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Kultur
Mittwoch, 22. November 2017 10° 3

Monografie

Verneigung vor Oskar Maria Graf

Vor 50 Jahren starb der bayerische Literatur-Rebell. Nun erscheint ein bemerkenswerter Band über den Exildichter.
Von Gerhard Dietel, MZ

Das Münchner Literaturhaus widmet Oskar Maria Graf derzeit eine Ausstellung unter dem Titel „Rebell, Weltbürger, Erzähler“. Foto: Schabel

Regensburg.Tierarzt wollte er werden, Erfinder, oder „irgendetwas mit Universität“, doch aus diesen jugendlichen Berufszielen des 1894 in Berg am Starnberger See geborenen Oskar Maria Graf wurde nichts. Der ältere Bruder zwang ihn, im Familienbetrieb, einer Bäckerei, mitzuhelfen. 1911 entfloh der 17-Jährige nach München, um seine literarischen Neigungen auszuleben und in der Treibhauskultur der Landeshauptstadt ein Bohème-Leben zu führen. Doch einen Schuss Bodenständigkeit muss Oskar Maria Graf behalten haben, sonst wäre aus ihm wohl eher eine verkrachte Existenz geworden und nicht jener Schriftsteller, dem es gelang, die Schicksale der kleinen Leute in der bayrischen Provinz zur Weltliteratur zu erheben.

Anlässlich von Grafs 50. Todestag widmet das Münchner Literaturhaus dem Autor derzeit eine Ausstellung unter dem Titel „Rebell, Weltbürger, Erzähler“. Dazu passt es bestens, dass dieser Tage im Rahmen der „kleinen bayerischen biografien“ im Verlag Friedrich Pustet eine Monografie über Oskar Maria Graf erschienen ist. Wie sich die Charakterisierungen ähneln: als „Rebellischer Weltbürger, kein bayerischer Nationaldichter“ wird er im Untertitel des Bandes bezeichnet, den zwei Autoren verfasst haben: Waldemar Fromm, Leiter der Münchner Arbeitsstelle für Literatur in Bayern, schildert Grafs Leben und Wirken bis 1933, Ulrich Dittmann, bekannt als Herausgeber lange vergriffener Werke Grafs, dessen folgende Exiljahre.

Von Nazis ins Exil gedrängt

Ins Exil wurde er gedrängt, denn mit der Ideologie der Nazis konnte Graf selbstverständlich nichts anfangen, neigte er doch von aufmüpfigen Jugendtagen an zu einem Sozialismus mit weniger Nähe zur Arbeiterbewegung als anarchisch-individualistischer Färbung, der sich durch die Begegnung mit revolutionär gesinnten Personen wie Erich Mühsam und Gustav Landauer weiter festigte. Dass die Nazis ihn versehentlich als bayrischen Volksdichter einstuften, erboste ihn. „Verbrennt mich“, protestierte er öffentlich: Das Schicksal anderer im Nazi-Deutschland politisch nicht mehr gelittener Schriftsteller-Kollegen wollte er teilen, deren Schriften damals auf den Scheiterhaufen der „braunen Mordbande“ landeten.

Zurück nach Deutschland konnte der (bis 1959) Staatenlose erst einmal nicht und wollte es auch bald nicht mehr. Aber er holte sich die Heimat nach New York: Der von ihm 1943 gegründete Stammtisch wurde zum Sammelpunkt der Emigranten. In bayrischer Lederhose residierte Graf dort, wie man auf einer skurrilen Abbildung im vorliegenden Band sehen kann: sie zeigt, wie sich Graf als maßkrugstemmender Kraftbursche inszeniert, neben sich die schmal-zerbrechliche Figur von Bert Brecht.

Leben und Werk: Sie finden sich in dieser neuen Graf-Monografie gleichermaßen eingehend dargestellt, und dies trotz des knappen Textumfangs. Von den Jugendjahren über die erste Münchner Zeit und die Schwejkiaden, mit denen der Antimilitarist Graf sich dem Ersten Weltkrieg zu entziehen versuchte, reicht die Darstellung bis hin zu den Exilstationen Wien, Brünn und endgültig New York, wo Graf am 28. Juni 1967 starb.

Präzise Charakterisierung

Das Werk, mit expressionistischen Versuchen einsetzend und erst nach 1920 seinen eigentlichen Inhalt und Ton findend, wird von den beiden Autoren ebenso präzise charakterisiert. Höchst bezeichnend ist, wie es nach 1945 in den beiden Teilen Deutschlands rezipiert wurde.

In der Bundesrepublik, soweit es überhaupt zur Kenntnis genommen wurde, sah man seine Erzählungen selektiv als Heimatdichtung, während Graf in der DDR primär als sozialkritischer Schriftsteller wahrgenommen wurde. Kurz und bündig hat Graf selbst den Doppelcharakter seines Oeuvres beschrieben: „Das Bayrische war nur eine Hälfte von mir, die andere unterschied sich sehr gründlich davon.“

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