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Kultur
Dienstag, 12. Dezember 2017 4

Operette

Verwandte, die man gern von hinten sieht

Am Theater Regensburg feiert „Der Vetter aus Dingsda“ Premiere – ein vergnügliches Verwirrspiel, in dem die Sänger glänzen.
Von Claudia Böckel, MZ

August Kuhbrot (Matthias Laferi, Mitte) mit Onkel Josse (Michael Heuberger) und Tante Wimpel (Ruth Müller). Foto: Martin Sigmund

Regensburg.Der „Vetter aus Dingsda“, das ist Roderich de Weert, ein junger Mann, der vor sieben Jahren seine Sandkastenfreundin Julia de Weert verlassen hat, um in Batavia sein Glück zu suchen. Um in Kontakt zu bleiben, konnten sie weder telefonieren noch skypen, sie mussten den Mond zu Hilfe nehmen, das Kommunikationsmittel der Verliebten aus früheren Zeiten.

Julias Auftrittsarie ist denn auch dem „strahlenden Mond“ gewidmet. Anna Pisareva singt traumhaft und tanzt dazu im Badekleid und in Schwimmflossen wie die Schwäne in Schwanensee. Voraus ging ein ebenso bezauberndes Gummistiefelballett, wo Julias Freundin Hannchen (Martina Fender) von Onkel und Tante singt, den „Verwandten, die man am Liebsten nur von hinten sieht“. Von hinten sieht auch Onkel Josse (ein aufgepolsterter Michael Heuberger) das Hinterteil seiner Frau Wilhelmine, genannt Wimpel (Ruth Müller) die gerade versucht, (nicht nur) den Fernseher scharf zu stellen. Inszenierten Wortwitz gibt es oft an diesem Abend, aber man muss gut aufpassen, um alles mitzukriegen. Roderich wird zurück erwartet. Es taucht auch ein Mann auf, ein Fremder (Matthias Laferi), der sich mit „Holldrio“ und Hörnerruf durch die Parkettreihen zwängt, und in einem Zauberspiel landet, in dem zwei bezaubernde Jeannies in Flaschengeistkostümen ihm drei Wünsche erfüllen. Der Fremde ist August Kuhbrot, der Neffe von Onkel Josse, der Julia heiraten soll, damit ihr Geld in Familienbesitz bleibt, auch wenn sie demnächst volljährig wird. Doch sie träumt noch immer nur von Roderich. Oder doch nicht mehr?

Es wird so viel gegessen wie getanzt

Die Verwirrung wird immer größer. Wer ist Wer? Wen darf man nach dem Namen fragen? Wagners Lohengrin blitzt bei diesem Thema auf, mit Grotte, Schwan und Ouvertüre. Ein zweiter Fremder taucht auf, diesmal ist es wirklich Roderich (Angelo Pollak). Er verliebt sich auf den ersten Blick in Hannchen, die den Lauf der Handlung ab jetzt in ihre Hand nimmt. Dazwischen wuselt immer wieder Egon von Wildenhagen (Matthias Störmer) mit seinem Blumenstrauß, mit immer neuen Informationen und auf unglücklichen Freiersfüßen herum.

An Goethes Gartenhaus in Weimar hat Dietlind Konold das Haus von Onkel Josse und Tante Wimpel angeglichen. Nun hat aber Goethes Gartenhaus eigentlich nichts Spießiges an sich. Also hat man es mit Vorhängen aus den fünfziger Jahren behängt und in den oberen Fenstern so eine Art Puppentheater eingebaut, von dem aus die Protagonisten manchmal agieren wie Marionetten. Im Vorgarten wird Batavia-Salat angebaut, den Tante Wimpel auch erntet und an ihren Mann zu bringen versucht, der zur Völlerei neigt. Gegessen wird in Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ fast so viel wie getanzt. Die Ensembles und Arien sind nahezu allesamt in Tanzformen komponiert, die zur Entstehungszeit dieser Berliner Operette, 1921, zum Neuesten gehörten: Onestep, Valse Boston, Foxtrott und Tango, aber auch Menuette und Walzer bestimmen den musikalischen Ablauf und damit auch den Ablauf der Inszenierung, für die Regisseur Aron Stiehl vergnügliche Ideen verwirklichte.

In Batavia war der Vetter nie

Die Sänger aus dem Opernensemble des Theaters Regensburg waren wirklich gefordert, galt es denn nicht nur, zu singen und zu sprechen, sondern auch gleichzeitig zu tanzen. Für die Choreographie sorgte Támas Mester, der einen der netten schwulen Diener des Hauses spielte. Von Tänzen mit Seilen bis zur großen Batavia-Sause im Foxtrott ging es da, in (rutschenden) Baströckchen und schwarzen Perücken, mit Büstenhaltern aus Muscheln, für größere Bedürfnisse aus Kokosnüssen. Wie man sich Batavia halt so vorstellt, in Fern-Süd-Östlichen Gefilden liegend. Zur Verfremdung nutzt Komponist Künneke als genau kalkulierten Fremdkörper Musik aus dem nordamerikanischen Jazz in spätromantischer Orchestrierung und Harmonik.

Motorische Begleitfiguren machen der Melodie glatt den Rang streitig. Der Witz der Nummer entsteht aus der stilistischen und ethnologischen Unvereinbarkeit von Text, Tanz und Musik. Außerdem wird gar nicht von Batavia erzählt, das könnte der fremde Wanderer, der bei Familie Kuhbrot eintrifft, auch gar nicht, denn er war ja nie da. Er erzählt dann auch nicht von Batavia, nicht vom exotischen Ort, sondern von der Liebe in Batavia. Im ersten Teil der Inszenierung ging manchmal das Tempo ein wenig verloren, zu gemütlich folgte Szene auf Szene. Nach der Pause nahm die Geschichte aber Fahrt auf, spielte das Orchester unter der Leitung von Levente Török stringent und aufmerksam, liefen vor allem die Sängerinnen zu Hochform auf.

Lesen Sie dazu auch, was Regisseur Aron Stiehl über den „Vetter aus Dingsda“ sagt und wie für die Operette ein lebender Hund gecastet wurde.

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