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Kultur
Donnerstag, 23. November 2017 10° 3

Auftritt

Wie wenn der Wolf im Schafspelz singt

Aus der MZ-Kantine wurde ein Wirtshaus: Am Donnerstagabend begeisterte die Couplet AG mit dem Besten aus 25 Jahren.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

„Geh peitsch mi“ – was für eine Aufforderung! Das Publikum hatte viel zu Lachen bei den satirischen Gesängen der Couplet AG. Foto: Stöcker-Gietl

Regensburg.Man ahnt es schon. Der gelbe Sud, den Bianca Bachmann da so grinsend in dem Glasgefäß schwenkt, ist kein Tee. „A Glaserl Eigenurin, gezapft vom Morgenstrahl. Das Ganze körperwarm, dann hilft’s auf jeden Fall“, singt sie an der Seite von Jürgen Kirner. Ja pfui Deifl, möchte man schreien, hält aber doch lieber den Mund, weil die beiden das Körpersafterl jetzt wie Weihwasser ins Publikum spritzen. Und jeder bekommt sein Tröpferl ab oder gar noch die Glatze poliert. „Das habt’s jetzt davon, dass ihr uns zu einem Wohnzimmer-Konzert eingeladen habt’s“, lästert Kirner. Aber wer zur Couplet AG kommt weiß ja, auf was er sich einlässt.

Es ist eine besondere Stimmung am Donnerstagabend in der MZ-Kulturkantine. Getanzt, mitgesungen und gelacht wurde auch bei Auftritten anderer Künstler, doch diesmal ist es wie an einem großen Wirtshaustisch, an dem gemeinsam musiziert und gesungen wird, an dem man sich Witze und Anekdoten erzählt. Die Couplets sind deftig, bissig und bisweilen frivol. Diese Art von bayerischem Humor hat für mich viel vom schwarzen, britischen Humor, sagt später ein begeisterter Student, der die Couplet AG an diesem Abend für sich entdeckt hat.

Frau Lichtlein und Herr Rasso

Dabei ist die Gruppe schon fast 25 Jahre auf den Bühnen unterwegs. Jürgen Kirner, der in Hemau aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in München lebt, hat schon als Kind gerne mit seinem Opa die satirischen, oft zweideutigen Gedichte mit den markanten Refrains gesungen. Seit einigen Jahren steht ihm seine kongeniale Partnerin Bianca Bachmann zur Seite. Beide können nicht nur singen, sie sind auch außerordentlich wandlungsfähig. Wenn Kirner seine schwarze Anzugweste gegen eine etwas zu groß geratene Lederjacke tauscht und den „Rasso vom Inkasso“ gibt, wenn Bachmann zur Frau Lichtlein vom Esotherikerinnen-Bund wird, wenn die beiden das versoffene Wiener Ehepaar geben und torkelnd auf der Bühne „Mei Alter sauft so vui  wia i“ singen, passt einfach alles – Sprachfärbung, Mimik und Gestik.

Couplet AG in der MZ-Kantine

In der MZ-Kantine spielen Kirner, Bachmann, Bernhard Gruber (Akkordeon) und Bernie Filser (Gitarre) das Beste aus fast 25 Jahren Couplet AG. Aktuell touren sie mit ihrem Programm „Wir kommen – Die Rache der Chromosomen“ durchs Land. Daraus haben sie das Lied „Weil der Mensch halt so a Mensch is“ mitgebracht – da darf beim Refrain laut mitgesungen werden. Dazwischen werden Verdienstorden verliehen und Söder-Zäpfchen verteilt. Schlagersternchen Jaqueline Charel Ödner besingt eine Knackwurst. Beim Huber Peter in der Perlacher Hochhaussiedlung werden die Nachbarn laut. „Geh peitsch mi“, hallt es dort jede Nacht durch die Pappendeckel-Wände.

Die Couplet AG deckt die Schwächen und Leidenschaften auf, schaut den großkopferten Politikern aufs Maul, legt ihre Finger in gesellschaftliche Wunden. „Wir wollen keine Riester-Rente, wir wollen Riesters Rente haben“, singen sie. Söders Persönlichkeit verabreichen sie auf Rezept. „Ein Zapferl Söder rektal macht Sie hemmungslos, gnadenlos, skrupellos – einfach famos.“ Die bissigen Texte sind eingepackt in eingängige, fröhliche Melodien. Als schleiche sich der Wolf im Schafspelz an.

Ein Lied auf Karl Valentin

Anschleichen muss sich auch der Verschwörungstheoretiker mit Bademantel und Aktentasche: „Ja schreiben’s es auf, schreiben’s es auf, sonst vergessen’s es ja wieder“, zischelt er ins Publikum. Und schon ist er wieder weg.

Und dann sind da noch die Münchner Volkssänger, allen voran Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Die Couplet AG hält ihr Erbe hoch. 2016 veröffentlichten sie ungehörte Lieder und Couplets aus Valentins Nachlass. Zum Teil schuf Bernhard Gruber dazu neue Melodien. „So amüsiert sich jeder, so guat er eben kann“, haben die Kantinen-Gäste noch im Ohr, als sie nach dem rund zweistündigen Auftritt mit einem Lächeln im Gesicht den Nachhauseweg antreten. „Es war wunderbar. Einfach schön“, sagt eine Besucherin. Ein Besucher bedankt sich herzlich für das vorgezogene Geburtstagsgeschenk. „Das hätte nicht besser passen können.“ Und das bisschen Eigenurin? Geschadet hat es den Gästen offensichtlich nicht.

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