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Kultur
Montag, 11. Dezember 2017 3

Ausstellung

Wo sich das Unendliche entfaltet

Bei den neuen Arbeiten von Sascha Banck und Iryna Pryval in der Regensburger Galerie ArtAffair geht es auch um Maskierungen.
Von Helmut Hein, MZ

Iryna Pryvals Faltenarbeit gelb ist in der Galerie Art Affair zu sehen. Foto: altrofoto.de

Regensburg. „Lost in Translation“ heißt der Kino-Klassiker von Sofia Coppola aus dem Jahr 2003. Darin geht es um gestörte Kommunikationen und Beziehungen und die tragikomischen Effekte, die sie permanent hervorbringen. Der Grund der Störung liegt dabei darin, dass der oder das Fremde fremd bleibt. Fremd kann, wie im vorliegenden Fall, eine andere Kultur sein – hier die japanische mit ihren rätselhaften Zeichen und Ritualen. Fremd bleiben einem aber auch andere Menschen, selbst wenn man mit ihnen verheiratet ist, und das Andere in einem selbst. Gestört ist die Kommunikation, weil der Transfer nicht gelingt, die „Übersetzung“ dessen, was einem begegnet, ins Eigene.

Auch in der neuesten ArtAffair-Ausstellung mit den beiden jungen Künstlerinnen Sascha Banck (Jahrgang 1980) und Iryna Prydval (Jahrgang 1987) geht es um Transfers und Maskierungen: Was geschieht, wenn ein Medium in einem anderen erscheint? Was zeigt sich und wird offenbar, was verschiebt, verzerrt und verhüllt sich?

Digitale Kürzel verzaubern

Sascha Banck kann auf einem eigens dafür programmierten Tablet-Computer spontan die wunderbarsten verschiedenfarbigen Strukturen zaubern: digitale Kürzel, welche in die analoge Welt ausstrahlen und sie verzaubern. Das ist aber für sie noch nicht das Werk, sondern nur eine Art Vorzeichnung. „Fertig“ sind diese Bilder erst, wenn sie durch Projektion auf eine Leinwand übertragen werden und eine gespenstische Zweit-Existenz gewissermaßen als Double der digitalen Skizze annehmen: klassisch erstellt mit Acryl-Farben oder, noch fizzeliger, mit Filzstift, als meditative Fleißarbeit.

Sascha Bancks Arbeiten sind abstrakt. Wenn sich etwas zeigt, dann nicht Gegenstände der wirklichen Welt, sondern – noch ein Transfer! – die Musik, der ihre ganze Leidenschaft gilt und der Tanz, der ihren Körper in Bewegung setzt. Nichts bleibt an seinem Ort, alles muss seinen Platz neu finden und definieren. Die schrägen Linien und verirrten Farbkleckse schieben sich ineinander, als gelte es die vielfach geschichteten inneren Archive zu vermessen, das Imaginäre, das ohne Raum und Zeit auskommt, wieder zu verkörpern. Das bin jetzt ich, in diesem Augenblick!

Die junge Ukrainerin Iryna Pryval, Meisterschülerin von Ottmar Hörl in Nürnberg, hat etwas gegen die weitverbreitete Wegwerfmentalität. Was nicht sofort und problemlos passt, wird entsorgt. Nicht bei ihr! Sie entdeckt die Schönheit, das Wiederverwertbare im Industrieabfall.

Komplexe räumliche Struktur

Dabei weisen alle ihre farbigen Wand-Objekte eine doppelte Struktur auf. Das verborgene Innerste, die feste Substanz ihrer Arbeiten besteht aus Plastik, dem man eine Form geben kann und das diese Form dann auch behält. Zu sehen und zu spüren aber ist nur die Oberfläche, mal flauschiger Flock, dann wieder verstörend glänzender Mehrschichtlack. Was haben Inneres und Oberfläche bei ihr miteinander zu tun, findet da ein Transfer, eine Übersetzung statt? Vielleicht. Gemeinsam ist ihnen ja die komplexe räumliche Struktur, an der Mathematiker, speziell Topologen ihre Freude hätten.

Der erste Eindruck trügt nicht. So wie Sascha Banck freie, improvisierte Musik hört und tanzt, bevor sie zu malen beginnt, so steht am Anfang der Pryvalschen Falten-Objekte die Lektüre des Philosophen Leibniz, der nicht nur die Mathematik und die Wahrscheinlichkeitstheorie revolutioniert hat, sondern uns auch lehrt, dass es nicht nur einen Raum gibt, sondern viele virtuelle, die, wenn schon nicht so ohne weiteres unseren Sinnen, so doch unserem Denken zugänglich sind: mögliche Welten.

Wo der Raum sich faltet, wie bei Iryna Pryval, da sind die Rätsel des Unendlichen nie sehr weit. Wobei das Wunderbare darin besteht, dass das, was bei Leibniz so abstrakt und schwer zugänglich ist, bei ihr – noch ein Transfer! – direkt zu den Sinnen spricht, auf die zarteste Weise.

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