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Kultur
Freitag, 22. September 2017 21° 2

Porträt

Wer satt ist, macht keine gute Kunst

Dem Maler Johann Sturcz aus Amberg ist das Fremdsein vertraut. Unsicherheit, sagt er, ist auch eine Triebfeder.
Von Gabriele Mayer, MZ

Johann Sturcz kam 1989 nach Amberg, ging 20 Jahre später nach Japan und lebt heute wieder in der Oberpfalz. Foto: Sturcz

Amberg.Fremdsein, das sei für ihn ganz normal und gehöre dazu, sagt Johann Sturcz, geboren 1977 in Ungarn. Allerdings war er dem Fremdsein nie vollständig ausgeliefert. In Ungarn war er als Sohn eines donauschwäbischen Vaters in gewisser Weise fremd. Deutsch jedoch, das lernte er dort erst in der Schule als Fremdsprache. 1989 zog Johann Sturcz nach Amberg.

Zeichnen konnte er schon immer gut. Doch mit seinen Interessen Kunst und Philosophie sei er herzlich allein gewesen, sagt er. An der Nürnberger Kunstakademie wurde er sofort angenommen, ohne Vorbereitungskurse. Und dort traf er die Japanerin Erika Wakayama, mit der er heute verheiratet ist. Als Wakayamas Professor in Pension ging, bewarb sich das Paar an der renommierten Kunstakademie Düsseldorf, die man mit Namen wie Joseph Beuys oder Gerhard Richter verbindet. Beide Künstler wurden genommen. Johann Sturcz studierte bei Tal R, der die Energie, die sich in Subkulturen, in Comics und Trash manifestiert, künstlerisch weiterdenkt.

„Man muss sich durchkämpfen“

Kann er von der Kunst leben? Diese Illusion habe man den Studierenden bereits an der Akademie ausgetrieben, meint Sturcz. Aber er sei frei, so zu arbeiten, wie es ihn künstlerisch weiterbringe. Stundenweise unterrichtet er zudem an einem Nürnberger Gymnasium. „Man muss sich durchkämpfen, ob das frustrierend ist, ist selten die Frage. Unsicherheit, das ist auch eine Triebfeder. Wenn man satt ist, macht man keine gute Kunst, und Angst ist etwas Relatives“ sagt er. Und, könnte man hinzufügen, es gibt auch immaterielle Güter und Werte: etwa die Freiheit der persönlichen und künstlerischen Entfaltung, auch dafür braucht es Kompetenzen, für dieses finanziell wenig lukrative Gegenmodell zum Mainstream, das freilich für die Gesellschaft durchaus von Nutzen ist, die immer auch einen Gegenpart braucht, um sich daran zu reiben.

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Johann Sturcz ist 2017 einer der drei Künstler, die für die sogenannte Debütanten-Ausstellung des Berufsverbands Bildender Künstler („3 x junge Kunst“ im Kunst- und Gewerbehaus) ausgewählt wurden. Seine Arbeiten sind von ungewöhnlichem äs-thetischen Reiz. Er selbst sieht sich in einem hochspezialisierten System der Kunst stehen, das sich über Jahrhunderte ausdifferenziert hat und das beständig um Lösungen für neue ästhetische Fragen ringt. Wichtig als Anregung sind für ihn besonders Magritte, Bacon, Neo Rauch, David Hockney, Philip Guston und natürlich Film, Internet, Musik. Das alles ergibt einen großen Zusammenhang. Seine Auseinandersetzung mit dem Bild ist stark von der Anmutung der Computerbilder beeinflusst, davon, wie sie unsere Wahrnehmung überlagern, strukturieren und prägen.

Irritierendes wie bei Magritte

Er macht Gemälde, Collagen und Objekte, aber er bildet nicht etwas aus der äußeren Wirklichkeit ab. Oft sehen wir auf seinen Gemälden plastikartig wirkende Objekte in hellen Komplementärfarben. Dabei verrenkt er unmerklich unsere übliche Vorstellung von Perspektiven und von Innen- und Außenansicht, durch die wir Räumlichkeitsvorstellungen gewinnen und die unsere Wahrnehmung steuern. Er setzt digitale Prinzipien malerisch um.

Nach Japan und zurück

  • Der Künstler:

    Johann Sturcz wurde 1977 in Ungarn geboren und kam 1989 nach Amberg. Er studierte an der Kunstakademie Nürnberg, dann an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tal R und machte dort seinen Abschluss. 2009 ging Sturcz mit seiner Frau Erika Wakayama nach Japan. Dort war er natürlich auch ein Fremder, auch als Künstler, er lernte aber, sich zu verständigen, und arbeitete als Imker.

  • Die Rückkehr:

    Nach der Atomreaktor-Katastrophe von Fukushima, das nur 100 Kilometer entfernt von dem Wohnort des Paares liegt, kehrte die Familie, der Kinder wegen, wieder zurück in das oberpfälzische Amberg. In der Kleinstadt finde die Kunst zwar weniger Akzeptanz als in den Metropolen, sagt Johann Sturcz, aber alles sei überschaubarer und Kontakte seien schneller hergestellt.

Bei seinen Collage-Serien benutzt er Fotos aus Illustrierten, die er mit Einsprengseln manipuliert, mit relativ abstrakten Zeichen, die er dann bei verschiedenen Motiven bedeutungsverändernd durchspielt und karikiert. Sinnverschiebung entsteht hier durch Form- und Kontextverschiebung. So eine Collage enthält immer auch, wie bei Magritte, einen irritierenden Verweis auf andere, sozusagen noch dahinterliegende Bilder und Weltvorstellungen. Und die Erfahrung von Fremdsein, von Nicht-Identität, wie er sie häufig machte, ist vielleicht auch ein Katalysator, denn was sollte man neu und anders denken und durchspielen können, wenn man mit sich und seiner Umgebung einfach identisch ist?

Bei seinen großen Objekten kommen dann zum Beispiel Bierbänke oder Stühle zum Einsatz, sie sind nicht nur Träger eines Kunstobjekts, sondern selbst ein Teil davon. Aber die Formen und die Bedeutungen, die wir den Formen zuschreiben, geraten buchstäblich ins Rutschen. Zeitschriftenblätter scheinen an der schrägen Bierbank seriell und getaktet hinunterzuflattern. Alles gerät aus seiner fixen Haltung, auch der Sinn, und entfaltet dabei einen außerordentlich sinnlichen Reiz.

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