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Kultur
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Dokumentarfilm

Sein lebenslanger Gegner ist der Antisemitismus

„Zwischen allen Stühlen“ erzählt die abenteuerliche Lebensgeschichte des Wiener Juden Karl Pfeifer.
Von Fred Filkorn, MZ

In der Filmgalerie im Leeren Beutel beantwortete Zeitzeuge Karl Pfeifer Fragen des Publikums. Foto: Filkorn

Regensburg. Die Lebensgeschichte des Karl Pfeifer erinnert an einen James-Bond-Film: Vor dem Hintergrund häufig wechselnder Orte erzählt sie spannende Geschichten aus der Zeit des Kalten Krieges. Sein Gegner ist jedoch kein omnipotenter Superschurke, sondern der menschenverachtende Antisemitismus.

Auch wenn der 82-Jährige das „Hinausgehen in die Welt“ heute befürwortet, er tat es damals alles andere als freiwillig: Durch den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland wurde seine jüdische Familie 1938 gezwungen, das Land zu verlassen. Nach vier Jahren in Ungarn konnte er unter falschem Namen mit einem Kindertransport der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair nach Palästina flüchten. Die abenteuerliche Zugfahrt über den Balkan fand ihr glückliches Ende in Haifa. Pfeifer lernte zunächst das kollektivistische Leben in einem Kibbuz kennen, bevor er sich der zionistischen Untergrundgruppe Hagana anschloss, die mit Anschlägen die Gründung des Staates Israel forcierte. „Wir führten einen Unabhängigkeitskrieg gegen den britischen Imperialismus, die Sowjetunion stärkte uns den Rücken“, erklärt er seine damalige Sicht der Dinge. 1950 wurde er aus der israelischen Armee entlassen, seine Ausbildung zum Schiffskellner brachte ihm jedoch nicht den erhofften Job ein. So kehrte er 1951 nach Wien zurück, wo „ich wie ein österreichischer Gastarbeiter behandelt wurde“ und die antisemitischen Strukturen noch allgegenwärtig waren: „Ich wollte nur noch weg aus diesem Land“. Er arbeitete als Hotelangestellter in der Schweiz, Italien, Israel, New York und London, siedelte für zwei Jahre gar nach Neuseeland um. „Ich glaubte, als Jude könne man in Österreich nicht mit Menschenwürde leben“. In den 1970er Jahren verkehrte er unter ungarischen Intellektuellen, die sich zum Zentrum der demokratischen Opposition entwickeln sollten. Seine Insiderinformationen verarbeitete er unter einem Pseudonym für eine österreichische Tageszeitung. Einer internationalen Karriere als Journalist stand nichts mehr im Weg.

Mit Fotos, Dokumenten, Postkarten und Filmsequenzen illustriert der Dokumentarfilm Pfeifers Lebensweg. Neben ehemaligen Weggefährten kommt vor allem Pfeifer selbst zu Wort. Die Filmemacher begleiteten ihn zu früheren Stationen seines Lebens. Die pixelige Bildqualität der Digitalkamera lässt oft zu wünschen übrig, aber „eigentlich war anfangs auch gar kein richtiger Film geplant“.

Auf der Bühne ist der Österreicher mit seinen 82 Jahren erstaunlich agil, seine Stimme laut, seine Haltung fordernd. Routiniert bettet er seine Antworten in einen größeren Kontext ein. Wie viele Europäer heutzutage habe er nicht nur eine, sondern mehrere Identitäten. Er fühle sich genauso österreichisch, wie jüdisch, ungarisch oder deutsch. In Sachen Vergangenheitsbewältigung beklagt er eine zunehmende „Opferkonkurrenz“: Nach dem Motto „Nicht nur die Juden waren Opfer“ finde eine Relativierung der Judenverfolgung statt. Menschenrechtsverletzungen seien weltweit zu verurteilen, jene im Nahen Osten würden aber bewusst herausgestellt. Den angeblichen schleichenden Völkermord an Palästinensern stellt er in Abrede: Die arabische Bevölkerung im Gaza-Streifen wie in Israel selbst habe in den letzten Jahren zugenommen.

Karl Pfeifer war stets ein streitbarer Kämpfer, der seine Meinung mit Nachdruck vertrat und sich nicht in ideologische Schubladen stecken ließ. Als Freigeist saß er oft zwischen allen Stühlen: „Meine Landsleute haben mich dafür gehasst, dass ich ihnen beharrlich einen Spiegel vorgehalten habe“. Sein Jüdischsein wecke ihr schlechtes Gewissen, „wofür ich mich dann auch noch entschuldigen soll“. Das beste Mittel, um Antisemitismus zu bekämpfen, sei nach wie vor Bildung und Erziehung.

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