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Kultur
Mittwoch, 16. August 2017 27° 3

Theater

Singende, swingende Weihnachtsrevue

Voller Einsatz im Kunstschneegestöber: Cantemus-Chor und Theater-Ensemble standen für soziale Inititiven auf der Bühne.
Von Michael Scheiner, MZ

Leise rieselt der Kunstschnee beim Schlusslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“, gesungen vom Cantemus-Chor und Solisten des Ensembles Regensburg. Fotos: Scheiner

Regensburg.Endlich schneit‘s! In immer dichterem Schneegestöber stehen die Kinder mit hochgereckten Köpfen und singen. „Stille Nacht“ tönt es von der Bühne im Theater, und von unten aus dem voll besetzten Zuschauerraum klingt es vielstimmig zurück: „Heilige Nacht“. Links begleitet Israel Gursky am Flügel, am rechten Bühnenrand stehen Anna Pisareva, Vera Semieniuk, Shoon Ha und Aurora Perry und singen das weltweit bekannteste Weihnachtslied zum Abschluss des Weihnachts-Benefizkonzertes mit. Von oben rieseln weiter glitzernd Flocken. Kaum schließen sich die Vorhänge, tanzen die ersten Kinder aus der Reihe und fangen an, sich mit Kunstschnee zu bewerfen. Als sich der letzte Spalt des Vorhangs schließt, sieht man gerade noch, wie einige versuchen, Schneebälle zu formen. Vergebens!

Aber die Anspannung der eineinhalbstündigen Aufführung ist weg. Zum Auftakt und Ende haben die kleinen und größeren Mitglieder des Cantemus-Chors deutsche sowie ein französisches Weihnachtslied zum Besten gegeben. Draußen vor dem Theater, wo es bereits dämmert, holt die Kinder kurz darauf die schneelos nackte Realität ein, als sie über den Platz zum „Haus der Musik“ laufen, wo sie von ihren Eltern abgeholt werden.

Über zwei Stunden, mit Einsingen noch einiges länger, liegen da bereits hinter den jungen Sängern, die auch optisch ein prächtiges Bild für die Bühne im großen Haus abgeben. Nach einer gewohnt launigen Begrüßung durch Hausherr Jens Neundorff von Enzberg und einer rotzbubenfrechen Adventsgeschichte, im allerbesten „fränggischen Dialeggd“ von Schauspieler Patrick O. Beck gelesen, jubeln die Cantemus-Chorknaben und -mädchen „Alle Jahre wieder“.

Dunkle und verspielte Weisen

Dieses so verlässliche Statement gilt gewissermaßen auch für diese Benefizveranstaltung, die bereits seit einigen Jahren vom Theater Regensburg zugunsten sozialer Einrichtungen durchgeführt wird. Knapp 11 500 Euro, rechnet Neundorff von Enzberg bei einer Zwischenmoderation mit Pressesprecherin Clara Fischer vor, seien im vergangenen Jahr zusammengekommen. Darunter allein 900 Euro, die im Zylinder gelandet sind. Dann kommt ein unmissverständlicher Wink mit dem Zaunpfahl: „Das müssen wir dieses Jahr toppen!“ Vertreterinnen der Straßenzeitung Donaustrudl und des Frauennotrufs Regensburg, neben dem Autonomen Frauenhaus und dem Strohhalm Empfänger der Einnahmen, erläutern, wofür die erhaltenen Gelder verwendet werden.

Zu den Solisten gesellte sich auch Intendant Jens Neundorff von Enzberg.

Nach dieser informativen Plauderei geht es durchaus etwas düster mit der Arie „Werther! Qui m‘aurait dit“ aus Jules Massenets Oper „Werther“ weiter, eindrücklich gesungen von Vera Semieniuk. Später ist die Mezzosopranistin noch einmal mit Seymur Karimov in einem ironisch verspielten, zauberhaften Liebesduett aus Mozarts „Cosí fan tutte“ zu hören. Mit einer spaßigen Einlage des Intendanten, der Dorabellas (Vera Semieniuk) Geschenk klaut, kommt noch Witz in die Sache. Kurzweilige und vergnügliche Unterhaltung kommt in dem bunt gemischten Programm aus Arien und Schmachtfetzen, Instrumentalstücken, Jazz und Texten nicht zu kurz.

Aurora Perry sang im Theater am Bismarckplatz „Spiel ich die Unschuld vom Land“ aus der „Fledermaus“.

Um eines der erwarteten Vergnügen ist das Publikum allerdings gebracht worden: Oberbürgermeister Joachim Wolbergs sollte Heinz Erhardts leicht makabres Gedicht „Feste“ über die Widersinnigkeiten weihnachtlicher Rituale vortragen. Er belässt es aber bei einer kurzen Rede, um sich nicht „wie beim Flöte spielen ein Jahr zuvor“ zu blamieren.

Ein mitreißend swingendes Trio

Wolbergs nimmt Bezug auf den Terroranschlag in Berlin und beschwört unter starkem Beifall: „Wir lassen uns unser Leben nicht kaputt machen und passen aufeinander auf!“ Auch wenn hörbar die allermeisten Besucher des Benefizkonzerts mit dem OB übereinstimmen, müsste man beim vierhändig von Satomi Nishi und Israel Gursky packend gespielten „Orpheus in der Unterwelt“ nachdenklich werden. Denn der wurde schwer gestraft, wie man weiß, beim Aufpassen auf seine verstorbene Eurydike. Auch nicht optimal ist die Freundlichkeit des Kellners in Heinrich Bölls „Monolog eines Kellners“ von 1956 verlaufen, der für seine menschliche Zugeneigtheit zu einem Jungen vom Chef abgeledert und rausgeworfen wird. Musikalisch werden diese nachdenklich stimmenden Erzählungen locker wieder aufgefangen vom Dauerbrenner „O sole mio“, kraftvoll gesungen von Sehoon Ha, Puccinis „O mio babbino caro“, hinreißend von Anna Pisareva gesungen, und von Aurora Perry, die Irving Berlins „White Christmas“ und „Spiel` ich die Unschuld vom Lande“ spielend vergnüglich interpretiert.

Mitreißend: das Andy-Weiss-Trio

Instrumental setzt der Sinti-Gitarrist Andy Weiss mit seinem Jazztrio ein mitreißend swingendes Highlight in dem unterhaltsamen und anregenden Benefizkonzert. Er stellt mit seinen Partnern Frank Wittich (Kontrabass) vom Orchester Regensburg und Sebastian Wintermeier (Gitarre) „Troublant Bolero“ des großen Virtuosen Django Reinhardt und eine instrumentale Version des Couplets „Joseph, Joseph“ von Nellie Casman und Samuel Steinberg vor. Prachtvoll! Wie die ganze Veranstaltung an Heiligabend, bei der alle Teilnehmenden mit vollem Einsatz dabei waren.

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