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Kultur
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Gesellschaft

Schau mich bitte nicht so an

Die Debatte #Metoo deckt zwei Dinge auf: Ständig passieren schmutzige Dinge. Und wir driften in einen gefährlichen Reinraum.
Von Marianne Sperb, MZ

Die erfolgreiche und schöne Verona Pooth bei Anne Wills Talkshow über Sexismus: Eine ARD-Kamera zeigte die Beine der Unternehmerin. Der Sender hat sich am Dienstag entschuldigt. Foto: dpa

Regensburg.Es gibt dieses wundervolle alte Chanson von Edith Piaf: „Schau mich bitte nicht so an, du weißt es ja: ich kann dir dann nicht widerstehen ...“ Im Licht der #Metoo-Debatte muss man fragen: Wollte Edith Piaf (oder vielmehr Nana Mouskouri, die das Lied auf Deutsch interpretierte) Übergriffigkeiten abblocken? Oder gar eigene Avancen androhen?

Die Frage klingt nicht überspitzt, falls man die jüngste YouGov-Umfrage ernst nimmt. Denn danach kann der bloße Augenkontakt die Intimsphäre verletzen. Knapp jeder vierte Franzose wertet bereits ein Zwinkern als mögliche sexuelle Belästigung.

Die Welt ist verrückt geworden. Dieser Gedanke funkt immer öfter ins Trommelfeuer eines Tugendterrors, der inzwischen nicht nur die „bösen alten Männer“ in der Filmbranche, sondern auch in Politik und Sport unter Beschuss nimmt. #Metoo deckt auf, wie die Verhältnisse an zwei Polen gleichzeitig aus den Fugen geraten.

Auf der einen Seite macht die Debatte sichtbar, wie häufig, wie rücksichtslos und wo überall auf der Welt die rote Linie überschritten und die Intimsphäre von Frauen (und Männern) verletzt wird. Stars, Vorbilder, Menschen, denen wir üble Sextaten nie zugetraut hätten, werden enttarnt. Auf der anderen Seite reißt der entfesselte Bekenntnisfuror auch gesellschaftliche Grundvereinbarungen mit. Die Welle der Geständnisse, die durch die Medien rollt, lässt erodieren, was längst als befriedetes soziales Terrain galt. Oder hatten wir bisher ernsthaft im Zwinkern eine sexuelle Belästigung vermutet?

Frauen sollen Reizen entsagen

Die Idee zum Beispiel, ein kurzer Rock könnte eine Teilschuld tragen an einem Übergriff, fand zuletzt nur noch in der Nische eines harten Kerns von Chauvinisten Zuflucht. Nach einer aktuellen Forderung von Barbara Kuchler aber müssen Frauen sich neuerdings entschließen, allen Reizen zu entsagen. Die Bielefelder Soziologin propagiert, ohne erkennbare Ironie übrigens, lose, uniforme Kleidung und make-up-freie Haut würden uns aus einem sexistischen System befreien. Weg also mit dem Minirock, den die erste Generation von Feministinnen noch erkämpft hat? So befreit man Frauen von Rollenmodellen, damit sie besser in ein anderes, noch engeres Korsett passen.

Den Stoff für die neu vorgeschlagene Kleiderordnung lieferte der Filmproduzent Harvey Weinstein. Den Meldungen zufolge hat er Frauen ausgenutzt, erniedrigt und brutal vergewaltigt. Die Schilderungen klingen sehr überzeugend. Es wird ermittelt, aber ein Verfahren braucht es bereits nicht mehr. Was die Justiz nicht feststellt, erledigt ein Hashtag.

Der Schauspieler Kevin Spacey als eiskalter Typ: Der Oscar-Preisträger spielte in der Serie „House of Cards“ den machtgierigen Präsidenten Frank Underwood. Inzwischen gilt der Star als Kassengift. Aus Ridley Scotts neuem Film „Alles Geld der Welt“ wurde alle Szenen, in denen er Milliardär Jean Paul Getty verkörpert, getilgt. Foto: David Giesbrecht/Netflix/AP/dpa

Kevin Spacey ist den Anschuldigungen zufolge ein „sexuelles Raubtier“, das sich gierig seine Beute greift. Der Star sucht eine Therapie; wie kriminell er gehandelt hat, ist offen. Unbestritten ist die schauspielerische Könnerschaft des Oscar-Preisträgers. Kevin Spacey verkörpert Shakespeares Intriganten Richard III. so anbetungswürdig wie den Macchiavellisten Frank Underwood in „House of Cards“. Spielt er moralfreie Männer so glaubwürdig, weil er sie nicht nur spielt?

In der Computersprache gibt es den Begriff „wysiwyg“, what you see is what you get, zu Deutsch ungefähr: Manchmal ist es das, wonach es aussieht. Falls es denn so wäre: Müssen wir dann Spaceys Schauspielkunst hassen, weil sie einen bösen Charakter spiegelt? Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass der Säuberungswunsch, den #Metoo und die Abscheu vor Übergriffen auslösen, einen kostbaren Preis fordern können: Kunst und Schönheit stehen auf dem Spiel.

Regisseur Ridley Scott ließ gerade alle Szenen mit Kevin Spacey aus seinem neuen Film „Alles Geld der Welt“ herausschneiden, nicht aus moralischen Gründen natürlich, sondern aus pekuniären, was nur einer der heuchlerischen Aspekte der Debatte ist. Spacey, der den Milliardär Jean Paul Getty spielte, ist ein Kassengift geworden.

Cellini ins Depot

Die wunderbaren Filme, die das mutmaßliche Schwein Harvey Weinstein produziert hat, müssten nach dieser Logik auf den Index. Dito die Filme mit Dustin Hoffman, der – das ist nur eine der Anschuldigungen – 1985 eine Praktikantin genötigt haben soll, ihm am Set die Füße zu waschen. Die Saliera, ein vollendetes Stück barocker Bildhauerei von Benvenuto Cellini, müsste das Kunsthistorische Museum Wien ins Depot verfrachten, weil der Meister, der vor 500 Jahren gelebt hat, nach der historischen Faktenlage ein Vergewaltiger und Mörder war. Und die Musik des Antisemiten Richard Wagner? Das dürfte jetzt ja keine Frage mehr sein.

Einerseits leben wir – die Flut von #Metoo-Einträgen belegt es – in einer Welt, in der ständig ungestraft schmutzige Dinge passieren. Sexismus trifft Millionen Opfer weltweit; sexuelle Gewalt produziert lebenslanges Leid. Andererseits nähern wir uns gefährlich einem Reinraum, in den nur noch das Gesäuberte, das von allem Anstößigen Befreite Zutritt findet. Das wird unserer Kultur, auch der Streitkultur, vermutlich ebenso schlecht bekommen wie Kindern das Aufwachsen in einer vollständig keimfreien Umgebung. Menschen entwickeln dann nämlich ungesunde Unverträglichkeiten.

Der Verteidigungsminister von Großbritannien, Michael Fallon: Er trat im Oktober zurück, Begründung: Er hatte 2002 einer Journalistin ans Knie gefasst. Foto: dpa

Die aktuellste Woge im Kielwasser des Weinstein-Skandals schwappte am Dienstag in die Medien. Die ARD hatte bei Anne Wills Talkshow über Sexismus am Sonntagabend die Beine von Verena Pooth gezeigt. Die Unternehmerin kam ins Studio in bemerkenswerten rosa Pumps, die dann auch von Kameramann oder Kamerafrau (das Geschlecht ist nicht gesichert) bemerkt wurden. Der Sender entschuldigte sich am Dienstag, nach Tweets empörter Zuschauer: ein Kniefall vor der Meinung in sozialen Netzwerken. Verena Pooth selbst – eine schöne Frau, die sich erfolgreich durchbringt, seit sie im Alter von 22 Jahren ihr erstes eigenes Geschäft eröffnete und gleichzeitig eine Goldene Schallplatte holte – meldete sich erst nachträglich öffentlich. Sie sieht sich nicht als Opfer und fand den Schwenk, laut „Bild“ jedenfalls, okay: „Das ist sicher nicht sexistisch“, wird sie zitiert.

Unter dem Hashtag #Metoo outen immer mehr Opfer sexuelle Übergriffe. Foto: dpa

Eine ähnliche Schere zwischen den Reaktionen von Opfern und Tätern war im Fall von Michael Fallon zu erleben. Der britische Verteidigungsminister hatte 2002 einer Journalistin die Hand aufs Knie gelegt. Als sie ihm eine Ohrfeige androhte, nahm er seine Hand zu sich. 15 Jahre später, im Oktober 2017, gab er seinen Rücktritt bekannt. Die Journalistin Julia Hartley-Brewer fiel aus allen Wolken, der Sender Sky News zitierte sie so: „Das ist ja wohl der absurdeste Rücktritt eines Ministers.“ Was da noch nicht bekannt war: Fallon soll vielfach aus der Rolle gefallen sein.

#Metoo ist eine überfällige Debatte und hat gleichzeitig eine Hexenjagd eröffnet, in der es drunter und drüber geht: zwischen Opfern und Tätern, Aufrichtigen und Heuchlern, echtem Leidensdruck und bloßem Profilierungswunsch, blöder Anmache und brutaler Vergewaltigung. Schwer traumatisierte Opfer erfahren die Solidarität von Frauen, die sich erinnern, wie ein Mann sie schräg angequatscht hat. Das ist ein bisschen, als ob man einem Schwerkranken zusichert: „Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich bin bei dir“, weil man gerade eine Grippe überstanden hat. Der Hashtag #Metoo entstand übrigens im Kreis von amerikanischen Brustkrebs-Patientinnen.

Der Gürtel über den Ohren

Wenn wir heute fragen, welches Verhalten unter die Gürtellinie zielt, ist es vielleicht keine schlechte Idee, darüber nachzudenken, wo wir diesen ominösen Gürtel eigentlich tragen: auf Hüfthöhe – oder bereits oberhalb der Ohren? Die Debatte ist vermint. Im politisch korrekten Sprechen ist ein Satz um so sicherer über der Gürtellinie platziert, je abgehobener er formuliert wird. Aber erreichen Worte aus dieser Höhe noch das Gegenüber? Dienen sie noch der klärenden Kommunikation?

Die Autorin

Eine Umfrage unter Bierzelt-Bedienungen hat ergeben, dass das klare Sprechen und Handeln gute und unmittelbare Erfolge bringen kann. „Wenn mir einer blöd kommt, kriegt er was zu hören“, sagte eine der befragten Frauen. „Wenn mich einer antatscht, schmier’ ich ihm eine“, schloss sich eine Kollegin an. Sexismus stößt hier schnell und schmerzhaft an seine Grenzen. Ach, wenn es immer so einfach wäre!

Lesen Sie auch einen Kommentar von Marianne Sperb zum Fall Harvey Weinstein: „Das Schweigekartell“

Aus dem Bierzelt-Beispiel kann man mitnehmen, dass der Faktor Zeit eine Rolle spielt. Denn eines der Dinge, die in der #Metoo-Debatte so befremden, sind die Reaktionen, die jetzt, nach jahrelanger geheimer Gärung unter der Bettdecke, unter enormem Gestank ins Freie drängen. Scham ist einer der Gründe, das Schweigekartell, wie es fast immer im Umfeld von Missbrauch existiert, ein zweiter. Und ja: Auch an Courage fehlt es.

Was folgt aus #Metoo? Frauen lernen, dass sie Gehör finden, wenn sie das Fenster aufstoßen. Männer erfahren, dass ihnen Ohnmacht sehr real droht. Und hoffentlich führen wir die Debatte so, dass wir am Ende unseren Gürtel und die roten Linien wieder richtig positioniert haben: in der Mitte, über dem Unterleib, unter den Ohren.

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Lesen Sie alle Beiträge in der Reihe „Essay“:

„Das geht dir unter die Haut“ - über Tattoos

„Liebe mich – aber bitte von fern“ – über Städte-Tourismus

„Unter grünen Dächern“ – über den Wald

„Fürs Spielen ist der Papa da“ – zum Vatertag

„Arbeit: Es gibt wenig Besseres“ – zum Tag der Arbeit

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Die Autorin

  • Schöne Worte:

    Marianne Sperb kennt den Wert von Kritik – und sie liebt Komplimente! Sie dürfen gern auf Lächeln, Figur oder Kleider zielen und (nicht zwingend an zweiter Stelle) auf Scharfsinn oder Schreibstil.

  • Ehrliche Worte:

    Am liebsten sind ihr ehrliche Komplimente. Sie nimmt aber auch überzeugend gelogene.

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  • JG
    Jutta Göller
    15.11.2017 12:34

    Bravo, liebe Frau Sperb, das musste doch mal gesagt werden! Sonst enden wir beim "Tugendterror" wie in der Endphase der Französischen Revolution oder der Taliban... Herzliche Grüße, Jutta Göller.

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