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Kultur
Freitag, 24. November 2017 13° 2

Musik

Stetiger Aufstieg zu neuen Ufern

Im November feiert der Regensburger Jazzclub 30-jähriges Bestehen: Ein Rück- und Ausblick auf die wechselvolle Entwicklung
Von Michael Scheiner, MZ

David Murray gastierte Mitte der 1990er Jahre beim Jazzclub im Leeren Beutel. Fotos: Michael Scheiner

Regensburg. Im November startet der Jazzclub in ein neues Jahrzehnt. Die Bühne im Leeren Beutel, dem Hauptspielort des Clubs, gehört deshalb am 24. und 25. November „der heimischen Szene“, wie es in der Einladung heißt. Neben lokalen Musikern und Bands tritt auch der Hagener Pianist Pablo Held mit seinem Trio auf. Neben Michael Wollny und Lorenz Kellhuber gehört er zu den herausragenden Vertretern einer jungen Generation offener Geister, die sich in kein Korsett zwängen lassen. Damit ist er ein Paradebeispiel für die schöpferische Grundhaltung, mit der der Club seit drei Jahrzehnten „immer neue Grenzen ausloten will“, wie Bernhard Lindner aus dem Vorstand die Intention des Vereins beschreibt.

Bernhard Lindner sieht es als wichtiges Ziel, „musikalische Grenzen immer wieder zu überprüfen und neu zu justieren“, um einerseits neuen Entwicklungen gerecht zu werden und andererseits um mit Formaten wie der Kooperation mit dem Theater oder im „Degginger“ „starre Grenzen aufzubrechen und neue Zuhörer zu gewinnen“.

Peter Brötzmann, hier bei seinem Auftritt Ende der 1980er Jahre beim Jazzclub Regensburg, damals noch im „Einhorn“ Foto: Scheiner

Angefangen hat die ereignis- und anekdotenreiche Geschichte des Jazzvereins im damaligen Szenelokal „Einhorn“, als Privatinitiative des Wirts. Freejazzer wie Peter Brötzmann und der 2012 verstorbene Münchner Saxofonist Günther Klatt ließen bei Winfried Freisleben buchstäblich – musikalisch – die Sau raus. „Wir haben fast die ganze Nacht durchgesoffen“, erinnert sich Brötzmann an in jeder Hinsicht berauschende Auftritte.

Die „Kaiserjazzer“ feierten erfrischende Jazzpartys und Musiker wie Marty Cook, Dieter Köhnlein, Tim Berne und John Tchicai machten die Regensburger mit wenig vertrauten Klängen bekannt. Beim Auftritt des „superberühmten, großen Saxofonisten“ saß Heinz Grobmeier auf Tuchfühlung in der ersten Reihe und schaute sich begierig neue Licks ab. Beim Aufstieg zur Akropolis begegnete er drei Wochen später Tchicai in Athen wieder. Spontan „gingen wir Kaffee trinken und fachsimpelten lange über Musik und Gagen“.

Wie ein zweites Wohnzimmer

Für Heinz Grobmeier und die „Negerländer“ waren das „Einhorn“ und später der Leere Beutel „unser zweites Wohnzimmer“. Hier konnten sie proben, sich auf Touren vorbereiten und „viele unserer Projekte mit Istvan Grencso oder Jana Koubkova entwickeln“, erzählt der Multi-Instrumentalist voller Enthusiasmus. Hier fanden sie die richtige „Offenheit und Spontanität gefunden – einfach genial!“

Till Brönner ist einer der internationalen Stars, die der Jazzclub auf die Regensburger Bühne holte. Foto: Scheiner

Auch der holländische Pianist und Keyboarder Jasper van’t Hof erinnert sich an „tolle Auftritte“ mit seiner Band Pili-Pili, mit der Sängerin und Unicef-Botschafterin Angelique Kidjo und mit dem großartigen Altsaxofonisten Charlie Mariano. Nachhaltigen Eindruck hinterließ ein Clubkonzert, bei dem sich van’t Hof backstage eine Rippe brach, die im Josefs-Krankenhaus verarztet werden musste. Heute sei er für Clubs meist zu teuer, bedauert der 70-Jährige, „weil die Ausländersteuer für mich zahlen müssen“. Dennoch würde er gern wieder in der Domstadt spielen, verrät er am Telefon.

Mehr Förderung erhofft

Für Peter Brötzmann, der nach längerer Absenz 2016 mit „Full Blast“ aufgetreten ist, liegt die „finanzielle Situation für Clubs überhaupt im Argen“. Die wenigen, die es noch gebe, würden „fast nur den Mainstream-Bullshit anbieten und sich keine Gedanken über die Musik machen“. Kulturpolitisch stünde der Jazz „auf der untersten Stufe der Leiter“ und werde viel zu wenig gefördert.

Weniger drastisch sehen hiesige Musiker die Situation. Viele erwarten allerdings auch, dass Clubs vom Land „endlich anständig gefördert werden“. Der Regensburger Bassist und Dozent Markus Fritsch stuft das Programm des Jazzclubs als „sehr positiv“ ein. Als Zuhörer genießt er die Konzertaktivitäten ebenso, wie Auftritte mit der „Isle of Swing Big Band“, in der er selbst aktiv ist. Fritsch hilft dem Club auch manchmal mit Instrumenten oder Verstärkern aus.

Rebecca Bakken: Sie war Anfang der 2000er Jahre in Regensburg zu Gast. Foto: Scheiner

Lange Jahre erlebte der Jazzclub eine rasante Entwicklung, die einen der mitgliederstärksten Jazzvereine Deutschlands hervorbrachte. Das jüngste Jahrzehnt zeigte stärkere Schwankungen, was zum Teil einer finanziellen Schieflage geschuldet war. Der bundesweit in Metropolen zu beobachtende Trend, dass verstärkt junge Leute Jazzkonzerte besuchen, scheint in Regensburg noch nicht richtig angekommen zu sein. Aber auch ältere Mitglieder sind nicht mehr alle treue Konzertbesucher. „Ich lese jeden Monat regelmäßig das Programm“, beschreibt eine früher eifrige Besucherin die Situation, „aber ich finde nur selten etwas, das mich interessiert“. „Ausgefallenere Sachen wie die exaltierten Stimmen von Greetje Bijma, Sainkho Namchylak oder David Moss“ würden ihr fehlen. Auch Entwicklungen wie Hip-Hop sind bisher nur zögerlich aufgegriffen worden.

„Einfach geil!“

Dennoch hat der Club nach wie vor eine große Zahl aktiver Mitglieder, die häufig zu Konzerten kommen. „Es macht einfach ungeheuren Spaß zu erleben, wie sich junge Bands entwickeln“, begeistert sich ein regelmäßiger Besucher und ein anderer freut sich „dass die bekifften Embryos immer wieder einmal mit ihren nervigen Endlosimprovisationen auftreten. Einfach geil!“

Jazz zum Jubiläum

  • Der Jazzclub Regensburg

    Der Club hat sich 1987 als Verein konstituiert. Angesiedelt ist er im historischen Gebäude des Kulturzentrums Leerer Beutel in der Bertoldstraße. Rund 2000 Konzerte fanden seit der Gründung vor 30 Jahren statt. Dazu gehören Auftritte nationaler und internationaler Acts mit klangvollen Namen, darunter Rebekka Bakken, Barbara Thompson, Peter Herbolzheimer, Albert Mangelsdorff, Tony Lakatos, Cecil Taylor, Pino Minafra, Michel Godard, Jan Gabarek und Akit Takase.

  • Das Jubiläum

    Das 30-jährige Bestehen des Jazzclubs wird an zwei Abenden im Leeren Beutel groß gefeiert: am 24. November (20 Uhr, Eintritt frei) mit Stars der regionalen Szene und am 25. November (19 Uhr) mit Uni Jazzcombo, Pablo Held Trio und Sängerin Margot Gerlitz, die Klassiker des Great American Songbook interpretieren.

Zum sichtbaren Erfolg des Jazzclubs tragen die Stadt Regensburg mit ihrer Förderpolitik und auch verantwortungsbewusste Sponsoren bei. Die privaten Förderer haben dem Jazzclub neben der Unterstützung bei Konzerten auch einen richtig guten Internetauftritt und ein zeitgemäßes Design verpasst. Damit ist der Weg für weitere Innovationen geebnet.

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