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Kultur
Mittwoch, 29. März 2017 19° 1

Turmtheater

Schüler-Horror, vergnüglich inszeniert

Martin Hofer und Heinz Müller erwecken die alten Schul-Balladen zu neuem Leben. Gitarristin Lena Riess stiehlt den beiden Schauspielern fast die Show.
Von Michael Scheiner, MZ

Unschlagbares Doppel: Martin Hofer und Heinz Müller Foto: Turmtheater

Regensburg. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? / Es ist der Hofer mit seinem Müller / hoch droben im Turm deklamieren sie fein, / am End wird’s gar ein Knüller…sein?“ Goethes „Erlkönig“ haben sie zum Besten gegeben, ebenso den „Knaben im Moor“ von Annette von Droste-Hülshoff. Schillers „Glocke“ dagegen nur angedroht. Für eine weitere Zugabe hatte das Publikum beim „Balladen und Blues“-Abend mit Martin Hofer und Heinz Müller nicht mehr genug Puste. Es blieb bei einer Zugabe: Frank Wedekinds köstliches Spottlied „Brigitte B.“ von der naiven Verkäuferin in Baden, die sich nicht nur die Unschuld, sondern gleich das anvertraute Hab und Gut klauen ließ. Den triefenden Spott, den der Gründer des Simplicissiumus sattsam, dabei gänzlich unpathetisch in die Epistel eingearbeitet hat, trat Hofer genüsslich breit. Mit großen Gesten, aufgerissenen Augen und dröhnenden Pausen – während derer er voller Mitleid heftig auf der Lippe kaute – ließ er die lebenshungrige, dumme Person ins Unglück rennen.

Ein „Vortrag“ an den Bühnenrand

Die Zuhörerschaft wurde mit dem „etwas anderen Vortragsabend“ der beiden Schauspieler und Gitarristin Lena Riess an längst vergangene Zeiten erinnert. In der Schule mussten wohl die meisten vor Jahrzehnten noch „Glocke“, „Erlkönig“ und andere Balladen auswendig lernen oder gar vor versammelter Klasse vortragen. „Ein Alptraum“, den sich die Profis mit ihrem vergnüglichen Abend zu eigen machten. Neben den bekanntesten Gedichten und schaurigen Versen hatten die Eidgenossen auch weniger Bekanntes im altmodischen Koffer. Selbigen trug Müller mit ernster Miene als „Ballade vom Köfferchen“ vor – genau an den Bühnenrand und stellte ihn dort demonstrativ ab.

Nach diesem „Vortrag“ bemächtigte sich Hofer mit der entsetzlichen Ballade „Die Füße im Feuer“ des Schweizers Realisten Conrad Ferdinand Meyer wieder der wortreichen Rede, zart umspielt von Riess auf der Gitarre. Diese ums Thema Folter kreisende Ballade entfaltet auch heute noch eine grausige Atmosphäre, was man von Gustav Schwabs „Der Reiter und der Bodensee“ nicht unbedingt erwarten kann.

Folk und Bluegrass von trefflicher Qualität

Wilhelm Busch (Der Asket), Christian Morgenstern (Der Lattenzaun) und Joachim Ringelnatz (Der Briefmark): Lena Riess reicherte den kurzweiligen Abend mit amerikanischer Folk- und Bluegrassmusik von trefflicher Qualität an. Einige Songs, von denen sie nicht verriet, ob es eigene oder Interpretationen waren, spielte sie mit auf den Knien liegendem Instrument, wie bei der Steelguitar. Fast stahl sie damit den beiden Vortragenden noch die Show. Was auch daran lag, dass gerade Martin Hofer manchmal arg dick auftrug. Dem Vergnügen tat es kaum einen Abbruch.

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