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Kultur
Montag, 29. Mai 2017 30° 2

Virtuell-suggestiv die ganze Welt geküsst

Der in die Länge gezogene Beethoven: Leif Inge mit seiner „9 Beet Stretch“-Performance

Leif Inge bei der Arbeit. Im Hintergrund: Die „Second Life“-ProjektionFoto: Sebastian Zwicknagl

Von Helmut Hein, MZ

REGENSBURG. Später Abend im Ausstellungsraum der Städtischen Galerie im Leeren Beutel: Auf dem Boden liegen einige Kunstliebhaber ganz entspannt im Hier und Jetzt auf mitgebrachten Matten und lauschen versonnen in sich hinein. In einer Ecke steht ein Zelt, als befände man sich kurz vor Einbruch des Winters im Basislager 2 einer Nanga-Parbat-Expedition.

Mitten im Raum sitzen an zwei Tischen vier Männer mittleren Alters vor ihren Notebook-Bildschirmen und bedienen die Tastatur, als gehorchten sie einem geheimen Programm. Und auf dem Gesicht des nicht nur in der Szene längst legendären Norwegers Leif Inge, der „live“ schon in Shanghai, New York, Los Angeles und Oslo für Furore gesorgt hat und im „Second Life“ des virtuell-vernetzten Computer-Universums inzwischen zu einer Art Superstar avanciert ist, liegt ein still-beseligtes Lächeln.

„Second Life“-Architektur

Alles scheint bestens zu funktionieren. Seit dem pünktlichen Beginn dieser audiovisuellen 24-Stunden-Performance, die neugierige Regensburger anlockt, aber auch gespenstische Gäste aus der ganzen Welt, sind viereinhalb Stunden vergangen – und wir befinden uns immer noch mitten im ersten Satz von Beethovens berühmt-berüchtigter Neunter.

„Freude, schöner Götterfunken“: Beethoven war ein schamlos-effektsicherer Groß-Pathetiker und nirgends mehr als in seiner letzten Symphonie. Sie war der Soundtrack zum Mauerfall, ihr letzter Satz ist ja mittlerweile die Europa-Hymne. Und doch hat Leif Inge etwas geschafft, was man nicht für möglich gehalten hätte: nämlich Beethovens gut einstündige Symphonie auf 24 Stunden zu „strecken“, ohne dass etwas von ihrer Intensität verloren geht.

Er hat sie natürlich nicht einfach gedehnt, also verlangsamt, was ja nur zu einem dumpfen, nicht mehr identifizierbaren Sound-Brei führen würde, sondern er hat mit einem Verfahren, das er selbst „granulare Synthese“ nennt, die Symphonie in kleinste Zeiteinheiten zerstückt und die dann seriell hintereinander montiert. So bleibt die Tonhöhe erhalten, man kann sogar noch die melodischen und harmonischen Strukturen identifizieren und doch ist diese „9 Beet Stretch“ überschriebene Komposition eine ureigene Klangwelt, eine sehr suggestive Leif Inge-Komposition nach vertrauten Mustern.

Dazu hat der Braunschweiger Ernst Gabelor eine gewaltige, fünfstöckige „Second Life“-Architektur aus geometrischen Modulen erschaffen, in der sich Avatare aus der ganzen Welt, aber auch, nonstop, Buchstaben und Zahlen in einem unaufhörlichen, dem Strom der verwandelten Beethovenschen Musik angepassten „flow“ bewegen. Die meisten „Zweit-Menschen“ mit ihren Wunsch-Körpern und -Identitäten schweben im Raum oder sie wippen, ebenfalls ganz schwerelos, im Yoga-Sitz einen halben Meter über dem virtuellen Boden leicht auf und ab.

Und das Ganze, Beethovens gründlich gestretchte Musik, die beseligten Menschen im wirklichen Ausstellungsraum und die Avatare in ihren zum ersten Mal wirklich überzeugenden virtuellen 90-Meter-Hallen ein paar hundert Meter über dem Meer, bilden ein meditatives Gesamtkunstwerk, dessen Sog man sich nur schwer entziehen kann. Gerade teilt eine Amerikanerin in Avatar-Gestalt, die über einen Abstand von mehreren tausend Meilen und fünfzehn Sekunden (so lange dauert es, bis der Sound „gestreamt“ ist) dabei sein kann, der weltweiten „Second Life“-Community mit: „Mein Gott, ist das schön. Ich glaube, ich muss gleich weinen.“

Verblüffend und inspirierend

Und Leif Inge, der diesen Gefühlsüberschwang nicht aushält oder einfach mit der Scham des Produzenten dieser Wunderwelt reagiert, mailt zurück: „Hat jemand ein Papiertaschentuch?“ Den Leif-Inge-Avatar erkennt man übrigens an dem blauen Stein, der über seinem Kopf schwebt. Wer sagt denn, dass Beethoven und Harry Potter sich nicht vertragen?!

Sechzehn Stunden später hat sich das Ereignis in der Stadt und im „world wide net“ herumgesprochen. Die Medien-Kunst-Gruppe „Pomodoro Bolzano“, die sonst ihre Forschungen wie die meisten Avantgardisten mehr oder minder einsam vorantreiben, ist überrascht über den Strom der „wirklichen“ wie der „virtuellen“ Besucher. Und der Leere Beutel ist erfüllt vom chorischen Schallen des Schluss-Satzes frei nach Schillers „Ode an die Freude“.

Man hört den mächtigen Gesang, die scheinbar nie mehr nachlassende Macht der Expression. Aber man versteht kein Wort – und das ist vielleicht besser so. „Dieser Kuss der ganzen Welt“, das klingt, gestretcht, in all seiner mysteriösen Dunkelheit, einfach besser und überzeugender. Diese „9 Beet Stretch“-Tag-und-Nacht war eines der raren Ereignisse in der Kunst-Szenen-Alltags-Routine und der denkbar beste Abschluss der „Pomodoro Bolzano“-Wochen in der Städtischen Galerie, die für viele, wie das Besucherbuch beweist, verblüffend und inspirierend waren. Und Leif Inge? Der zieht mit seinem gedehnten Beethoven weiter. Demnächst residiert er im Salzburger Mozart-Haus, dann bei den Wiener Wochen der modernen Musik.

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