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Dienstag, 28. Juni 2016 25° 6

Literatur

Schenkel lässt alte Stempel hinter sich

Mit ihrem neuen Roman über Emigranten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges überrascht die Regensburger Autorin ihre Leser.
Von Katharina Kellner, MZ

  • Andrea Maria Schenkel wartet in ihrem ersten „Nicht-Krimi“ mit einem neuen, lockeren Erzählton auf. Foto: altrofoto.de
  • Schenkel ist mit „Als die Liebe endlich war“ ein lesenswerter Roman gelungen. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Andrea Maria Schenkel sitzt im Regensburger Orphée und schwärmt vom Stickball. Das ist eine Variante von Baseball, eine New Yorker Spezialität, die mit Besenstielen und Gummiball gespielt wird. Schenkel erzählt von der riesigen Fangemeinde, die sich in den Sommermonaten jedes Wochenende auf den Straßen zum Spiel versammelt. Sie war viel in New York im vergangenen Jahr. Die Stadt hat sie geprägt, sie strahlt beim Reden und es sprudelt nur so aus ihr heraus. Wenn sie von ihrem Faible für Stickball berichtet, spürt man ihre Lust, in neue Milieus einzutauchen, gegenwärtige oder historische.

In den USA hat Schenkel für „Als die Liebe endlich war“ recherchiert. Erstmals hat sie keinen schlanken Krimi geschrieben, sondern einen 400-Seiten-Schmöker über Vertreibung und Exil. Dazu befragte sie Zeitzeugen wie den 90-jährigen Tom Tugend, der 1938 mit seiner jüdischen Familie nach London emigrierte und später in die USA kam. Trixi Wachsner war als Zehnjährige mit ihrer Familie aus dem österreichischen Graz geflohen und auf dem Schiff nach Shanghai emigriert – ebenso wie die jüdische Familie in Schenkels Roman.

Sie befragte jüdische Überlebende

Diese Biografien, die so eng verwoben sind mit den tragischen Zeitläuften, faszinieren Andrea Maria Schenkel. Vor den Gesprächen mit den Zeitzeugen war sie unsicher: Wie würden jüdische Überlebende auf sie, die deutsche Autorin, und ihre Fragen reagieren? Ihre Erfahrungen waren positiv: „Sie haben viel zu erzählen und sie wollen auch erzählen.“

Schenkel ist seit ihrem Debüt „Tannöd“ (2006) bekannt für knappe, düstere Kriminalgeschichten mit historischem Hintergrund, die in der bayerischen Provinz verortet sind. In ihrem ersten Nicht-Krimi spannt sie einen weiten Bogen bis nach Shanghai und New York. Auch der lange Titel ist ungewöhnlich. Bislang wählte sie griffige Ein-Wort-Titel wie „Tannöd“ oder „Finsterau“. Diesmal hat ihr der Verlag geraten, sich mit einem langen Titel vom Krimigenre abzusetzen.

In Regensburg liegen die Anfänge

Wer meint, Schenkel hätte mit „Als die Liebe endlich war“ eine nette Liebesgeschichte geschrieben, täuscht sich: Auch in diesem Buch interessiert sich die Regensburgerin für das Düstere und menschlich Abgründige. Liebe ist nicht das eigentliche Thema, auch wenn Carl und Emmy fast ein Leben lang ein unzertrennliches Paar sind. Vielmehr geht es darum, wie Menschen, deren Wurzeln gekappt werden, Heimat definieren. Und ob man auch im Verdrängen, im Sich-neu-erfinden beheimatet sein kann. Auch in diesem Buch geht es um die Frage, die Schenkel schon in ihren Krimis beschäftigte: Was bringt einen Menschen dazu, Böses zu tun?

Schenkel bleibt ihrem Erfolgsrezept treu: Sie gräbt interessante historische Stoffe aus und verwebt sie mit fiktiven Elementen zu einem Plot, der eine vergangene Epoche, ihr Personal und ihre Milieus lebendig werden lässt. Diesmal entwirft sie mit zwei Erzählsträngen ein üppiges Panorama der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie lässt die Regensburger Auswandererfamilie Schwarz im Jahr 1938 von ihrem Wohnort Regensburg bis nach Genua und Shanghai emigrieren. Nach dem Krieg geht Carl, der 1926 geborene Sohn, nach New York, Mutter Grete und Tochter Ida kehren nach Regensburg zurück.

Auch der zweite Strang nimmt in Regensburg seinen Anfang. Erna, eine junge Frau aus kleinen Verhältnissen, gerät ins Münchner Großbürgermilieu. Sie wirkt dem Kenner von Schenkels Büchern vertraut: Wie schon „Kathie“ in „Kalteis“ ist Erna ein naives Mädchens mit großen Träumen und dem sprachlichen „Sound“ der „kleinen Leute“. In München hilft Erna im Haushalt von Marga, die mit ihrem „Institut für Lebensberatung“ esoterikbesessenen Schauspielern und Politikern skrupellos das Geld aus der Tasche zieht. Sie legt Karten, zelebriert Seelenwanderungen und nimmt als „Engelmacherin“ illegale Abtreibungen vor. Margas Freundin Trudi, die ein historisches Vorbild hat, ist eine abgehalfterte, aber größenwahnsinnige Opernsängerin mit besten Verbindungen zum „Reichsführer SS“, Heinrich Himmler.

„Völlig durchgeknallt“ nennt Schenkel die beiden. Marga, die einer Spitzmaus mit „flinken Äuglein, einer spitze Nase und einem leicht vorstehenden Kinn“ gleicht, ist die heimliche Hauptfigur des Romans. Das liegt wohl daran, dass diese abgründigen Charaktere Schenkel mehr liegen als positiv besetzte Figuren wie Carl, Grete oder Ida, die im Vergleich zu diesen schillernden, überdrehten Frauen etwas blass bleiben.

Die Episoden auf dem Auswandererschiff und in Shanghai bestechen allerdings durch einen neuen, lockeren Ton. Schenkel schweift lustvoll in unterhaltsame Nebenstränge. Auch das ist ungewohnt – in ihren Krimis verlieh Schenkel ihrem Setting Atmosphäre durch gezieltes Weglassen und eine lakonische Sprache. Nun schaffen Figuren wie Sun Shu Kolorit. Der hinreißend sympathische chinesische Taschendieb rettet Carl auf dem Markt in Shanghai aus einer brenzligen Situation und wird sein Freund.

Flucht auf der „Conte Biancamano“

Auch der Schilderung der Schiffsreise räumt Schenkel viel Raum ein. Sie erzählt vom Luxus auf der „Conte Biancamano“, aber auch von den Ängsten der jüdischen Flüchtlinge. Schließlich eilt dem Reiseziel Shanghai der Ruf als kriminellste aller Städte voraus. Dass die Diskriminierung der Juden auch auf dem Luxusdampfer weitergeht, vergisst Schenkel nicht zu erwähnen: Im Gegensatz zu den anderen Passagieren dürfen die Juden bei keinem Zwischenstopp von Bord gehen. Niemand will sie haben.

Schenkel ist mit „Als die Liebe endlich war“ ein lesenswerter Roman gelungen, der durch geschicktes Zertrümmern der Chronologie ein hohes Potenzial an Spannung gewinnt. Fesselnd liest sich das Finale, das den Leser die Erzählstränge verknüpfen lässt.

Mit diesem Buch ist Schenkel ganz bei sich. Sie hat Neues gewagt – es ist ihr geglückt. Alte Stempel wie den der „Heimatschriftstellerin“ hat sie hinter sich gelassen.

Vielleicht hat ihr dabei die Nähe zum Meer geholfen – wie auch schon beim Loslassen ihrer Geschichte: Schenkel hat das Buch in Larchmont geschrieben, einem New Yorker Vorort. Dort hat sie nur ein paar Gehminuten bis zum Strand. Dort packten sie nach dem Fertigstellen des Manuskripts die Emotionen. Sie weinte, weil sie wusste, dass sie ihre Figuren nun loslassen musste. Bis zu diesem Tag hatten sie nur ihr gehört.

Zufluchtsort Shanghai

  • Emigration

    Shanghai war nach dem November-Pogrom von 1938 einer der wichtigsten Fluchtorte deutscher Juden. „Für etwa 16000 deutsche und österreichische Juden war Shanghai die einzige Möglichkeit, Deutschland ohne Visa zu verlassen. Sie sprachen später von sich als ,Shanghailänder‘“, erklärt Schenkel.

  • Hoffnungslosigkeit

    Das Leben war auch in Shanghai für die Neuankömmlinge ausgesprochen hart – vor allem nach dem Angriff auf Pearl Harbour, als die Japaner Shanghai besetzten. Von Februar 1943 an richteten sie ein Ghetto für die jüdischen Flüchtlinge ein, denen die Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen hatte. Dies verschlechterte die Lebensbedingungen der Juden dramatisch.

  • Spurensuche

    Auf eine Recherche in Shanghai hat Schenkel verzichtet. „Das meiste, was in der Stadt an die Juden erinnert, ist heute getilgt“, sagt sie und erzählt, dass nach der Machtübernahme von Maos Kommunisten 1949 fast alle Juden gezwungen waren, Shanghai zu verlassen. Sie gingen nach Australien, Deutschland oder in die USA.

  • Das Buch

    Andrea Maria Schenkel: „Als die Liebe endlich war.“ Verlag Hoffmann und Campe Hamburg. 384 Seiten, 22 Euro.

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