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Kultur
Dienstag, 22. August 2017 26° 1

Drama

Wagners Parsifal bewegt und berührt

Das Bühnenweihfestspiel in Bayreuth stimmt die Zuschauer nachdenklich. Die Rollen wurden mit glücklichster Hand neu besetzt.
Von Peter K. Donhauser, MZ

Derek Welton (rechts) begeistert die Zuschauer mit seinem dämonischen Auftritt als Klingsor. Foto: Enrico Nawrath

Bayreuth.Dieser Weg war kein leichter, er war steinig und schwer. Da gehen 2016 bei der neu aufzulegenden Parsifal-Inszenierung erst der Regisseur, dann der Dirigent von der Fahne. Dem Neuen, Uwe Eric Laufenberg, blieb nicht übermäßig viel, dem freilich Parsifal-erfahrenen Dirigenten Hartmut Haenchen gar bedenklich wenig Vorbereitungszeit. Und als ein Jahr vergangen war, hat man nachjustiert, nachgeschärft und die zwei großen Rollen Parsifal und Klingsor (wegen eines Todesfalls) mit glücklichster Hand neu besetzt. Kein Wunder, dass schon nach dem packenden zweiten Akt der erste Applaussturm durch das Festspielhaus fegt, er kehrt nach dem dritten als Buh-freier Orkan wieder.

Zurück zu den Ursprüngen

Anders als Stefan Herheim (dieser hatte 2008 den Stoff vieldimensional mit der Geschichte Deutschlands und der Wagners verwoben) wählte Laufenberg einen naturalistischeren, konventionelleren Weg. Er lokalisiert Montsalvat im Nahen Osten, der Wiege der Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam.

Ein Videozoom im Stil von Google Earth – besser Google Space – gemahnt an Schiller: „Brüder, über’m Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“. Die Burgkapelle der Gralshüter ist beschädigt, ihre Glaubensgemeinschaft ist bedroht. Immer wieder patrouillieren und sichern Soldaten, sie scheinen wie von der US Army im benachbarten Grafenwöhr abgeordnet. Das Zauberschloss erscheint als ein im orientalischen Stil blau gekacheltes Hamam über dem Klingsor seinem Kreuze-Fetisch frönt. Er agiert auch mal unselig als Flagellant.

Im dritten Akt sind wir wieder in der von Pflanzen überwucherten Kirche, sie öffnet sich zum Karfreitagswunder, das von glücklich tänzelnden Evas in einer FKK-Urwald-Regendusche gefeiert wird – die Kitsch-Grenze kommt in Sichtweite.

Grandiose Solisten

Wie 2016 gibt Georg Zeppenfeld den souveränen, geradlinigen, weisen Ritter-Chef Gurnemanz. Sonor und geerdet seine unangestrengte Stimme, glasklar die Artikulation, suggestiv seine Erzählkunst. Sie geht auch nicht verloren, wenn er später gealtert im Rollstuhl sitzt. Einspringer Günther Groissböck singt den körperlich gebrochenen, aber seelisch starken Titurel. Ryan McKinny verkörpert zwingend den leidenden Amfortas mit Dornenkrone und Stigmata, stimmlich trägt er etwas zu viel Vibrato auf.

Die Oper

  • Richard Wagners Oper „Parsifal“

    in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg geht bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen in die zweite Runde. Nach der Premiere 2016 war das Spätwerk des Komponisten am Donnerstagabend erneut zu sehen. Diese Oper, die Wagner eigens für das Festspielhaus komponiert hatte, war fast auf den Tag genau vor 135 Jahren am 26. Juli 1882 uraufgeführt worden.

  • Die Reaktionen

    im Jahr 2017 waren donnernder Applaus vor allem für die Sänger und die Musiker. Wild gerätselt wurde über eine Figur, die fast das ganze Stück über reglos hoch über der Gralskirche hinter einem Gitter saß. (dpa)

Kundry – eine der vielschichtigsten Frauenfiguren Wagners – spielt wiederum die faszinierende Elena Pankratova, ihre Stimme hat tragende Tiefe wie durchdringende Höhe. Sie wandelt sich von der magischen Hexe über die verführerische Femme fatale zur dienenden Maria Magdalena und zum schier geistig abwesenden Kräuterweiberl mit Oberpfälzer Bäuerinnen-Kopftuch. An die Grenze zum Nazarenismus führt die Szene, wo sie (getreu der Partitur) Parsifals Füße wäscht und mit Haaren trocknet.

Cholerisches Temperament Klingsors

Grandios der dämonische Auftritt des Derek Welton als Klingsor. Mit Glatzkopf, schwarzem Bart und ebenso gefärbter Stimme würde er auch als Türsteher durchgehen, mit seinem cholerischen Temperament scheint nicht zu spaßen zu sein. Wenig verständlich, dass dieser Power-Kerl nicht den Speer auf Parsifal schleudert, sondern sich diesen ohne viel Widerstand aus der Hand nehmen lässt.

Auch Andreas Schager als Parsifal ist neu mit im Boot. Nach dem unbedarften Abschuss des heiligen Schwans steht er in seinen Jeans wie ein ertappter Schulbub vor Gurnemanz und hält sich an seinen verschränkten Armen fest. Im zweiten Akt ist er zum Kämpfer in ACU (Army Combat Uniform) geworden, der erleuchtende Kuss der Kundry weckt elementare dramatische Kräfte in ihm, raumgreifend seine glanzvolle Tenorstimme. Später wird er zum gereiften Gralskönig im Anzug.

Ein Highlight sind die von Eberhard Friedrich angeleiteten Chöre. Wunderbar die bestens koordinierten verführerischen Blumenmädchen, darunter die in jeder Hinsicht strahlende Straubingerin Bele Kumberger. Einen zukunftsweisenden Akzent setzt das überlegene Dirigat von Hartmut Haenchen: Es wurde höchste Zeit, sich tief in Fragen der Aufführungspraxis zu Wagners Zeiten, in „Urtexte“, in Notizen der damaligen Assistenten einzuarbeiten. Haenchen realisiert auf diesem Hintergrund ein strukturiertes, schlankes Klangbild, Emotionen ohne Sentimentalitäten, Glut ohne Weihrauch, die Musik pulst und atmet, sie unterscheidet Deklamation und „unendliche Melodie“.

Physische und psychische Leiden

Das Programmheft zitiert den Dalai Lama: „Ich denke an manchen Tagen, wir hätten besser gar keine Religion“. Die physischen und psychischen Leiden, die wir in diesem Bühnenweihfestspiel in Konnotation mit Religion sehen, lassen trotz der Erlösung nachdenklich werden. Abschließend werden religiöse Symbole mit zu Grabe gelegt. Wäre es an der Zeit, die Religionen mit einem „Weltethos“ zu überwölben, wie es der große Hans Küng vorschlägt?

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