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Kultur
Montag, 25. September 2017 19° 3

Musik

Soundtrack für interstellare Flüge

Auf dem neuen Album „Lost On Earth“ arbeitet das Regensburger Elektro-Duo Teichmann mit Musikern aus aller Welt zusammen.
Von Fred Filkorn, MZ

Die Regensburger Elektro-Urgesteine Andi (r.) und Hannes Teichmann suchen den Austausch mit anderen Kulturen in ihrer Musik. Foto: Brenda Alamilla

Berlin.Da klickert, zischt und fiept es an allen Ecken und Enden. Ein fieser Killerbass quillt aus Rissen und Spalten. Gebrochene Beats, die nicht dem Vierviertel-Diktat folgen, tun ein Übriges, um das neue Album der Gebrüder Teichmann für den gehobenen Elektrogeschmack zu qualifizieren. Keine gefällige Beschallung für die nächste Spaßveranstaltung, sondern Soundtrack für einen interstellaren Weltraumflug, mit Trainingseinheiten in der zentralasiatischen Wüste.

„Lost On Earth“ heißt die Scheibe, die die Regensburger Urgesteine der elektronischen Tanzmusik in Zusammenarbeit mit befreundeten Künstlern aus Zimbabwe, Mexiko, Nigeria, Kenia, Sri Lanka und den USA aufgenommen haben. Viele Jahre der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut haben Andi und Hannes Teichmann immer wieder in diese (und viele andere) Länder geführt. Ob Afghanistan oder Angola – immer geht es den Elektronikmusikern darum, mit einheimischen Künstlern auf Augenhöhe zu kommunizieren, zu jammen und neue musikalische Flavors zu entwickeln. Im pakistanischen Karatschi etwa haben sie zwei Wochen lang mit 14 Musikern nicht nur zusammen gespielt, sondern auch zusammen gelebt: „Das soziale Miteinander ist uns wichtig. Es geht uns darum, gegenseitig voneinander zu lernen.“ Im Gegensatz zu anderen Künstlern, die digitale Soundfiles über Kontinente lediglich hin- und herschicken, begeben sich die beiden tatsächlich vor Ort, um Musik im gegenseitigen Einvernehmen zu erarbeiten.

Plattform für offenen Austausch

Für die Veröffentlichung ihrer interkulturellen Annäherungen haben die Brüder 2015 eigens ein neues Label gegründet: Noland ist eine Plattform für den offenen Austausch von Underground-Szenen der unterschiedlichsten Länder. Ein Ort der Kooperation, der auch nicht den Verwertungsmechanismen eines stromlinienförmigen Musikmarktes unterworfen ist. Unvorhersehbare, spannende, neue Musik entsteht da, wo es weniger um den Profit als vielmehr um das soziale Miteinander geht, erklären die Teichmann-Brüder: „Noland bringt definitiv Liebhaber-Alben heraus.“

In ihrem völkerverbindenden Ansatz sind sie gar nicht so weit weg von ihrem Vater, dem Freejazz-Multiinstrumentalisten Uli Teichmann. „Wir sind in dieses multikulturelle Milieu ja hineingeboren worden“, erklärt Hannes. Im Jazzclub Kneiting, dem Vorläufer des heutigen Jazzclub Regensburg, hatten sich freidenkende Musiker aus Osteuropa, Indien und den USA die Klinke in die Hand gegeben. Doch zunächst ging es den Brüdern um Abgrenzung, um die Entwicklung einer eigenen musikalischen Handschrift. Erst in den vergangenen Jahren ist ihnen bewusstgeworden, wie sehr sie auf den Spuren des Vaters wandeln. Die Wertschätzung für das Aufeinandertreffen von Jazz und traditionellen Musikformen aus aller Welt stieg. Auch ihre Studioproduktionen sind vom Improvisationsgedanken des Jazz durchdrungen: In frei flottierenden Livesessions werden die Grundstrukturen der Teichmann-Tracks zum Leben erweckt, die später im Studio zu Tonträger-kompatibler Größe eingedampft werden. Effektgeräte, Drum-Machines, Synthesizer sind ihre Instrumente, im organischen Fluss der Rhythmen bleibt Raum für das Ungeplante und Unvorhergesehene.

Unentdecktes Terrain in der Musik

Im Zusammenspiel mit Gleichgesinnten aus Sri Lanka oder Mexiko entdeckt man unentdecktes Terrain. Alles im Schlagbereich zwischen 90 und 130 Beats per Minute, zwischen abstrakten House-Beats, düster-dräuendem Hip-Hop und internationalen Grooves.

Man kann die Gebrüder Teichmann auch als Wiedergänger des Münchner Krautrock-Kollektivs Embryo sehen. Vor zwei Jahren haben beide Formationen bei einem Afghanistan-Solidaritäts-Konzert zusammengespielt. Ähnlich wie Papa Uli mit Embyro-Mastermind Christian Burchard in den Siebzigerjahren, entdeckten Andi und Hannes Teichmann eine musikalische Seelenverwandtschaft mit Burchard-Tochter Marja, die das Ensemble leitet: „Da war gleich ein umfassendes musikalisches Verständnis füreinander da.“ Heute wie damals geht es um Offenheit und Kommunikation mit Regionen, die nicht im Fokus des (musikalischen) Weltgeschehens stehen. „So wie damals wagen auch wir heute einen unvoreingenommenen Blick in die Welt.“ Den Albumtitel sollte man also im positiven Sinne verstehen.

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