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Kultur
Dienstag, 30. August 2016 26° 2

Kino

Schuften im Namen der Fürsorge

Das beeindruckende Drama „Freistatt“ nimmt ein wenig beachtetes Thema auf: Die Ausbeutung Jugendlicher in Erziehungsheimen.
Von Fred Filkorn, MZ

Militärischer Drill, harter Arbeitseinsatz in den Mooren: eine Szene aus „Freistatt“ Foto: Zum Goldenen Lamm / Boris Laewen

Regensburg.Nach der Selbstauflösung der Rote-Armee-Fraktion 1998 ist unter deutschen Filmemachern ein wiedererwachtes Interesse an der 68er-Protestbewegung und ihren radikalen Ausläufern, der RAF, zu beobachten gewesen. Christian Petzold drehte 2000 „Die innere Sicherheit“, Volker Schlöndorff im selben Jahr „Die Stille nach dem Schuss“. Andres Veiel widmete sich gleich mit zwei Filmen dem Thema („Black Box BRD“ und „Wer wenn nicht wir“). Und in Uli Edels „Der Baader-Meinhof-Komplex“ stiegen die Protagonisten gar zu Popstars auf.

Eine zentrale Forderung der 68er war die Liberalisierung eines als restriktiv wahrgenommenen staatlichen Fürsorgesystems. Ulrike Meinhof stritt als respektable Journalistin in verrauchten Fernseh-Gesprächsrunden gegen die autoritäre Heimerziehung, die den Hauch der unseligen Nazi-Jahre verströmte. Zu sehen sind diese Aufnahmen etwa im aufschlussreichen Dokumentarfilm „Une Jeunesse allemande“ von Jean-Gabriel Périot, der das nicht-militante Vorleben der RAF-Terroristen dokumentiert.

Offensive Aufarbeitung

Auch Marc Brummunds packender erster Kinofilm „Freistatt“ setzt sich jetzt mit dieser Thematik auseinander. Im Sommer 1968 wird der 14-jährige Wolfgang (Louis Hoffmann) von seinem Stiefvater (Uwe Bohm) in die abgelegene, kirchliche Fürsorgeanstalt Freistatt abgeschoben. Er findet sich in einer Welt der verschlossenen Türen, vergitterten Fenster und des militärischen Drills wieder. Während der als Erziehung verbrämten täglichen Arbeitseinsätze in den Mooren der Umgebung muss er hart schuften.

Marc Brummund stammt aus der niedersächsischen Kreisstadt Diepholz, das Erziehungsheim „Freistatt“ ist nur wenige Kilometer entfernt. Der Regisseur hat Gespräche mit ehemaligen Erziehern und Insassen geführt, um seinem Drehbuch eine möglichst authentische Grundierung zu geben. Als eine der wenigen kirchlichen Einrichtungen setzt sich die Diakonieanstalt heute offensiv mit ihrer dunklen Vergangenheit auseinander, Brummund durfte an Originalschauplätzen drehen.

Zwischen 1949 und 1975 waren in der Bundesrepublik bis zu 800 000 Kinder und Jugendliche in kirchlichen und staatlichen Heimen untergebracht und oftmals schwerer körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt. Manchmal genügte den Jugendämtern der Hinweis der Nachbarn auf angeblich unsittlichen Lebenswandel. Nichtigkeiten wie „Arbeitsbummelei“, Schulschwänzen oder die reine Willkür der Eltern reichten aus, um junge Menschen für Jahre in Heimen verschwinden zu lassen.

Züchtigungen an der Tagesordnung

Militärischer Drill, harter Arbeitseinsatz in den Mooren: eine Szene aus „Freistatt“ Foto: Zum Goldenen Lamm / Boris Laewen

Manche Jugendliche verbrachten ihre gesamte Kindheit und Jugend dort. Erzieher hatten keine oder eine unzureichende pädagogische Ausbildung. Nach der alten Mönchsregel „Bete und arbeite“ wurden die Jugendlichen zu einer harten körperlichen Arbeit angehalten, Züchtigungen waren an der Tagesordnung. Dabei erhielten die Heimkinder keine oder eine nur rudimentäre schulische Ausbildung.

Der Autor Peter Wensierski trat 2006 mit seinem Sachbuch „Schläge im Namen des Herrn“ eine kleine Lawine los, als er erstmals fundiert über die Vorgänge berichtete.

Der harsche Kontrast zwischen der gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung Ende der 1960er und der stehen gebliebenen Zeit in der norddeutschen Provinz, mit „schwarzer Pädagogik“ und Gottesfurcht, reizten Brummund an dem Thema. Kamerafrau Judith Kaufmann hat die beiden gegensätzlichen Strömungen visuell meisterhaft in Szene gesetzt. Die unbeschwerten Zeiten zeichnet sie mit sonnendurchfluteten, traumhaften Bildern, die Zeit in Haft tiefblau und schwer.

Bei der Musikauswahl hat man sich auf weniger bekannte Popperlen der 1970er verlassen. Neben Hauptdarsteller Louis Hofmann, der 2014 mit dem Bayrischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet wurde, begeistern auch die anderen Schauspieler mit einer differenzierten Figurenzeichnung. Nur Max Riemelt, der wohl bekannteste Darsteller, bleibt merkwürdig blass, was jedoch an den wenigen Dialogzeilen liegen dürfte. Die wiederholten Ausbruchsversuche von Wolfgang erinnern ihrer dramatischen Aussichtslosigkeit wegen an die Klassiker des Genres.

„Freistatt“ ist Marc Brummunds rundum gelungenes Kinofilmdebüt, das von seiner Spannung und historischen Relevanz lebt, die von Judith Kaufmann in kongeniale Bilder gefasst wurden.

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