mz_logo

Kultur
Samstag, 23. September 2017 21° 1

Literatur

Wie junge Leute zu Wortliebhabern werden

Die Jugend kommuniziert nur noch via Whatsapp? Falsch: Poetry Slam gibt dem gesprochenen Wort ganz neue Hipness.
Von Ramona Rangott, MZ

Für Thomas Spitzer bedeutet Poetry Slam vor allem eines: Menschen mit Worten zu berühren. Foto: Archiv/altrofoto.de

Regensburg.Uni Bielefeld, Mai 2013. Ein stickiger Hörsaal, keine Fenster, junge Leute sitzen am Fußboden. Nicht wegen einer überfüllten Vorlesung, sondern wegen einer Poetry-Slam-Veranstaltung. Es wird getuschelt. Den Moment vor dem nächsten Auftritt nutzt ein Student, um einen Schluck aus seiner Bierflasche zu nehmen. Dann wird es plötzlich ganz still. Eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz hat sich aus der Menge der Zuschauer gelöst, tritt auf einen freien Platz in der Mitte des Publikums und nimmt das Mikro. Eine Kamera läuft mit.

Julia Engelmann sagt Sätze wie diese: „Unser Leben, ist ein Wartezimmer, niemand ruft uns auf, unser Dopamin das spar’n wir immer falls wir’s nochmal brauchen, und wir sind jung und haben viel Zeit, warum soll’n wir was riskier’n?“

Sie sticht an diesem Abend hervor. Zu dem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass das Video ihres Auftritts ein Internet-Hit wird, bis Mitte 2017 zehn Millionen Mal aufgerufen. Engelmann weiß nicht, dass sie schon wenige Monate nach der Veranstaltung im Bielefelder Hörsaal ein Medien-Star sein wird. Und sie kann nicht ahnen, dass ihr Auftritt dazu beiträgt, Poetry Slams – diese Dichter-Wettstreite auf Live-Bühnen – aus Studentenkreisen in die Mitte der Gesellschaft zu führen. Die Studentin Engelmann trifft damals einen Nerv. Wahrscheinlich, weil sie versprachlicht, womit so viele junge Leute, vom 15-jährigen Schüler bis zur Langzeitstudentin, zu kämpfen haben: Den Balanceakt zu halten zwischen großen Träumen, die gelebt werden wollen und jugendlichem Spießertum, zwischen dem Wollen und Zweifeln. Bei Engelmann geht es um das Hin- und Hergerissensein zwischen Eventualitäten.

Ein Rock-Konzert der Worte

Heute, vier Jahre nach Engelmanns Auftritt, erlebt Deutschland einen weltweit einmaligen Slam-Hype. Zumindest sagt das Thomas Spitzer, Schriftsteller und Poetry-Slammer aus Regensburg. Nach Angaben der Infoseite slampoet.de finden derzeit in ganz Deutschland durchschnittlich 40 Slams pro Monat statt. Spitzer kam schon 2009 durch den Besuch einer Veranstaltung in der Alten Mälzerei in Regensburg zum Slammen. Heute ist er aus der deutschen Szene nicht mehr wegzudenken.

Profis wie er, die gut von ihrer Tätigkeit als Slam-Poeten leben können, sind bei Slam-Events allerdings die Ausnahme. Vor allem studentische Amateure versuchen dort ihr Glück. Ein Slam-Abend lebt dabei nicht nur von gut geschriebenen, gestisch vorgetragenen Texten. Sondern auch und insbesondere vom Publikum, das im Moment der Entscheidung zum schärfsten Kritiker wird.

In diesem Moment – die letzte Pointe ist eben in den Ecken des Saales verklungen – scheint die Luft zu vibrieren. Die Anspannung des Poeten und die Erwartungen des Publikums, prallen aufeinander. Wie die Entscheidung ausgeht, weiß niemand. Entweder bricht eine Welle ekstatischen Jubels über die Zuschauerreihen hinweg: Klatschen, Stampfen, Brüllen. Der Dichter kann aufatmen. Oder das Publikum schweigt. Selbst das kann die Erlösung bedeuten. Vielleicht hat der Auftritt dem Publikum für kurze Zeit den Atem geraubt? Gesellen sich zur beklemmenden Stille aber leises Tuscheln und irritierte Blicke, weiß der Künstler: Es hat nicht geklappt.

Das stetige Taumeln der Poeten auf dem Grat zwischen Triumph und Niederlage ist der rote Faden, der durch den Poetry-Slam-Abend führt und die Spannung der Zuschauer aufrecht erhält. Das Publikum darf mitentscheiden. “Nur mit Worten die Atmosphäre eines Rock-Konzerts kreieren“, so drückt es Slam-Profi Spitzer aus.

Spielwiese für Sprachfetischisten

Gute Literatur beruht auf dem Mut etwas auszuprobieren, Grenzen auszutesten. Poetry Slam treibt das auf die Spitze: Diese Gattung ist so etwas Waldorf-Kindergarten für junge Buchstabenjongleure.

Einziges Kriterium: Etwas Eigenes soll derjenige präsentieren, der da im fahlen Scheinwerferlicht womöglich zum ersten Mal die Bühne betritt, mit zittrigen Fingern das Mikro greift, die Nervosität im Nacken. Mut braucht ein Slam-Poet. Nicht nur, um die Bühne überhaupt erst zu betreten, sondern auch, um Dinge anzusprechen und dabei selbst bitterernsten Themen eine Prise Humor abzugewinnen – denn: Gelacht wird immer gerne.

Für das Debüt auf dem Comedy- oder Literaturparkett eignet sich die Spielwiese des Slams bestens. Das lockt Künstler aus allen möglichen Sparten an. Kein Wunder also, dass der Slam mittlerweile eine ebenso große Stilvielfalt aufweist wie die Musik. An einem Slam-Abend erwartet einen deshalb oft eine wilde Mischung aus verschiedenen Sprachmelodien, Slangs und Themenbereichen: von den Thesen eines slammenden Politikwissenschaftsstudenten direkt in den Flow einer Rap-Interpretation.

Abgestimmt auf die Generation Netflix

Im Laufe des vergangenen Jahres ist vielen Slammern der Sprung in die Comedywelt oder ins TV gelungen. Ein Beispiel ist die Schweizerin Hazel Brugger, die mittlerweile Millionen als Außenreporterin der „Heute show“ kennen. Dabei hatten Kritiker dem 1986 in Chicago entstandenen Poetry Slam schon 2009 einen Niedergang prophezeit, nachdem die Slam-Tour mit Autorin und Moderatorin Sarah Kuttner abgesetzt worden war.

Die Jugend interessierte das wenig. Was Jugendliche bei Poetry Slams finden, ist das Gefühl unter Gleichgesinnten zu sein, Menschen mit ähnlicher Geschichte, ähnlichen Träumen oder Hoffnungen – Altersgenossen, die ihren Weg ebensowenig gefunden haben, wie sie selbst.

Hinzu kommt, dass die deutsche Unterhaltungsindustrie für das U30-Publikum zuvor nicht viel zu bieten hatte. Es war ein Vakuum entstanden, in welchem sich der Poetry Slam neben amerikanischen Comedy-Formaten und Streaming-Portalen gut einrichten konnte. Für die Jugend hat der Medienkonsum viel mit Selbstbestimmung zu tun. War man vor 20 Jahren oft auf das Programm angewiesen, das in der Fernsehzeitung stand, machen Portale wie Netflix Serien und Filme jederzeit abrufbar, überlassen es dem Konsumenten aber selbst, ob sie an einem Tag nur eine einzige Folge „Game of Thrones“ schauen oder drei Staffeln per Binge-Watching inhalieren. Dieses interaktive Konzept findet sich so auch beim Poetry Slam: Der Zuschauer hat den Ausgang des Abends selbst in der Hand. Für den Slam-Hype sind aber natürlich auch die Sozialen Medien verantwortlich. Was heute einem Jugendlichen gefällt, wird fotografiert, gefilmt, upgeloadet, mit Freunden geteilt. Poetry Slam bietet für die meisten Millenials eine riesige Identifikationsfläche – und es reicht schon ein „Like“, um Nähe zu zeigen.

Interaktiv, authentisch, frei

Massenkompatibilität hin oder her – oft behaupten Kritiker, es fehle dem Slam an literarischem Wert. Dabei beruht das Erfolgsrezept des Poetry Slams gerade auf der Freiheit des Formats, der Interaktivität und dem Amateurcharakter der Auftritte. Natürlich gehören Slam-Texte nicht zum Kanon ausgewählter Lektüren, die Oberstufenschüler für ihr Deutsch-Abitur durchackern müssen. Aber die Wertung, ob ein Text Literatur ist oder nicht, ist zunächst sowieso stark subjektiv.

Habilitierte Germanisten sind auf Slam-Veranstaltungen zugegebenermaßen eher dünn gesäht. Und den Slam-Poeten sind die Maßstäbe literarischer Textkritik ja auch egal: Ihnen geht es darum, das Publikum mitzureißen.

Ist Poetry Slam deshalb also keine Literatur? Vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass so mancher Klassiker auch erst spät als Weltliteratur anerkannt wurde. Bei ihrer Erstveröffentlichung waren viele der heute im Literaturkanon vertretenen Werke nichts anderes als Slam-Texte heute: für die Jugend Ausdruck eines Lebensgefühls, für das vermeintlich anspruchsvollere Publikum belangloses oder auch potentiell gefährliches Geschreibsel studentischer Hobby-Poeten. Der streng lutherische Pastor Johann Melchior Goeze schrieb 1775 über den kürzlich erschienen Briefroman eines dichtenden Jura-Studenten: „Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurück zu behalten, welches gewiss zu seiner Zeit aufbrechen wird.“ Gemeint war Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.

Aktuelle Nachrichten erhalten Sie jetzt über Whatsapp auch direkt auf Ihr Smartphone. Hier können Sie sich kostenfrei anmelden.

Termine zu Slam-Veranstaltungen finden Sie auf dieser Info-Seite über den Poetry Slam im deutschsprachigen Raum.

Weitere Nachrichten aus der Rubrik Kultur lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht