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Kultur
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Premiere

Sie suchen den Kick und finden ihr Herz

„Martha“ in Regensburg: Johannes Pölzgutter packt das Spiel um falsche Erwartungen und echte Gefühle in viel Ironie.
Von Marianne Sperb, MZ

Szene aus „Martha“, mit: Mario Klein als Lord Tristan Mickleford, Theodora Varga als Lady Harriett Durham und mit Vera Semieniuk als Nancy (von links) Foto: Juliane Zitzlsperger

Regensburg. Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sang Connie Francis in den 1960er Jahren. Die Botschaft: Allzu ernst sollte man sie nicht nehmen. Den Irrungen und Wirrungen der Liebe hat Friedrich von Flotow 1847 seine erste – und auch erfolgreichste – Oper gewidmet. „Martha oder Der Markt zu Richmond“ spielt auf der Klaviatur zwischen seligem Dahinschmelzen und sehnsuchtsvollem Seufzen.

Lady Harriett (Theodora Varga/Anna Pisareva) ist ein verwöhntes, auf Bling-Bling gepoltes Luxusweib, eine Art ältere Paris Hilton. Ihr einziges Problem: Wie entgeht man der Qual der Langeweile, wenn man alles Habbare hat, alles Erlebbare kennt und der Champagner schal zu schmecken beginnt? Vergnügungsmanagerin Nancy (Vera Semieniuk) stößt im Internet auf eine Idee: Wie wäre es, sich als Haushaltshilfe anzubieten? Zwei Männer stellen die „Dienstmädchen“ ein, das Verwirrspiel nimmt seinen Lauf.

Ironie macht Schmalz verdaulich

Johannes Pölzgutter packt die abgedrehte Story um falsche Erwartungen und echte Gefühle mit leichter Hand an. Die Oper, die als Komödie beginnt und im Lauf der vier Akte immer mehr Schwere bekommt, siedelt der Wiener auf einem kippeligen Grat an. „Ich bin ja der Meinung: In jeder Komödie steckt auch eine Tragödie“, sagt er, und: „Wenn das Lachen im Hals stecken bleibt, ist es am besten.“

Johannes Pölzgutter über seine Regensburger Inszenierung: ein Video sehen Sie hier.

Video: MZ

Großes Gefühl darf also sein, aber nur mit ironischer Brechung. Anders sind die Brüche in „Martha“ auch kaum plausibel zu machen. Denn warum Lyonel (Yinjia Gong/ Angelo Pollak), der seine lang umworbene Geliebte endlich haben könnte, plötzlich Nein sagt, oder warum Harriett, die Lyonel eisern verschmäht hat, ihn plötzlich haben will: Eine nachvollziehbare Motivation bleibt die Oper schuldig.

Der Regisseur ist „keiner, der den Dampfhammer auspackt und alles zerschlagen will“. Er verzichtet auf erbitterte Gesellschaftskritik, spielt aber durchaus auf aktuelle Befindlichkeiten an. Die Angst vor Statusverlust und der Drang, Beziehungen als problemfreie Zone zu leben, klingen an. Seine „Mägde“ sind Haushaltsroboter, die sich auf einem absurden Markt anbieten. Harriett und Nancy spielen das Spiel mit. Sie treffen auf zwei Männer, für die Frauen vor allem funktionieren sollen wie Nutzfahrzeuge. Natürlich geht die Rechnung erst auf, als alle ihr Herz entdecken: Der Mensch ist halt keine Maschine.

In einer Welt voll rosa Plüsch

Johannes Pölzgutter wird in Regensburg warm empfangen. Für „Madama Butterfly“ und „La Bohème“ erhielt der 35-Jährige zuletzt Standing Ovations. Seine „Martha“ setzt er wieder mit Nikolaus Webern (Bühne) und Janina Ammon (Kostüme) um. Das Publikum blickt auf drei Settings: in die plüschig-rosa Welt von Lady Harriett, in die miefige, aber gemütliche Wohnung der beiden Männer und auf einen von PR übersättigten Markt von Dienstleistungsangeboten.

Vera Semieniuk, Jongmin Yoon, Angelo Pollak und Theodora Varga (von links) in einer Probenszene von „Martha“. Die Oper hat am 29. Oktober Premiere im Theater am Bismarckplatz. Foto: Juliane Zitzlsperger

Der Regisseur kennt den größten Teil des Ensembles; es stieg auf seine Ideen schnell ein und setzte sie mit großem Vergnügen um, wie er am Montag im Theater-Café schildert. „Wir haben uns alle gegenseitig befruchtet“, umreißt er die Probenarbeit. Vor allem Jongmin Yoon (in der Rolle von Lyonels Freund Plumkett) wird sein komisches Talent ausspielen. Mit Tom Woods (musikalische Leitung) und Alistair Lilley (Chor-Einstudierung) spielte sich Pölzgutter die Bälle zu. „Wir lachen viel“, sagt er, und fügt hinzu: „Wenn man auf den gleichen Humor trifft, ist man versucht, jeden Einfall unterzubringen. Man muss schon aufpassen, nicht zu vergagt zu werden.“

Premiere am 29. Oktober

  • Die Oper:

    „Martha oder Der Markt zu Richmond“, eine romantisch-komische Oper in vier Akten von Friedrich von Flotow (1812–1883), Libretto: Friedrich Wilhelm Riese, kreist um Lady Harriet, die ein luxuriöses Leben führt und endlich ein richtiges Abenteuer erleben will. Mit ihrer Angestellten bietet sie unter dem Namen Martha auf dem Markt ihre hauswirtschaftlichen Dienste an...

  • Die Inszenierung:

    Johannes Pölzgutter, der in Regensburg „La Bohème“ und „Madama Butterfly“ erfolgreich inszenierte, rückt der Oper witzig-beherzt zu Leibe und stellt die Frage nach echten und vorgespielten Frauenbildern. Die musikalische Leitung hat Tom Woods. „Martha“ hat am Samstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr, Premiere im Theater am Bismarckplatz.

Denn die Hauptrolle spielt die eingängige Musik, mit „Ach, so fromm“ und regelrechten Schmachtfetzen wie „Letzte Rose“, das mit einer kräftigen Dosis Ironie ausgestaltet wird. Bevor sich am Ende alle Liebenden in die Arme fallen und sich Rosamunde-Pilcher-Seligkeit ausbreitet, wird Pölzgutter noch gegenbürsten. Über das „Happy-End“ verrät er nur: „Es gibt eine Hochzeit. Aber lassen wir uns überraschen.“

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