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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Alternativkunst

Selbst Szene-Star Banksy ist vertreten

An die 60 Künstler haben in München mit „Magic City“ eine überwältigende Werkschau der Urban Art gesprüht.
Von Michael Scheiner, MZ

Leon Keers dreidimensionale Gemälde sind begehrte Fotomotive. Die Ausstellung „Magic City“ läuft noch bis zum 3. September. Foto: Scheiner

München.Bei der Rückgabe des iPods am Info-Point meint Street-Art-Künstler Sigurd Roscher, gefragt, ob der Guide etwas gebracht habe, dass er das Gerät kaum benutzt habe. Denn: „Es flasht auch so!“ Tatsächlich hat die Ausstellung „Magic City – Die Kunst der Straße“ in der Kleinen Olympiahalle im Münchner Olympiapark etwas Überwältigendes an sich. Die ergänzenden Infos auf dem digitalen Speicher sind da hilfreich, können aber den Streifzug durch diese faszinierende Welt greller Graffitis und pointiert-witziger Urban Art auch ins Stocken bringen – selbst für Insider wie Roscher.

In den 90er-Jahren hat er in Regensburg selbst oft auf der Suche nach geeigneten Flächen für seine Graffitis nächtliche Touren durch die Stadt unternommen. Das ist lange her, Roscher arbeitet heute in einer Gemeinschaft von Designern und Grafikern. Künstlerisch betätigt er sich zurzeit nur noch nebenbei.

Beim mehrstündigen gemeinsamen Trip durch die Münchner Ausstellung stößt er immer wieder auf alte Bekannte und einst bewunderte Heroen. Dazu zählen die Münchner Loomit, der mit einem bunten, gesprühten Elefanten vertreten ist, und WON mit einem monochromen Riesencomic, der von einem als Polizist verkleideten Piepmatz überwacht wird.

Vorbild für die lokale Szene

Die Münchner Sprayerszene, die als eine Wiege dieser Kunstsparte in Europa gilt, war Vorbild für die zeitweise lebendige Regensburger Szene. Mit den ausgefeilten Wandbildern, unkonventionellen 3D-Illusionen, originellen verspielten Lichtinstallationen aus dem Computer, seltsamen Objekten und schrägen Skulpturen der „magischen Stadt“ wäre sie allerdings kaum vergleichbar. An die 60 Sprayer und Urban-Art-Künstler aus verschiedenen urbanen Zentren und Weltgegenden sind an dieser hervorragend kuratierten Ausstellung beteiligt. Sie war zuvor in Dresden und wird anschließend in Stockholm zu sehen sein.

Bis auf wenige Leihgaben, darunter zwei bescheidene gerahmte Rattenbilder des geheimnisvollen Szene-Stars Banksy, sind die meisten Werke von den Künstlern speziell für die Ausstellung konzipiert und vor Ort gesprüht oder gemalt worden. Am Anfang taucht man in einen nächtlich blau gehaltenen Tunnel ein und wird mit einem riesigen Wandbild von London Police konfrontiert. Deren typische, wie mit Zirkel gezogene, fröhlich grinsende Manschgerl wurden meisterlich freihand gemalt.

Zwischen Kitsch und Albtraum

Gleich darauf findet man sich in einem aufgeräumten Wohnzimmer des japanischen Kommunikationsdesigners Motomichi Nakamura wieder. Dessen kindische Püppchen und Totemfiguren fangen an, aus Bilderrahmen zu kriechen, über Wände zu laufen und sich hinter Schranktüren zu verstecken, während man sich plötzlich selbst in einem leeren Rahmen begegnet. Ein wunderbares Vergnügen zwischen Kitsch und Albtraum.

Neben den zahlreichen aktuellen Arbeiten von Veteran Dan Witz mit seinen zielsicheren politischen Interventionen zum Klimawandel und Tierschutz bis zur düsteren Vision einer zerstörten Stadt des Spaniers Isaac Cordal findet sich auch Historisches. Das wirkt bei dieser auf Flüchtigkeit und Vergänglichkeit ausgelegten Kunst, die sich im öffentlichen Raum abspielt und bürgerliche Konventionen oder Regeln oft ignoriert, fast ein wenig paradox. Doch mittlerweile sind die einstigen jugendlichen „Vandalen“ vielfach im Alter zwischen 40 und 50 und erinnern sich, mitunter auch nostalgisch gestimmt, ihrer Anfänge.

Hier zählen die Aufnahmen der legendären New Yorker Fotografin Martha Cooper und des Graffiti-Insiders Henry Chalfant zu den beeindruckendsten Zeugnissen. Dagegen tragen die sorgfältigen Modelle des Berliners FINO’91 von amerikanischen und deutschen U- und S-Bahnen einen Zug männlicher-naiver Weltverniedlichung in sich.

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