mz_logo

Kultur
Freitag, 24. März 2017 15° 3

Regensburg.

Weltrekordgeiger mit Kreuz, Schmuseblick, Dreitagebart

Fabelhaft: David Garrett, der „Beckham unter den Geigern“, im Audimax

Stargeiger David Garrett (28) Foto: Odeon-Concerte

Von Gerhard Heldt, MZ

Das Bergen Philharmonic Orchestra, wohl das nördlichste Orchester Europas, gastierte im ausverkauften Audimax bei den Odeon Konzerten. Es begleitete auch den jungen in den USA ausgebildeten Geiger David Garrett. Chefdirigent Andrew Litton eröffnete, für ein norwegisches Orchester naheliegend, den Abend mit Musik seines großen Landsmannes: Edvard Griegs 1. Suite zu „Peer Gynt“ op. 46. In den dem groß besetzten Streicherapparat vorbehaltenen Mittelsätzen „Aases Tod“ und „Anitras Tanz“ dominierten Melancholie, intime Trauer und schlichte Klage sowie schwelgerisches Aufblühen, dynamisch fein ausgearbeitet. Die Ecksätze kamen auf dunkler Bassgrundierung voll im Klang, im Schlusssatz bisweilen zu laut. Etwas mehr Agogik hätte gerade dem Tanzsatz gut angestanden.

Ein bezopfter Endzwanziger

Der zweite Programmteil brachte Igor Strawinskys Ballettmusik „Petruschka“ in der Originalfassung (1911). Das Klavier, dem ein gewichtiger Part zukommt, hatte es schwer, sich zu behaupten. (Den Namen des ausgezeichneten Pianisten erfuhr man im Programmheft leider nicht.) Die zwei Harfen kämpften gegen die Klangmassen des Orchesters und die Celesta. Das einleitende „Volksfest in der Fastnachtswoche“ sollte mit Holzbläserklängen von atmosphärischer Wirkung starten, die leider untergingen. Der Lannersche Ländler-Impetus des 3. Satzes lief ins Leere, zu sehr setzte der amerikanische Dirigent auf klanglich vordergründige Effekte.

Star des Abends war der Geiger David Garrett, der als Dressman unter den Geigern – bezopfter Endzwanziger mit Schmuseblick und Dreitagebart, Kette mit Kreuz auf nackter Brust unterm Hemd – beworben wird. Darüber vergessen die Agenturen sträflich, dass er nach einer Auszeit wieder ganz oben in der Weltspitze angekommen ist, wie seine Interpretation des viel gespielten 1. Violinkonzerts g-Moll op. 26 von Max Bruch zeigte, dessen romantische Grundhaltung er ohne jede Larmoyanz musizierte.

Dem Aufschwung des Anfangsmotivs ließ er im lockeren Spiel Doppelgriff- und Oktavpassagen folgen, schwelgte im Adagio mit innig-dichtem Ausdruck und kontrollierter Schlichtheit, brillierte tonlich mit dem Glanz seiner herrlichen Guadagnini. Dem schmissigen Finale begegnete er mit kraftvoller Eleganz, zog in den virtuosen Passagen das Tempo leicht an. Schade nur, dass viele der Auszierungen vom uncharmant heftigen Spiel des Orchesters zugedeckt wurden. In drei Zugaben bewies Garrett seine geigerische Spitzenklasse: mit dem ins Populär-Seichte abgleitenden Arrangement von Dvoráks „Humoreske“, mit Paganinis Variationen über Rossinis „Carnaval de Venise“ („Mein Hut, der hat drei Ecken“) – hier seinen Ruf als weltschnellster Geiger untermauernd – und stilistisch überzeugend sowie geigerisch souverän mit der Sarabande aus Bachs d-Moll Suite für Violine.

Auch das Orchester hatte Zugaben im Gepäck: den brillant gespielten rasend dahineilenden Satz „Tod des Tybalt“ aus Prokofjews „Romeo und Julia“ und Edvard Griegs traumverlorenen Streichersatz „Letzter Frühling“.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht