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Kultur
Sonntag, 19. November 2017 3

Kunst in Regensburg

Raben, Priester und des Pudels Kern

Liebevoll spöttisches Hinterfragen: Werke des verstorbenen Südtirolers Paul Flora und des Chinesen Feng Lu im Regensburger Kunstkabinett
Von Uta von Maydell, MZ

  • Feng Lus Version der Bremer Stadtmusikanten Foto: altrofoto.de
  • Feng Lus Päpstin Foto: altrofoto.de
  • Der Teufel, Feng Lu und sein Priester auf der Flucht Foto: altrofoto.de

Regensburg.Kirchgänger, die am Samstag nach der Bischofsweihe bei Glockengeläut am Kunstkabinett vorbeikamen, sind irritiert stehengeblieben: Da springt doch – weiß der Himmel – ein Geistlicher in weißer Soutane herum, den Leibhaftigen auf den Hacken! Und zu allem Überfluss hat der fromme Mann auch noch einen Entenfuß, scheint aber quietschfidel.

Des Rätsels Lösung: Galeristin Marianne Schönsteiner-Mehr hat eine Ausstellung mit Arbeiten von Paul Flora und dem Chinesen Feng Lu eröffnet. Was beide verbindet, ist hinterlistige Spottlust, in ihrer Wahl künstlerischer Mittel dagegen sind sie grundverschieden. Flora, bis zu seinem Tod „Stammgast“ in der Galerie in der Unteren Bachgasse, zeichnete mit minutiöser Genauigkeit. Man hat ihn noch vor Augen, den stattlichen Mann aus dem Vinschgau, wie er im Kunstkabinett ebenso geduldig wie akkurat Kataloge signierte.

Vertraut sind seine legendären Raben und Masken, Venedig oder Landschaften, die aus ununendlich feinen Schraffuren erscheinen. Seiner südtiroler Heimat ist er immer treu geblieben, ganz im Gegensatz zum „Kollegen“ Feng Lu, der von Kindesbeinen an auf Europa neugierig war. Mal eben zwanzig, bekam er ein Stipendium, das ihn aus der nordchinesischen Provinz nach Deutschland führte – zunächst, um die Sprache zu erlernen. Das anschließende Kunststudium hat er dann 2006 an der Berliner Universität der Künste bei Professor Wolfgang Petrick als Meisterschüler abgeschlossen. Da war er gerade mal 26 Jahre alt.

Der Begriff „Bildhauer“ ist bei Feng-Lu nicht wörtlich zu nehmen. Nach exakter Vorarbeit schafft er Silikon-Formen, die mit Epoxidharz ausgegossen werden. Delikat an dieser Vorgehensweise: Rasend schnell härtet die Harz-Masse aus, und folglich ist Schnelligkeit Trumpf beim „Schälen“ der Figuren. Erst bei der Bemalung mit Ölfarben kann der Künstler sich Zeit lassen mit den Oberflächen seiner Figuren. Dann erst wird aus einer dürren Gestalt unter immens fettem Frauenkörper ein Mann, der an „Erdrückender Last der Liebe“ leidet.

Auch der Herr bei „Geradeaus“ hat es nicht leicht. Er ist überaus korrekt gekleidet, wirkt zielstrebig, aber hinter seinem Kopf türmen sich verwinkelte Treppen ins Nirgendwo. Offenbar erleichtert dagegen ein Artgenosse beim Wasserlassen, beobachtet von seinen „notdürftigen“ Artgenossen; der Glückliche hat – siehe Flora – übrigens einen Raben auf dem Kopf.

Ansonsten bedient sich Feng Lu gern im Tierreich, hat sich nicht nur in Aesops Fabelwelten genau umgesehen. Herrlich seine schadenfrohen Schweinchen, oder die Schlange, eine Göttin mit 14 Armen umwindend; oder auf dem Trachier-Brett ein fetter Mops-Hund. Der Künstler hat selbst mal einen sehr Glücklichen besessen. Dieser hier aber kneift die Augen zu und sagt „Bloß nicht auffallen“.

Kräftig verfremdet erscheinen auch die Bremer Stadtmusikanten und lange studieren kann man auch die „Päpstin“ mit Mitra und Pallium. Da lässt Lukas Cranach grüßen, der um 1520 einen Papst-Esel in Holz schnitzte – sehr zum Verdruss des Borgia-Papstes Alexander VI. Bei Feng Lu allerdings ist es ein Centaurus mit Pferde-Rumpf, Pferdefüßen und reichlich Zitzen.

Die Autorin Anna Maria Schenkel, berühmt geworden mit „Tannöd“ und anderen Romanen, hat ihr Herz für den Chinesen übrigens schon in den 90er Jahren entdeckt. Damals holte Marianne Schönsteiner ihn zweimal in ihre Galerie, und Schenkel war von seinen Arbeiten so angetan, dass sie mehrere Skulpturen gekauft hat. In einführender Rede bei der Vernissage schilderte Schenkel ihre Erfahrungen mit „Sushi Bar“ oder „Hoffnung“ und einer anderen Plastik, die sie aus persönlichen Gründen schlicht „Tante Ingrid“ getauft hat: „ Feng Lus Kunst gibt Kraft“, sagte Schenkel. „Es macht Spaß, damit zu leben.“

Religion und menschliche Schwächen, allgemeine Verführbarkeit sind Feng Lus Hauptthemen; auch die Vergeblichkeit allen Bemühens. Und hier schließt sich wieder der Kreis zum eher behutsamen Paul Flora in seinem verständnisvollen Hinterfragen und einem Spott, dem nichts Menschliches fremd ist – egal, ob nun ein ganzer Harem den Orientexpress besteigt oder eine Gesellschaft vom Maskenball heimwärts strebt, die alkoholisierten Schädel dicker als alle Kopfweisen am Wegesrand. Es war eine gute Entscheidung, den Südtiroler und den chinesischen Wahlberliner zusammenzuspannen. Die Begegnung ist vergnüglich und ernsthaft in einem.

Service

Bis 9. April im Kunstkabinett, Untere Bachgasse, Regensburg; Geöffnet Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr, Sa., 10 bis 14 Uhr

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