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Kultur
Dienstag, 22. August 2017 26° 1

Kunst

Sehen mit geschlossenen Augen

Hamid Sadighi Neiriz untersucht Menschen und ihre Masken. Eine Ausstellung in Regensburg macht Afrikas Einfluss sichtbar.
Von Gabriele Mayer, MZ

Dr. Andrea Madesta zwischen Werken von Hamid Sadighi Neiriz: Die Galerie in der Bachgasse zeigt bis 27. Mai die Ausstellung „Masken“. Foto: Lisa Ketschau

Regensburg.Die Maske wird in der Antike gleichgesetzt mit der Person. Der Mensch verschmilzt mit dem, was die Maske verkörpert. Und auch von außen gesehen erkennt man die Maske, nicht das Individuum dahinter. Darin liegt das Unheimliche, Grenzüberschreitende und das Faszinosum der Maske, bis heute.

„Masken“ heißt die Ausstellung von Hamid Sadighi Neiriz in der Galerie Andrea Madesta. Der Maler ist auch Sammler und Händler alter afrikanischer Stammeskunst, archäologischer Objekte und islamischer und buddhistischer Kunst. Die Ausstellung präsentiert 50 bis 70 Jahre alte Masken aus seiner Sammlung und etliche seiner eigenen expressiven Malereien zum Thema Masken. Eine anregende, interkulturelle Schau also, und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Neiriz hat iranische Nomadenstämme begleitet, denn vor allem die antike nomadische Webkunst Vorderasiens hat es ihm angetan. Von Kelim-Teppichen mit ihren Mustern wurden bereits Paul Klee und das Bauhaus inspiriert; sie übten, wie die bildnerischen Ausdrucksformen Afrikas insgesamt, großen Einfluss auf die europäische Kunst aus. Bis heute: Die moderne Kunst ist afrikanisch, könnte man sagen.

Afrikas Kunst – Quelle für Befreiung

In Kelims und anderen Kulturobjekten Afrikas, etwa in Masken, verbinden sich ästhetische Vorstellungen mit geistigen und kosmologischen Konzepten. Die Revolution in der westlichen Kunst, die Befreiung von der Abbildung der äußeren Welt und ihre Hinwendung zum Geistigen und vor allem zum Versuch, diesem Unsichtbaren neue Ausdrucksformen zu verleihen, dies alles hat viele Quellen, eine davon liegt auch in der Adaption afrikanischer Kultobjekte. Diese Objekte haben übrigens keinen Autor, und ihr Wert bemisst sich nach dem Wert ihrer spirituellen Nutzung.

Lesen Sie mehr über die Ausstellung und den Künstler:

Vom Iran nach Berlin

  • Die Ausstellung:

    „Masken“ ist bis 27. Mai in der Galerie Andrea Madesta, Obere Bachgasse in Regensburg zu sehen.

  • Der Künstler:

    Hamid Sadighi Neiriz ist 1947 in Iran geboren und kam mit 17 Jahren nach Berlin. Er lebt dort als Maler und als Sammler und Kunsthändler von alter afrikanischer und ozeanischer Stammeskunst und von islamischer und buddhistischer Kunst.

Drei Masken, deren genaue Bedeutung wir leider nicht kennen, „blicken“ den Besucher frontal an, wenn er die Galerie Madesta betritt: Köpfe aus Holz, mit Bast umfasst, fremd und formstreng, bedrohlich, aber auch komisch. Im hinteren Ausstellungsraum steht unter anderem eine große aus einem Baumstamm geschnittene, abstrahierte weibliche Figur, die an Max Ernst erinnert. Aber man müsste natürlich zunächst sagen: Ernst erinnert mit Teilen seiner Arbeiten an afrikanische Objekte. Einige 150 Jahre alte beeindruckende Tiergedenk-Skulpturen aus Terrakotta tragen jeweils ein menschenähnlich geformtes Geschöpf. Das Fesselnde sind die erhobenen Köpfe mit den Nasenlöchern himmelwärts gereckt, wie klagend, suchend oder erkennend, mit geschlossenen Augen, aber geöffneten Sinnen.

Lesen Sie auch: „Flaschenkorken und die Revolution“, eine Ausstellung in der Galerie Andrea Madesta“

Die Maske ist etwas Figürliches, in dem sich etwas Unsichtbares, Geisterhaftes, Psychisches ausdrückt. Und zwar auf andere, vergegenständlichendere Art, als dies in der europäischen Kunst bis hin zum Symbolismus der Fall war. In diesem Sinn sind vielleicht auch die Gemälde und Papierarbeiten von Neiriz auf suggestive Weise zwischen Figürlichkeit und darüber hinausgehender Ungegenständlichkeit angesiedelt, nicht abbildend, sondern visionär. Sie sind spontan und gestisch entstanden. Neiriz konzentriert sich meist auf Primärfarben, sehr von ferne kann man bisweilen sogar an Fernand Léger denken, wenn man das Gewirr ineinander verschobener Gliedmaßen beachtet. Doch die Formen wirken aufgeraut, durchlässig, flächig und porös wie von einem Sturm durchbraust. Köpfe, Schädel, ein Grinsen, Figurationen, die man sich zusammenreimen muss und die auf der Fläche tanzen.

Geistiges in sinnlicher Erscheinung

Neirizs jüngste Masken-Bilder sind auf Papier gemalt und auf monochromen, farbigen Hintergrund geklebt: Fratzenhaftes, transparent, signalhaft poppig, stilisiert, beängstigend.

Aus Zeugnissen auch der bildenden Künste geht für Aldous Huxley, den der Katalog zitiert, hervor, „dass die Menschen fast immer und überall dem innerlich Geschauten mehr Bedeutung beilegten als dem objektiv Existierenden und fühlten, das mit geschlossenen Augen Gesehene besitze eine höhere Bedeutung als das, was sie mit offenen Augen sehen.“ Anders gesagt: Kunst als Geistiges in seiner sinnlichen Erscheinung.

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