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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Kino

Serienkiller traumatisiert das Volksheim

Thomas Alfredson verfilmt Jo Nesbøs Thriller „Der Schneemann“. Michael Fassbender ermittelt in einer verstörten Gesellschaft.
Von Helmut Hein, MZ

Detektiv Harry Hole (Michael Fassbender) jagt einen Serienkiller, der immer einen Schneemann am Tatort zurücklässt. Foto: Universal Pictures

Regensburg.Der Kriminalroman ist eine erzkonservative Gattung. Er zeigt eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, in der die Beziehungen und Psychen erst zerrütten und dann allmählich zerfallen. Aber sie tun das ja nur, weil (fast) alle Menschen ungehorsam sind; ungehorsam den Normen und Werten, aber auch der Stimme des eigenen Herzens und Gewissens gegenüber. Menschen tun fürchterliche Dinge, weil ihnen selbst Fürchterliches angetan worden ist. Geschehnisse in der Vergangenheit, die von der Gesellschaft verdrängt und verleugnet werden, traumatisieren. Das Verderben nimmt seinen Lauf.

Der „Schneemann“ beginnt mit einer perversen Erziehungs-Dressur. Der kleine Junge wird nach präzisen Daten der norwegischen Nachkriegsgeschichte gefragt und wenn er nicht richtig antwortet, bekommt die dabeisitzende Mutter eine schallende Ohrfeige.

Der Sinn des angemahnten Wissens bleibt zweifelhaft, aber der Effekt des Rituals scheint klar: tiefe Verunsicherung und noch tiefere Schuld. Der strafende Vater ist zwar „nur“ der Geliebte der Mutter, aber vielleicht, wer weiß, doch der Erzeuger des Kinds. Er ist Polizist; er steht für die Mächte der Ordnung. Aber die Familienverhältnisse sind längst in Aufruhr und Auflösung begriffen.

Ein Auto versinkt im See

Nächste, winterliche Szene. Draußen ist alles voller Eis und Schnee, die Konturen der Landschaft verschwimmen in diesem blendenden Weiß. Mutter und Sohn sitzen in einem alten Auto und „jagen“ den fliehenden Vater. Dabei kommt der Wagen von der Straße ab, schlittert auf einen zugefrorenen See. Der Untergrund ist kein fester Halt mehr. Als er das zunehmende Knacksen hört und das Bröckeln spürt, springt der Junge rasch aus dem Auto. Die Mutter aber bleibt, trotz all seiner Appelle, wie erstarrt sitzen und versinkt in dem wässrigen Abgrund, der sich plötzlich auftut.

Eine Exposition, deren Bedeutung für die Geschichte sich nicht sofort erschließt. Wir werden Zeuge, wie ein Trauma entsteht. Wir kennen aber nicht das Subjekt dieses Traumas. Ist es der Ermittler Harry Hole (Michael Fassbender), dessen Vorgeschichte wir hier erfahren? „Hole“ heißt schließlich auf englisch „Loch“; und kaputt genug wäre dieser Typ mit dem müden Charisma.

Aber mit dem Zeichendeuten, das lehrt dieser Film, muss man vorsichtig sein. Es führt meist in die Irre.

Eben noch wünscht sich der Detektiv, der es mit der Alltags-Routine nicht so genau nimmt, einen „Fall“. Sein Chef meint abweisend, in Oslo käme es eben nicht so oft zu Morden und gibt ihm statt dessen Tipps, wie er einer längst fälligen Disziplinar-Strafe noch einmal entgehen kann. Da beginnt der Serienkiller sein Werk und es scheint alles darauf anzukommen, dass Hole die Spuren richtig liest, die der Täter absichtlich legt. Als wolle er mit ihm ein Spiel spielen; als sei er ihm innig verbunden. Er mordet, wenn es zu schneien beginnt; und er lässt immer einen gespenstischen Schneemann am Tatort zurück.

Dubioser Olympia-Mäzen

Alle neueren Krimis künden von einer tiefen Verstörung; für die skandinavischen aber gilt das verstärkt. Als würden diese politisch korrekten „Volksheime“, in denen jeder auf jeden aufpasst und wo selbst noch die Schneemänner „dekarbonisiert“ werden, so dass ihre Augen nicht aus Kohlestückchen, sondern aus Kaffeebohnen bestehen, das Unheil anziehen.

Die Kehrseite der verordneten Harmonie ist der Exzess. So lässt sich der dubiose Olympia-Mäzen (J.K. Simmons) Mädchen und junge Frauen „zuführen“, als hätte Regisseur Tomas Alfredson schon von der Harvey Weinstein-Affäre Kenntnis gehabt. Und der Ehebruch wird zur neuen Normalität, wenn unter dem Bann einer rigiden Moral jede intime Nähe sich rasch als erstickend erweist. Aber deshalb gleich eine Frau nach der anderen ermorden – und zwar auf die brutalstdenkbare Weise, wie sie in den nordischen Krimis längst die Regel ist?

Harry Hole sucht nach dem bestimmenden Grund hinter all den Abgründen, die sich für ihn auftun; und eine prominente Schauspieler-Riege steht ihm zur Seite. Charlotte Gainsbourg spielt, lakonisch und intensiv wie immer, seine Ex, die trotz fortbestehender Liebe und Anziehung auf beiden Seiten von ihm getrennt lebt und dadurch – der Krimi ist schließlich eine erzkonservative Gattung – in größte Gefahr gerät; Val Kilmer gibt, durch Alter, Krankheit und Sucht so deformiert, dass man ihn kaum wiedererkennt, einen Polizisten, der auch auf der Suche ist. Man fröstelt, wenn man ihm dabei zuschaut. Sogar Chloé Devigny („Kids“) ist dabei; und zwar gleich in einer Doppelrolle; der eine Zwllling bleibt auf der Strecke.

Und fügt sich am Ende alles, was aus den Fugen geraten ist? Irgendwie schon; aber nicht so, dass einen das, was man erfahren hat, ruhiger werden lässt. Wie einst in den besten Zeiten Claude Chabrols ist die Ultima ratio des Bürgers, der in Bedrängnis gerät: „Bring ihn um!“ (Der Film läuft unter anderem im Ostentor.)

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