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Kultur
Freitag, 22. September 2017 21° 1

Kooperation

Wo Kurzfilm auf Kirchenmusik trifft

Angehörige der Kirchenmusikhochschule vertonen Stummfilme. Steven Heelein schrieb eine Komposition für das Kammerensemble.
Von Katharina Kellner, MZ

„Musik ist die Sprache, in der ich mich am Besten auskenne“, sagt Professor Steven Heelein (links), hier bei einer Probe mit Studierenden in der Kirche St. Andreas im Februar. Foto: Daniel Pfeifer

Regensburg.Franz Prechtl, Dozent für Klavier und Popularmusik an der Hochschule für katholische Kirchenmusik Regensburg, kennt die musikalischen Fertigkeiten seiner Studierenden gut. Doch während der Internationalen Kurzfilmwoche lernt er an einigen von ihnen ganz neue Seiten kennen.

Die Kirchenmusikhochschule (HfKM) beteiligt sich seit einigen Jahren mit einem eigenen Programm an der Kurzfilmwoche. Es ist Markenzeichen des Festivals, dass es nicht nur Filme zeigt, sondern andere Genres einbezieht: Musik, Literatur oder Bildende Kunst. Dazu pflegt das Festival ein enges Netzwerk aus Kooperationspartnern, darunter viele Regensburger Institutionen: zum Beispiel den Kunstverein Graz oder die Kirchenmusikhochschule.

Die Kooperation bereichert alle Beteiligten. Prechtl hat schon manche positive Überraschung erlebt, wenn die Studierenden „mal nicht Mozart spielen müssen.“ Am stärksten, sagt Prechtl, zeige sich das Potenzial der jungen Musiker beim Improvisieren.

Bei der diesjährigen Ausgabe der Kurzfilmwoche vertonen Angehörige der HfKM sechs Stummfilmklassiker unter dem Motto „City Sounds“. Das heißt, sie fügen ihnen eine nie zuvor gehörte „Tonspur“ hinzu und bieten damit einen neuen Blick auf den Film, eine Neuinterpretation der Bilder. Die Musiker gehen mit dieser Herausforderung individuell um: Manche spielen ein fertiges Stück, andere improvisieren, sagt Prechtl, der die Kooperation zwischen HfKM und Kurzfilmwoche organisiert.

Eine Szene aus dem Stummfilm „Paris qui dort“ von 1925, die auf dem Eiffelturm gedreht wurde. Foto: Kurzfilmwoche

Professor Steven Heelein entschied spontan, gemeinsam mit dem HfKM-Kammerensemble eine Komposition zu schreiben, als Prechtl ihn bat, einen Stummfilm zu vertonen. Für den Laien klingt das nach mehr Arbeit: Für einen Stummfilm ein völlig neues musikalisches Gewand zu schneidern als „nur“ eine Vertonung aus bestehenden Kompositionen zusammenzustellen. Für Heelein, seit 2012 Dozent für Chor- und Orchesterleitung an der HfKM und seit 2015 Professor für Dirigieren an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik in Bayreuth, ist es genau umgekehrt. Er findet es mühsam, erst nach passender Musik zu suchen und sagt: „Es hat mich gereizt, einen Film zu vertonen. Es fällt mir relativ leicht, eine Komposition zu schreiben, denn Musik ist die Sprache, in der ich mich am Besten auskenne.“ Heelein sieht in einer eigenen Komposition auch den Vorteil, dem Ensemble, in dem sich Studierende in unterschiedlichem Ausbildungsstatus befinden, die Filmvertonung „auf den Leib zu komponieren“.

Das Team der Regensburger Kurzfilmwoche ist glücklich über die Komposition: „Steven Heelein ist in Kreisen der zeitgenössischen Musik ein wichtiger Name“, sagt Festivaleiter Philipp Weber. „Dass er zu einem unserer Filme eine eigene Komposition geschrieben hat, ist für uns ein Ritterschlag.“

Von der Hybris, die Zeit anzuhalten

Für seine progressive Auffassung von Kirchenmusik ist Steven Heelein überregional bekannt. Er selbst versteht seine Werke als Vorschlag und Anregung zur Diskussion. Mit seiner Musik versuche er stets, sich selbst treu zu bleiben: „Wenn ich kompositorisch so tue, als sei ich jemand anders, ein renommierter Filmkomponist oder der Anführer der Avantgarde, dann ginge das in die Hose.“ Seine Kompositionen sind eine persönliche Angelegenheit: „Ich versuche, darin eine Geschichte zu erzählen, die aus meiner Wahrheit kommt.“

Das gilt auch für seine Komposition zu dem 1925 uraufgeführten Stummfilm „Paris qui dort“ („Paris schläft“) zu sehen. Die 35-minütige Science-Fiction-Komödie des französischen Regisseurs Réne Clair wurde an Originalschauplätzen gedreht. Die zeitgenössische Kritik nahm den Film als Bewegungsstudie wahr – der Regisseur spielt virtuos mit Bewegung, Geschwindigkeit und Stillstand.

Die erste Szene zeigt den Wächter des Eiffelturms, der eines Morgens erwacht und die ganze Stadt erstarrt vorfindet. Zwischen still stehenden Autos und bewegungslosen Passanten schließt er sich einer Gruppe Touristen an, die soeben eingeflogen ist. Obwohl keiner von ihnen weiß, was passiert ist, nutzen sie die Gunst der Stunde: Sie ziehen herum und nehmen Kleidung, Schmuck und Geld von den wehrlos Schlafenden an sich. Bald sind sie gelangweilt. Zurück auf dem Eiffelturm erhalten sie einen mysteriösen Hilferuf, der sie zu einem Haus führt, in dem ein verrückter Wissenschaftler mit einer Strahlenmaschine die Stadt schlafen lässt. Von der Strahlung verschont blieben nur jene, die sich weit über dem Erdboden befanden, als der Professor den Schalter umlegte.

Donald Trump geht unter in den Strudeln der Kunst

Heelein kam beim ersten Sichten des Films vor allem ein Aspekt in den Sinn: Die Hybris des verrückten Professors, der eigenmächtig die Zeit anhalten will. Ihm fiel eine Bibelstelle aus dem Buch Kohelet dazu ein: Da geht es um die Vergänglichkeit des Menschen und die Leere irdischer Genüsse. Gott habe zwar jedem Wesen Ewigkeit eingepflanzt, doch der Mensch könne seine Zeit eben nicht nach eigenem Willen verlängern. „Wir werden alt und dann sind wir tot und gehen in die Natur, in das ewige Leben über“, sagt Heelein, der seine Komposition unter das Motto Zeit stellt: „Mit meinem Stück versuche ich, über die Konfrontation zwischen Individuum und Zeit zu reflektieren.“ So kam er zum Titel „innewohnend ewig“, was gut zu den Filmszenen zwischen Tempo und Stillstand passt.

In seiner Komposition fungiert die Bratsche quasi als „lyrisches Ich“, als Erzähler, das Individuum symbolisierend. Das Violasolo steht im Vordergrund. Außerdem sind sechs Vokalsolisten zu hören und das HfKM-Kammerensemble, bestehend aus Streichern, Holzbläsern, Perkussion, Klavier und der großen Konzertsaalorgel. Doch Heelein beschränkt sich nicht nur auf instrumentale Klänge. Die Sänger rezitieren, neben Texten der Bibel, auch zeitphilosophische Texte von Sartre und Heidegger. Heelein hat außerdem eine Collage aus verschiedenen Audiotracks in seine Komposition eingebaut: Papst Leo XIII. ist da zu hören, der slowenische Philosoph Slavoj Žižek – und ein Fitzelchen aus der Inaugurationsrede des unvermeidlichen Donald Trump. Warum Trump? „Weil er derzeit den Zeitgeist bewegt wie kaum ein Zweiter und somit auch mich persönlich. Aber er ist ja nur rudimentär zu hören. Es ist eine Form von Entgegnung, wenn ich Trump in den Strudeln meiner Kunst untergehen lasse.“

„Ich unterjoche mich dem Film nicht“

Heelein wollte sich von keiner bestehenden Komposition beeinflussen lassen und schaute den Film nur ohne Ton. Kurz spielte er mit dem Gedanken, „eine Musik zu machen, die den Film angreift. Nun habe ich eine Musik geschrieben, die neben dem Film platziert ist und neben ihm auch allein Bestand hat. Ich unterjoche mich dem Film nicht, indem ich eine 08/15-Musik mache, die nur die Bilder untermalen will.“ Die abstrakte Musik gibt dem Film eine neue Ausrichtung. Dadurch, dass Bild und Musik nicht kongruent gehen, sei der Zuhörer gefordert, abstrakte Verbindungen wahrzunehmen. Der Film, der eine klare Handlung hat, „bedarf des Abstrakten“, sagt Heelein. Das Ergebnis ist am 17. März zu hören. Man darf sich auf ein ungewöhnliches Klangerlebnis einstellen.

Eine Zusammenfassung der Höhepunkte der diesjährigen Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg finden Sie hier

Ein Interview mit dem Filmemacher Pim Zwier zum Programm Cinema Mi Vida finden Sie hier

Das komplette Programm zur Regensburger Kurzfilmwoche mit allen Kinos finden Sie hier:

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