mz_logo

Kultur
Montag, 11. Dezember 2017 4

Theater

Zerbrechen an Stolz, Neid und Begierde

Fesselnder Regensburger Spielzeitauftakt mit Schillers „Maria Stuart“ als Psychogramm zweier starker Frauen im Velodrom.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Maria Stuart (Verena Maria Bauer) setzt Elisabeth (Andine Pfrepper) herab. Fotos: Jochen Quast

Regensburg.Spannender kann ein Spielzeitauftakt kaum sein. Am Morgen des Premierenabends stand es für die Aufführung Spitz auf Knopf: Gunnar Blume, der als Burleigh Maria Stuarts eisernsten Gegenpart spielen sollte, jenen Ratgeber der Elisabeth, der die Königin von Schottland dann auch voreilig köpfen lässt, war erkrankt. Als Retterin in der Not sprang Regisseurin Mélanie Huber ein, routiniert schon in Spontaneinsätzen dieser Art, wie Intendant Jens Neundorff von Enzberg bei der Begrüßung des Publikums zur ersten Premiere dieses Theaterherbstes im Velodrom hervorhob.

Und doch war es ein enormes Wagnis, das vom Publikum vor und nach der Aufführung zwar mit viel Applaus gewürdigt wurde. Doch Gunnar Blume fehlte. Diese Bemerkung schmälert in nichts Mélanie Hubers Verdienst, ist aber wichtig für die Beurteilung des Ganzen. Denn diese außergewöhnliche Premiere darf nicht mit dem üblichen Maß gemessen werden, sondern – soviel vorab: Diese schöne Inszenierung verdient es, noch einmal gesehen zu werden, wenn auch der wichtige Gegenspieler der Stuart in Topform ist.

Unumstößlichkeit der Verhältnisse

Mortimer (Philipp Quest) ist tot. Sein Onkel Paulet (Michael Haake) hält seinen Leichnam. Das Ensemble in einem der lebendigen Bilder, nachempfunden der Pietà. Foto: Jochen Quast

Angekündigt war eine Neufassung von Schillers Drama, lebendiger als bisherige, fast schon shakespearehaft. Dies erfüllt sich nur zum Teil. Gerade zu Beginn bleibt das Spiel weitgehend statisch. Nora Johanna Gromers Bühne, dieses kupferrot leuchtende Mauerbollwerk, das sich als Marias Gefängnis verengt und als Elisabeths Palast weitet, ist sehr ästhetisch und wird von Wanja Ostrower in zartes Licht getaucht. Doch diese Burgen verstärken den statischen Eindruck, auch den der Unumstößlichkeit der Verhältnisse.

Dies wird erst bei der Begegnung der beiden Königinnen wirklich anders: Da fangen Emotionen an zu sprühen, da werden die Charaktere greifbar, da wird das Innere nach Außen gekehrt: Wut, Hass, Begierde nach Liebe ebenso wie nach Macht – dies sprudelt aus den beiden Frauen, die sich einen Konkurrenzkampf liefern und sich dabei, hier geht Mélanie Hubers Konzept ganz auf, verdammt ähnlich sind – was schon Lena Hiebels schlicht-raffinierte Kostüme zeigen. „Sie ist ganz wie ich“, erkennt auch Maria in diesem Psychogramm zweier starker Frauen.

Verena Maria Bauer als Maria und Andine Pfrepper als Elisabeth spielen zu Beginn eher verhalten, karg, und dann ganz groß. Wie sich die Königinnen über die jeweils andere erheben, wie sie zweifeln und straucheln, sich geschlagen geben und sich wieder zu voller Größe strecken – das stellen beide Schauspielerinnen ganz großartig dar. Sie lassen die inneren Erschütterungen ihrer Figuren ergreifend nach außen dringen. Ob zartes Zittern oder vollständiger Zusammenbruch – das kommt beim Publikum fast körperlich spürbar an. Und auch die Erkenntnis, dass es in diesem Spiel keine Gewinnerin geben kann: Maria ist tot, Elisabeth isoliert, vernichtet, in Schuld und Scham gefangen.

Ausgezeichnete Ensembleleistung

Unter den Augen von Davison (Silke Heise) unterzeichnet Elisabeth (Andine Pfrepper) das Todesurteil. Foto: Jochen Quast

Ergänzt wird diese hervorragende Leistung der beiden Protagonistinnen von einem ausgezeichnet agierenden Ensemble, das Huber zwischendurch in etlichen lebenden Bildern nach Art der Alten Meister eingefriert. Ob Silke Heise als Davison und für die anderen unsichtbar anwesender Erzähler und Kommentator, Franziska Sörensen als Dame Talbot, die Elisabeth das Leben rettet und doch von der Mörderin der Maria abrückt, oder Josephine Raschke als Hanna – sie alle verleihen ihren Figuren zuverlässig ein klares Profil.

Philipp Quest beeindruckt in seiner ersten Rolle als Ensemblemitglied am Theater Regensburg: als Mortimer, der Maria liebt, retten will und sich dann, als Verräter enttarnt, verzweifelt in den Dolch stürzt. Michael Haake spielt schön den aufrechten Paulet, der Maria nicht gedungenen Mördern überlassen will, aber an die Gerechtigkeit von Elisabeths Gericht glaubt. Benno Schulz ist als ein unaufdringlicher Leicester zu erleben, dessen Ränkespiel und Wankelmut von einer Königin zur anderen stärker ins Bewusstsein gerückt werden könnte. Wie die meisten Ensemblemitglieder ist er in mehreren Rollen zu erleben und schlüpft sekundenschnell von der des buckligen Kent in die Haut des doppelten Liebhabers Leicester.

Martin von Allmen hat die Musik für diese Inszenierung komponiert und tritt als Musiker auf. Foto: Jochen Quast

Martin von Allmens Musik, mal liturgisch wirkender A-cappella-Gesang, mal Archaisches, Volksliedhaftes und Kindliches, trägt nicht immer. Stephan Teuwissens Neufassung ist dicht, stringent und ganz Schiller. Sie wird in Mélanie Hubers Inszenierung packend umgesetzt. Vom Premierenpublikum gab es hierfür viel Applaus.

Maria Stuart

  • Inszenierung

    Das Trauerspiel von Friedrich Schiller wurde von Stephan Teuwissen bearbeitet und von Mélanie Huber inszeniert. Bühne: Nora Johanna Gromer. Kostüme: Lena Hiebel. Musik: Martin von Allmen. Licht: Wanja Ostrower. Dramaturgie: Anastasia Ioannidis, Meike Sasse.

  • Das Ensemble

  • Elisabeth: Andine Pfrepper; Maria Stuart: Verena Maria Bauer; Davison / Chor: Silke Heise; Leicester / Kent / Darnley: Benno Schulz;

  • Talbot / Gertrude: Franziska Sörensen; Burleigh / Boswill / Leslie: Bei der Premiere sprang Regisseurin Mélanie Huber für den erkrankten Gunnar Blume ein; Paulet / Kardinal / Bellievre / Höfling eins: Michael Haake; Mortimer / Aubespine / Page: Philipp Quest; Hanna / Höfling zwei: Josephine Raschke: Rizzio, Sänger: Martin von Allmen

  • Weitere Aufführungstermine

    Die Inszenierung wird erneut gezeigt am Montag, 25. September, 19.30 Uhr, 27., 29. und 30.September, 1., 4. 5., 6., 8., 10. und 11. Oktober und wieder ab Januar. Karten-Telefon (09 41) 507 24 24. Infos gibt es im Internet auf der Homepage des Theaters Regensburg

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht