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Kultur
Dienstag, 16. Januar 2018 6

Ausstellung

Trolle mit philosophischem Tiefgang

Helmut Hoehn folgt Eierkopf-Wesen in ihre Denkgebäude. Seine witzigen Zeichnungen sind im Kunstkontor Westnerwacht zu sehen.
Von Michael Scheiner, MZ

Helmut Hoehn vor einem seiner Troll-Bilder im Kunstkontor Westnerwacht Foto: Scheiner

Regensburg. Trolle ärgern andere. Vorrangig User im Netz. Sie provozieren, reizen und gehen mit boshaften Kommentaren fürchterlich auf die Nerven. Wenn sie durchs Netz pirschen, grinsen sie schadenfroh über jeden empörten Ausruf, den ihre meist hirnrissigen Äußerungen auslösen. Mit dieser hundsgemeinen Population sind Helmut Hoehns Trolle, Unterpopulation: Eierkopftrolle, weder verwandt noch verschwägert. Die meist freundlich lächelnden, braun gebrannten Abkömmlinge nordgermanischer Naturwesen schaudert es regelrecht, wenn sie von ihren Namensvettern aus dem Internet hören.

Eierkopftrolle halten sich normalerweise verborgen. Eine Ausnahme haben sie bei dem Regensburger Illustrator und Autor Hoehn gemacht. Mehrmals durfte er bei ihrer Hauptbeschäftigung, dem Philosophieren, dabei sein und sie sogar zeichnen. Deshalb sind sie jetzt für längere Zeit zu sehen. Die Bilder im Kunstkontor Westnerwacht geben profunden Einblick in das beneidenswerte Leben dieser erdnahen Gestalten mit den langen Nasen und kahlen Schädeln. Das fällt nämlich gleich ins Auge, wenn man den „letzten Welterklärer(n) im Land der Eierkopftrolle“ zum ersten Mal begegnet: Sie sind oben und unten kahl und nackt und in der Mitte tragen sie Hosen. Die Farbe einer Hose zeigt an, welcher Religionsphilosophie oder Philosophiereligion sie angehören. Dennoch kann die Religionszugehörigkeit nicht eindeutig an der Hosenfarbe festgemacht werden, hat der Zeichner – früher Kunst- und Geschichtslehrer im Bayerischen Wald – bei seinen Expeditionen zu den Erdhöhlenbewohnern herausgefunden.

Als Buch mit Glossar zu haben

Ein Troll als Karl-Marx-Fan: zu sehen im Kunstkontor Westnerwacht Foto: Scheiner

Galerist Emanuel Schmid hat einen Narren an den possierlichen Gestalten gefressen. Für ihn geht es nicht an, dass das scheinbar Leichtgewichtige in der Kunst, die Karikatur und die satirische Zeichnung, so wenig Raum im Kulturgeschehen findet. Deshalb räumt er der angewandten Kunst regelmäßig Platz ein. „Aber es muss eine malerische Komponente dabei sein, ein künstlerischer Touch.“

Von Helmut Hoehn zeigte das Kunstkontor zuletzt die Grafiken zum „Wurstkuchlhund“. Die Serie über den kecken Vierbeiner wurde zu einem der erfolgreichsten regionalen Bücher der vergangenen Jahrzehnte. Auch diesmal hat Hoehn seine Zeichnungen zu einem Bilderbuch zusammengeführt. Entstanden sind sie als lose Einzelbilder, in denen sich je einer oder zwei der Eierkopftrolle mit einem Philosophen von der Antike bis heute beschäftigt. Bei der Vorbereitung zur Ausstellung wurde Hoehn klar, dass die Bilder erklärende Hinweise brauchen; es könne sich ja nicht jeder etwas unter Vorsokratikern oder Martin Heidegger vorstellen. Das fein gestaltete Bilderbuch, das nur in einer kleinen Auflage verlegt ist, enthält ein vergnügliches Vorwort und ein sehr informatives Glossar. Darin stellt Hoehn von Descartes – Cogito, ergo sum – über die Idee des Theodizee – der Rechtfertigung Gottes – bis zu Demokrit alle Denkrichtungen vor, die sich seine Trolle vorknöpfen.

Die Ausstellung ist bis 2. Oktober im Kunstkontor zu sehen; „Die letzten Welterklärer“ gibt es als Buch und als Vorzugsausgabe in der Ausstellung.

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