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Kultur
Mittwoch, 13. Dezember 2017 3

Kino

Vorurteile von Rassisten als Lachnummer

„Die Migrantigen“ bedient sämtliche Klischees über Ausländer. Genau damit schafft es die Satire, Vorurteile zu entlarven.
Von Angelika Lukesch, Mz

Marko (Aleksandar Petrovic, I.), und Benny (Faris Rahoma) sind zwei Österreicher mit Migrationshintergrund und vorbildlich in die Gesellschaft integriert – bis eines Tages eine Regisseurin auftaucht. Foto: Camino Filmverleih

Regensburg.Kaum irgendwo gedeihen Vorurteile besser und werden schillerndere Klischees gezeichnet als beim Thema Ausländer und Migranten. Harte Kämpfe werden ausgefochten zwischen jenen, die den Klischees aufsitzen und ihre Vorteilen ins Kraut schießen lassen, und den anderen, die dagegen ankämpfen, für Toleranz werben und in jeder Person, gleich woher sie kommt, einfach nur den Menschen sehen. Es wird in dieser Schlacht zwischen Fremdenfeindlichkeit und Fremdenfreundlichkeit stets mit sehr großer Ernsthaftigkeit gefochten, die Argumente wiegen schwer und jeder Schnitzer und jede Political Incorrectness, auch wenn sie vielleicht nur aus Versehen geschieht, wird zum Drama. Die Motivation der Kämpfer gegen Fremdenfeindlichkeit ist edel, doch es gibt, wie immer, verschiedene Wege, die zum Ziel führen können.

Der obercoole Kleinkriminelle

Der Regisseur Arman T. Riahi geht in seinem Film „Die Migrantigen“ die Diskussion um Fremdenfeindlichkeit und die dazugehörigen Klischees ganz anders und sehr offensiv an. Der Regisseur, selbst mit Migrationshintergrund, segelt vor dem Wind und spielt solange mit Ausländer-Klischees, bis dem Zuschauer der Kopf schwirrt. In seinem Film werden diese Klischees, wie das des obercoolen Kleinkriminellen, der in Box-Clubs geht und sich in Spielhallen durch Drogenhandel Geld beschafft, weitergegeben wie ein Mäntelchen, bis auch der letzte Zuschauer im Kino merkt, dass ein Klischee mit der Wahrheit nichts zu tun hat.

In Riahis Kinosatire spielen Marko (Aleksandar Petrovic) und Benny (Faris Endris Rahoma) die Hauptrollen. Die jungen Männer leben in Wien, haben einen Migrationshintergrund, sind jedoch völlig integriert. Beide haben aber Probleme im Beruf. Marko findet als Schauspieler kein Engagement, Bennys Karriere als Werber geht grad den Bach runter. Erst vor kurzem sind sie in den ethnisch durchmischten Wiener Stadtteil Rudolfsgrund gezogen und laufen zufällig der ambitionierten TV-Regisseurin Marlene Weizenhuber (Doris Schretzmayer) über den Weg. Sie ist auf der Suche nach Protagonisten mit Migrationshintergrund für ihre Dokumentar-Serie über den Rudolfsgrund. Marko und Benny kommen Weizenhuber gerade recht. Zuerst der Gaudi, dann jedoch des Geldes wegen spielen die beiden der Regisseurin das Klischee der kleinkriminellen Ausländer vor.

Ein echter Migrant als Coach

Die Regisseurin ist begeistert von der „Authentizität“ der beiden und baut ihre Dokuserie auf den Erzählungen der pseudo-kleinkriminellen Migranten Marko und Benny auf. Die beiden lassen sich vom echten Migranten Juwel (Mehmet Ali Salman) coachen, der ihnen sagen soll, was denn nun, gemäß dem Klischee, wirklich so „abgeht“ bei den Ausländern. Doch auch Juwel bindet Marco und Benny einen Bären auf und überspitzt das Klischee des goldkettchentragenden und obercoolen Ausländers. Die Dokuserie wird ein Riesenerfolg, Marko profiliert sich als Schauspieler, Benny als origineller Werbekopf, doch der bis dato friedliche Rudolfsgrund, in dem die verschiedensten Ethnien friedlich zusammenlebten, gerät in schwere Unruhen, da ein Klischee im Fernsehen zur Wahrheit hochstilisiert wurde. Am Ende setzen Marko und Benny alles wieder ins rechte Licht und setzen sich auch selber mit ihren eigenen Migrationsschicksalen auseinander.

Eine schillernde Scheinwelt

„Die Migrantigen“ ist zum Schreien komisch. Marko und Benny bedienen das Klischee im Kopf von Marlene Weizenhuber und Juwel bedient das Klischee im Kopf von Marko und Benny. Die schillernde Welt der Kleinkriminalität, die Marko und Benny zum Schein aufbauen, strotzt von überzeichneten Charakteren wie „der Nutte“, der (ausländischen) „Putzfrau“ und der larmoyanten, stets klagenden und nur gebrochen Deutsch sprechenden „Mutter“. Wenn sich Marko und Benny in ihren eigenen Klischees verheddern und Abgebrühtheit demonstrieren, dabei jedoch offensichtlich keiner Fliege etwas zu Leide tun können, kann sich keiner dem Witz der Situation entziehen. Wie geschickt Arman T. Riahi mit Ausländer-Klischees spielt, ist bewundernswert. Er beschreitet einen ungewöhnlichen Weg, um dem Thema die Schärfe zu nehmen.

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