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Kultur
Donnerstag, 29. Juni 2017 27° 2

Kurzfilmwoche

Unter den Meistern der Arschbombe

Mit „Manolo“ ist der aktuelle Preisträgerfilm des Deutschen Kurzfilmpreises in Regensburg zu sehen. Produziert haben ihn zwei Regensburger.
Von Fred Filkorn, MZ

Mit „Manolo“ im Gepäck kommen Christoph Ito Herrmann (links) und Matthias Nerlich zur Regensburger Kurzfilmwoche. Das Festival wird heute Abend eröffnet. Für den Freibadfilm hat das Team bei der Verleihung des Deutschen Kurzfilmpreises eine „Goldene Lola“ gewonnen.Foto: oh

Regensburg. Schon damals, vor fünfzehn Jahren, haben Matthias Nerlich und Christoph „Ito“ Herrmann auf dem Schulhof des Von-Müller-Gymnasiums davon geträumt, einmal gemeinsam Filme zu machen. Als Zehnjähriger hatte Nerlich mit der Familie – sein Vater Prof. Michael Nerlich ist der Leiter der Unfallchirurgie am Regensburger Universitätsklinikum – den MGM-Themenpark in Florida besucht. Dort sah er eine Indiana-Jones-Show: „Ich dachte wirklich, dass sei der echte Indiana Jones aus dem Film“ erinnert sich Nerlich. Mit inszenierten Realitäten die Leute zum Träumen zu bringen, so wollte auch er einmal sein Geld verdienen.

Nerlich studierte zunächst in Australien „Film-Making“, um sich anschließend an der renommierten Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin einzuschreiben, wo er Christian Specht kennenlernte. Mit ihm gründete er im vergangenen Jahr die kleine Filmproduktionsfirma „Little Kong Films“. Christoph Herrmann, der bis 2007 in Köln TV-Produktion studiert hatte, ergänzte das Team nur wenige Monate später.

Showdown auf dem Zehner-Turm

Das Gründungsjahr entwickelte sich gleich zum vollen Erfolg für die jungen Filmemacher. Neben der 45-minütigen NDR-Dokumentation „Insel im Sturm“ über die Nordseeinsel Helgoland, drehte die kleine Filmcrew noch die Dokumentation „Welcome Home“ über das spektakuläre „Burning Man“-Kunstfestival in den USA, das jedes Jahr über 50000 Menschen in die Wüste Nevadas lockt. Die „Little Kong“-Produktion soll im April eine neue Kulturreihe mit dem Arbeitstitel „Parallelwelten“ auf dem digitalen Sender „ZDF-Kultur“ eröffnen, mit Wiederholungen auf den Partnersendern ARTE und 3Sat.

Den größten Erfolg bescherte dem jungen Team aus Berlin jedoch die Verleihung des Deutschen Kurzfilmpreises „Lola“ in der Königskategorie „Bester Kurzfilm unter 30 Minuten“ im vergangenen November in Hamburg.

„Bei knapp 300 Einreichungen kam es schon einer Sensation gleich, unter die sechs Nominierten gewählt zu werden“, meint Nerlich. Vielleicht habe die Jury aber auch ein grundsätzliches Zeichen setzen wollen: „Der typische Studentenfilm ist ja oft sehr sperrig: düstere Farben, lange Einstellungen, eine rauchende Frau von hinten“. „Manolo“, der 19-minütige Gewinnerfilm, sei das genaue Gegenteil davon: ein bunter, leichter, mit frischem Balkanbeat unterlegter Sommerfilm, „der so richtig knallt“, wie es Herrmann formuliert. Der kleine, dicke Manolo, der introvertiert auf seiner Playstation herumdaddelt, entwickelt sich unverhofft zum Freibad-Frauenhelden – was seinem älteren Cousin „Bomber-Maik“ überhaupt nicht in den Kram passt. Es kommt zum großen Showdown auf dem Zehn-Meter-Turm.

Polizei stürmt Freibad mit Hunden

Schon die Vorbereitungen zu den Dreharbeiten gestalteten sich abenteuerlich: Bei einem Besuch des Neuköllner Freibades genau eine Woche vor Drehbeginn wurde das Team staunender Zeuge unglaublicher Szenen. Drei Sicherheitsleute (die es dort wirklich gibt) wurden beiseite geschoben und etwa fünfzig Jugendliche eroberten den Zehn-Meter-Turm – teilweise über das Außengeländer – und sprangen immer wieder von Neuem in das überfüllte Becken unter ihnen. „Ein Wunder, dass niemand zu Schaden kam“, meint Nerlich. Eine Hundertschaft der Polizei in Schutzkleidung und mit scharfen Hunden stürmte darauf das Freibad und nahm mehrere außer Kontrolle geratene Turmspringer fest.

Um nicht von unberechenbaren Jugendlichen am Drehen gehindert zu werden, veranstalteten die Filmemacher am ersten Drehtag ein Schauspringen mit der deutschen Arschbomben-Nationalmannschaft. Die spektakulären Sprünge unterhielten das ganze Freibad, den lokalen Springergrößen verschlug es die Sprache. Eine letzte Hürde war aber noch zu nehmen, um sich die Akzeptanz der Jugendlichen zu sichern: der inoffizielle Freibadkönig „Rapper“, umringt von einer Heerschar Getreuer, musste sein Plazet geben. „Dass wir für ihn ein Musikvideo drehen, konnten wir ihm gerade noch ausreden“, erzählt Nerlich.

Neben einem 16-Meter-Kamerakran, den die Verleihfirma Arri eigens für Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ angeschafft hatte, kommen im Freibadfilm „Manolo“ auch Unterwasserkameras zum Einsatz. „Da wir die optimalen Voraussetzungen für den Dreh geschaffen haben, konnten wir auch richtig gute Leute für das Set gewinnen“, sagt Nerlich.

Nach seiner Weltpremiere im Februar in Clermont-Ferrand feiert „Manolo“ seine Deutschlandpremiere jetzt bei der Regensburger Kurzfilmwoche. Die beiden Ex-Regensburger sind überglücklich, „so können alle Leute, die wir hier kennen, den Film sehen“. Was keine Selbstverständlichkeit sei, führe der Kurzfilm in der deutschen Medienlandschaft doch ein Nischendasein.

Das junge Team um Nerlich und Herrmann plant dieses Jahr eine Zweigstelle von „Little Kong Films“ in Regensburg zu eröffnen: Ab Januar 2012 wollen sie einen waschechter Thriller mit dem Titel „Modrava“ im Bayerwald drehen. Und, ach ja, eine Doku über die Stadt Regensburg steht auch noch auf dem (Dreh-)Plan…

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