. Wie ist heute das Verhältnis männlicher und weiblicher Kunstschaffender? Wer verdient was mit seiner Kunst? Wer erzielt die höchsten Preise und Auszeichnungen? Darunter sind sicher auch Frauen – aber jede Wette, in deutlicher Minderzahl. Das kann man von der Ausstellung in der Kunstmühle nicht sagen. In den großzügigen und großartigen Räumen der ehemaligen Brauereimühle zeigen auf zwei Stockwerken sechs Frauen und zwei – fast möchte man spöttisch anmerken – Quoten-Männer Zeichnungen, Skulpturen, Tafelbilder, Schmuck und so erregende wie faszinierende Glaskunst.

Die Glaskugeln hat Ursula Merker betitelt mit „Drei Brüste im Angebot“. Foto: Scheiner

Pralle Fülle und reduzierte Formen

Ein Besucher in der Kunstmühle Eichhofen neben der „Laudatorin“ von Bildhauer Andreas Kuhnlein Foto: Michael Scheiner

Der prallen Fülle von Michaela Gräpers grandiosen, sinnlichen Weibern stehen bei Herbert Muckenschnabel reduzierte, ruhige Formen von Aktbildern und mütterlichen Frauenbildern gegenüber. In der einfachen klaren Linienführung gerundeter Formen scheint Überhöhung und Verklärung mitzuschwingen. Diesem in der heutigen Männer-Kunst eigentlich überwunden geglaubten Blick würde man wünschen, dass er auch mal etwas tiefer gehen könnte. Weitgehend an der Oberfläche bleibt auch Luise Unger mit ihren Miniaturen und reduzierten Gemälden von Mädchen und Frauen beim Lesen, Ruhen und In-den-Tag-hinein-träumen. Fast beiläufig ziehen ihre teils völlig losgelösten Bilder am Auge vorbei und verschwinden wieder.

Garantiert hängen bleiben die zerrissenen, zerschnittenen Holzfiguren von Andreas Kuhnlein. Ganz im Gegenteil zu den glatten Werbefrauen, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, die uns umgarnen und bedrängen, ist das Äußere von Kuhnleins „Kriegerin“, der ausgemergelten „Spätschicht“ und dem „Augenblick“ von der Kreissäge zerfetzt, durchlöchert und lebensbedrohlich fragil in Streifen geschnitten. Die schmerzhaft expressive Wucht seiner Frauenfiguren bildet einen ungeheuer spannenden Kontrast zu Gräpers frecher Lebenslust, wie auch zu den ins Unendliche gelängten Tonfigurinen von Michaela Geissler aus Landshut. Die Figurinen tragen etwas Mythisches mit sich, während die reichlich nüchtern, gelegentlich bedrückt wirkenden Frauen von Sabine Wild ganz im Hier und Heute wurzeln. Das graffitiartige Gekritzel in ihren Bildern erinnert an die verborgenen Ecken im Pausenhof mit seinen romantischen Botschaften oder an Poesiealben; es strahlt bei allem „Tüdelüü“-Kummer enorm viel Würde und Stärke aus.

Verspielte, kraftvolle Statements in Schmuck

Ähnliches findet sich auch in den kraftstrotzenden, verspielten und pfiffigen Schmuck-Statements von Brigitte Berndt wieder. Aus zerdrückten Kronkorken, hüpfenden Tennisbällen und geschmolzenen Eislöffeln schafft die Regensburger Goldschmiedin Ketten und „Schmuck, der über ewige Schönheit nachdenken lässt“, wie es Maria Baumann treffend formuliert.

Die Ausstellung, arrangiert von der Gruppe „Mühlenkunst“ (Daniela Schönharting und Birgit Kiefer), ist hochinteressant – gerade auch in den großen Kontrasten. Und: Sie wartet auf mit unwiderstehlich guten Kuchen, mitten in der Ausstellung

Mühlenkunst

  • Die Ausstellung in Eichhofen

    Die Ausstellung „Frauen – Was macht eine Frau zur Frau?“ ist bis 31. Mai in der Kunstmühle Eichhofen zu sehen, jeweils: Samstag, Sonntag und Feiertag von 13.30 bis 17 Uhr, Informationen: www.mühlenkunst.de.

  • Die Künstler

    Acht Künstler beziehen Stellung zum Thema Frau: Herbert Muckenschnabl, Luise Unger, Sabine Wild, Andreas Kuhnlein, Michaela Gräper, Ursula Merker, Michaela Geissler und Brigitte Berndt. Die Ausstellung veranstaltet die Gruppe „Mühlenkunst“ (Daniela Schönharting und Birgit Kiefer).

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