mz_logo

Kultur
Freitag, 21. Juli 2017 30° 8

Operette

Wenn es der Göttermutter zu bunt wird

Das Regensburger Theater bringt mit „Orpheus in der Unterwelt“ ein pfiffiges und zeitgemäßes Stück auf die Bretter.
von Gerhard Dietel, MZ

In Plutos Höllenreich (Brent L. Damkier hier mit dem Opernchor) geht es zünftiger zu als im Himmel. Foto: Martin Sigmund

Regensburg.Das Theater ist an diesem Premierenabend der Regensburger Bühnen nicht so sehr „moralische Anstalt“ als eine, in der die grassierende Scheinmoral der Gesellschaft spöttisch durch ganze Kannen voll Kakao gezogen wird. Mag Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“, zur Entstehungszeit auf die verderbten Sitten der Führungselite des zweiten französischen Kaiserreichs gerichtet, auch seine historische Sprengkraft verloren haben, als Amüsement taugt die Operette allemal noch, wenn sie so pfiffig auf die Bretter gestellt wird. Das Publikum im Velodrom zeigt sich jedenfalls bestens unterhalten. Zahlreiche Lacher vernimmt man während der Vorstellung im Zuschauerraum; der Schlussbeifall für alle Akteure und Inszenierungs-Verantwortlichen ist herzlich und steigert sich zu rhythmischem Mit-Klatschen, als Offenbachs berühmter Can-Can wiederholt wird.

Nicole Claudia Weber (Regie), Karl Fehringer und Judith Leikauf (Bühne und Kostüme) haben sich alle Mühe gegeben, diesen „Orpheus“ tempo- und bilderreich in Szene zu setzen, und das mit den beschränkten technischen Möglichkeiten des Velodroms: Da ist bei den Verwandlungen allerhand Kulissenschieberei und -dreherei mit Hilfe der Akteure angesagt.

Weiß im Himmel, bunt in der Hölle

Vorwiegend Weiss trägt man im Götterhimmel, wo sich Engelchen in Schlafanzügen tummeln, um die dort grassierende Langeweile zu unterstreichen. Zünftiger geht es in Plutos Höllenreich zu, wo man im Getümmel des bunt kostümierten Personals ein paar Anspielungen an Hieronymus Boschs fantastische Bilderwelt entdeckt.

Eine freilich durchs Höllenfeuer arg angekokelte Kopie des Regensburger Szene-Lokals „Orphée“ fungiert dort als Bühnenbild: eine Reverenz zu dessen vierzigstem Jubiläum. Geschickt eingesetzte Lichttechnik unterstreicht noch den Gegensatz zwischen Ober- und Unterwelt. Für einen Extra-Lacher sorgt der Blick aufs häusliche Ambiente des Musiklehrers Orpheus und seiner Gattin Eurydike in Theben: eine Reihenhaussiedlung mit antiken Tempelfronten – und Satellitenschüssel auf dem Dach.

Viel fürs Auge gibt es auch bei den detailverliebt entworfenen Kostümen des Götterpersonals, angefangen beim widderhorngekrönten Jupiter (Seymur Karimov) und seiner herumzickenden, hochtoupierten Gattin Juno (Christiana Knaus) über die Diana Ruth Müllers und die Minerva Andrea Dohnicht-Pruditschs bis zu Martina Fenders anmutigem Cupido. Besondere Hingucker bieten die Venus Katrin Poemmerls als Marilyn-Monroe-Kopie, ein kriegsversehrter Mars (Mert Öztaner) und der mit Tretroller umherdüsende Merkur (Christian Schossig). Bräsige Langeweile herrscht im Elysium zunächst unter Jupiters Schlafsofa-Thron, bis Pluto die Himmelsgesellschaft aufmischt und gar den Funken der Rebellion hineinträgt. Ein Anflug von Aufstand führt – unter Marseillaise-Klängen – zum Gruppenbild, das an Delacroix‘ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ erinnert.

Auf in ein neues Zeitalter

Nicht zu kurz kommt auch das Ohr des Zuschauers. Freche, aufmüpfige Klänge dringen von Beginn an aus dem Orchestergraben, wo am Premierenabend Tom Woods als Dirigent waltet. Die Gesangsleistungen, dezent mikroportverstärkt, reichen von hochprofessionell, was die Musiktheater-Mitglieder betrifft, bis höchst respektabel, was etwa Oliver Severin in der Rolle des um seine Vergangenheit als Prinz von Arkadien trauernden Styx betrifft. Glänzend aufgelegt ist der darstellerisch stark geforderte Chor (Einstudierung: Alistair Lilley) und für viel zusätzliche Bewegung sorgen Tänzer und Tänzerinnen des Balletts (Choreographie: Tamás Mester).

Matthias Laferi, in Ringelpulli und Schlabberanzug, gibt den Orpheus als Softie; wenn er der Gattin Eurydike mit seinem Geigenspiel auf die Nerven fällt, wirkt er wie ein leicht verschmuddelter André-Rieu-Verschnitt. Brent L. Damkiers Pluto erscheint als geschniegelter, doch immer leicht ölig wirkender Strizzi, mit viel Süssholz in der Stimme, wenn es gilt, Eurydike anzumachen. Diese, verkörpert von Theodora Varga, ist die eigentliche Hauptfigur des Abends: mit mal sinnlichen Tönen, mal wild lodernden Koloraturen sehnt sie sich vergebens nach dem richtig potenten Lover, den ihr selbst Jupiter in der köstlichen Verkleidung als Fliege mit Embonpoint nicht liefern kann. In die Rolle der „Öffentlichen Meinung“ schlüpft Doris Dubiel, mit Handtasche bewaffnet wie weiland Maggie Thatcher. Sie kontrolliert und steuert das Geschehen, einen kleinen Blackout abgesehen, als man ihr in Plutos Reich K.o.-Tropfen Marke „Lethe“ verabreicht.

Gespielt wird im Velodrom übrigens nicht das Original der Offenbachschen „Opéra bouffe“, sondern eine Textfassung des Berliner Theaterautors Peter Lund, die auch dramaturgisch neue Akzente setzt. Die Frauen sind bei ihm nicht mehr bloss Spielball einer patriarchalischen Männergesellschaft. Aufs Ende hin nimmt Göttermutter Juno beherzt die Zügel in die Hand, entzieht Eurydike dem Geschacher der Herren und macht sie zur Bacchantin. Damit ist Offenbachs Satire im Zeitalter der Frauenemanzipation angekommen.

Weitere Rezensionen aus der Theaterwelt finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht